Pyramiden von Gizeh: Rätsel um den Transport der Steinblöcke gelöst

Wie kam das tonnenschwere Baumaterial auf die Pyramidenbaustelle? Obwohl Reste von Hafenanalagen am Plateau gefunden wurden, war der Transport über Wasser bisher nur eine Theorie – für die eine neue Studie jetzt beeindruckende Beweise liefert.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 7. Sept. 2022, 08:29 MESZ
Die Baustelle von Gizeh: Im Hintergrund stehen die Pyramiden während im Vordergrund des Bildes Boote über ...

Wie auf dieser Illustration zu erkennen ist, lag die Baustelle von Gizeh einer neuen Studie zufolge direkt am Wasser, sodass die schweren Steinblöcke für den Pyramidenbau direkt zu ihren Füßen entladen werden konnten.

Foto von Alex Boersma / PNAS

Cheops, Chephren und Mykerinos: Die drei Pyramiden von Gizeh sind das einzige heute noch erhaltene Weltwunder der Antike – und ebenso wie die Menschen vor Tausenden von Jahren versetzen auch sie uns rund 4.500 Jahre nach ihrer Erbauung noch in Erstaunen. Die Cheopspyramide – das größte der drei Monumentalbauwerke – bestand einst aus rund drei Millionen Steinblöcken mit einem durchschnittlichen Gewicht von 2,5 Tonnen. Noch immer wird gerätselt, wie das schwere Baumaterial ohne die Hilfe moderner Kräne und Maschinen auf die Baustelle gebracht wurde.  

Die aktuelle Studie eines Teams aus französischen, chinesischen und ägyptischen Wissenschaftlern, die in der Zeitschrift PNAS erschienen ist, liefert nun Nachweise dafür, dass der sogenannte Cheops-Arm – ein Seitenarm des Nils – beim Bau der Pyramiden eine entscheidende Rolle gespielt hat.

Die Pyramiden von Gizeh

Per Lastenkahn über Nil und Cheops-Arm

Das Pyramidenplateau lag zur Zeit des Baus mehrere Kilometer vom Westufer des Nils entfernt – Tausende Jahre später hat sich die Distanz sogar noch vergrößert. Trotzdem spielte die Wasserkraft des Flusses bei dem Bauprojekt eine wichtige Rolle. „Die ägyptischen Baumeister nutzen offenbar den Nil und seine jährlichen Überschwemmungen, um mit einem ausgeklügelten System aus Kanälen und Becken einen Hafenkomplex am Fuße des Gizeh-Plateaus zu erschaffen", erklärt Hader Sheisha, Hauptautorin der Studie von der Universität Aix-Marseille in Frankreich.

Schon länger wurde vermutet, dass für den Transport des Baumaterials der heute ausgetrocknete Cheops-Arm beschifft wurde. Damit die schwerbeladenen Lastkähne ihn befahren konnten, soll er vertieft und an seinem Westufer ein Kanal angelegt worden sein, der direkt zu einem Hafen am Pyramidenplateau führte. Die jährlichen Überschwemmungen des Nils hätten dieser Theorie nach eine hydraulische Wirkung gehabt, die den Transport des tonnenschweren Materials erheblich erleichterte.

Als bestätigt galt diese Hypothese bisher aber nicht. Es war unklar, ob Nil und Cheops-Arm zur Zeit des Pyramidenbaus schiffbar waren, ihre Wasserstände für diese Art von Nutzung also hoch genug waren. Um diese Fragen zu klären, untersuchten Sheisha und ihr Team fünf Bohrkerne, die aus einem Gebiet östlich des Pyramidenkomplexes stammen, durch das einst der Cheops-Arm floss. Dabei lag ihr Hauptaugenmerk auf in den alten Sedimenten konservierten Pollenkörnern. Die Analyse solch jahrtausendealter Reste blühender Pflanzen konnte bereits in anderen Studien dabei helfen, Landschaften und klimatische Bedingungen lange vergangener Zeiten zu rekonstruieren.

Rekonstruktion einstiger Landschaften – mit Pollen

Dem Team gelang es, in den Bohrkernen das Vorhandensein und Verschwinden von mehr als 60 Pflanzenarten – darunter Papyrus und Seggen, aber auch Datteln, Palmen, Getreide und Farne – über einen Zeitraum von mehr als 8.000 Jahren nachzuweisen. Anhand des Wechsels von Land- zu Sumpf- und Wasserpflanzen war es den Forschenden möglich, den Anstieg und Fall des Wasserspiegels des Cheops-Arms in diesem Zeitraum nachzuvollziehen.

Im nächsten Schritt setzen die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse mit historischen Aufzeichnungen in Zusammenhang. Dabei zeigte sich, dass in Ägypten bis etwa 3500 v. Chr. ein relativ feuchtes Klima herrschte, das Nil und Cheops-Arm anschwellen ließ. Ab etwa 3000 v. Chr. begannen die Wasserstände abzunehmen und die Menschen besiedelten das fruchtbare Niltal.

Obwohl also auch während der Herrschaftszeiten der Pharaonen Cheops (2589 bis 2566 v. Chr.), Chephren (2570 bis 2530 v. Chr.) und Mykerinos (2530 bis 2510 v. Chr.) der Studie zufolge die Pegel weiter sanken und die Überschwemmungen abnahmen, führten sowohl Nil als auch Cheops-Arm weiterhin genug Wasser, um den Transport von Baumaterial direkt zum Pyramiden-Plateau zu ermöglichen.

Dieses Ergebnis der Pollenanalyse wird durch historische Aufzeichnungen sowie Untersuchungen chemischer Marker in den Zähnen und Knochen ägyptischer Mumien gestützt. Um 600 v. Chr. versiegte der Cheops-Arm dann vollständig.

Umweltdaten unterstützen die Archäologie

„Dank unserer Rekonstruktion der Pegelstände des Cheops-Arms können wir die Flusslandschaften zur Zeit des Baus des Pyramidenkomplexes von Gizeh nachvollziehen und dadurch zeigen, dass die Baumeister des Alten Ägyptens die fluviale Umwelt – den Nil und seine jährlichen Überschwemmungen – tatsächlich nutzten, um ihre Monumentalbauten zu errichten“, sagt Sheisha.

Durch ihre Verknüpfung von Umwelt- und historischen Daten kann die Studie konkretere Belege für die Transportwege zu Wasser liefern, als die Archäologie allein. Sheisha zufolge ist der ihrer Studie zugrunde liegende Ansatz deshalb auch dafür geeignet, die Wasserlandschaften anderer ägyptischer Pyramidenkomplexe zu rekonstruieren – etwa die der südlich von Gizeh gelegene Djoser-Pyramide oder Daschuhr. 

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