Tausend Jahre alter Cold Case gelöst: Mumien aus den Anden wurden brutal ermordet

Mithilfe von CT-Scans ist es einem spanischen Forschungsteam gelungen, die Todesursachen dreier Andenmumien zu rekonstruieren. Ihre Ergebnisse erzählen Geschichten der Gewalt.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 19. Sept. 2022, 10:25 MESZ
Zwei Mumien aus der Andenregion.

Die beiden Mumien aus der Sammlung des Musée jurassien d’art et d’histoire (MJAH) in Delémont, Schweiz. Während die weibliche Mumie keine Anzeichen von Gewalt aufweist, ist der männliche Leichnam mit Verletzungen übersät.

Foto von Instituto de Estudios Científicos en Momias, Madrid

Dass es in der Andenregion in der Vergangenheit oft gewaltsam zuging, ist bekannt: Immer wieder werden bei archäologischen Ausgrabungen Hinweise auf grausame Kriege oder dargebrachte Menschenopfer entdeckt. Für die Forschung sind vor allem die südamerikanischen Mumien von Interesse. Diese findet man nämlich nicht nur im alten Ägypten, sondern auch in der Andenregion, wo die Körper der Toten durch spezielle Bestattungstechniken oder durch das trockene Klima auf natürliche Weise mumifizierten. 

Wenn es darum geht, herauszufinden, woran ein Mensch gestorben ist, lässt sich die Ursache anhand des gut erhaltenen Körpergewebes einer Mumie leichter ermitteln als nur anhand eines Skeletts. Diesen Umstand machte sich ein Forschungsteam vom Zentrum für Mumienforschung in Madrid zunutze, um einen Cold Case zu lösen: Mithilfe einer rein virtuellen Autopsie ermittelten die Archäologin Anna-Maria Begerock und ihre Kollegen die Todesursache dreier präkolumbischer Mumien. Ihr schockierender Befund: In zwei Fällen war es Mord – und ein äußerst brutaler noch dazu. Diese Ergebnisse veröffentlichte das Team in einer Studie, die in der Zeitschrift Frontiers in Medicine erschienen ist.

So sieht das Gesicht einer 1.600 Jahre alten Mumie aus

Tausend Jahre alter Cold Case

Mittels moderner Techniken wie der DNA-Analyse ist es heute möglich, bisher ungeklärte Kriminalfälle – sogenannte Cold Cases – auch noch Jahrzehnte nach der Tat zu lösen. Im Fall der präkolumbischen Mumien ist seit den Morden sogar ein ganzes Jahrtausend vergangen. Anhand von Ganzkörper-CT-Aufnahmen und der Radiokarbonmethode ermittelte das Forschungsteam rein virtuell den Erhaltungszustand der Mumien, ihr Alter und ihr Geschlecht. Daraufhin begannen sie mit den forensischen Untersuchungen.

Eine der Mumien wird normalerweise in Marburg aufbewahrt und trägt darum den Namen Marburg-Mumie. Gefunden wurden die sterblichen Überreste des Mannes in einem rund tausend Jahre alten Grab im Norden Chiles. Entsprechend der Bestattungsbräuche der Arica war er in Hockstellung begraben; darum wird davon ausgegangen, dass er dieser Kultur angehörte. „Die Analyse der Textilien, Keramiken und Angelwerkzeuge, die mit seinem natürlich mumifizierten Körper begraben wurden, lässt darauf schließen, dass er vermutlich Teil der Fischergemeinschaft gewesen ist“, heißt es in der Studie.

Die Marburg-Mumie wurde – gemäß der Bestattungsbräuche der Arica-Kultur – in Hockstellung begraben.

Foto von Instituto de Estudios Científicos en Momias, Madrid

Die beiden anderen Mumien, ein Mann und eine Frau aus dem südamerikanischen Raum, sind Teil der Sammlung des Musée jurassien d’art et d’histoire (MJAH) in Delémont in der Schweiz. Die Radiokarbonmethode ergab für die männliche Mumie ein Alter von über 1.000 Jahren, die weibliche Mumie ist ihr zufolge knapp über 800 Jahre alt. Mann und Frau sind demnach nicht gleichzeitig gestorben. Was den Forschenden ebenfalls auffiel: Statt in der üblichen Hockstellung lagen die Mumien ausgestreckt auf dem Rücken in ihren Gräbern. 

Das deformierte Gesicht der männlichen Mumie aus Delémont zeigt, dass der Mann zu Lebzeiten regelmäßig roher Gewalt ausgesetzt war.

Foto von Instituto de Estudios Científicos en Momias, Madrid

Brutale Vergangenheit

Die forensischen Untersuchungen des Teams erzählen eine Geschichte der Gewalt: Die beiden männlichen Mumien wurden demnach äußerst brutal ermordet. Die computertomographischen Bilder zeigen deutlich die extremen Gewalteinwirkungen, die zum Tod der Männer führten. Die Marburg-Mumie war zum Zeitpunkt des Todes zwischen 20 und 25 Jahre alt. Die Ursache ihres Todes: ein aggressiver Angriff von einem oder zwei Tätern. Nach den Brüchen im Schädelbereich zu urteilen, traf den Mann zunächst ein harter Schlag ins Gesicht, gefolgt von einem auf den Kopf. Danach wurde er – vermutlich durch einen zweiten Angreifer – mit einer dolchähnlichen Waffe in den oberen Rücken gestochen. Dieser Stich verletzte seine Lunge und mutmaßlich auch die Aorta. „Durch den massiven Blutverlust muss der Marburg-Mann innerhalb weniger Sekunden das Bewusstsein verloren haben. Er starb ohne jede Abwehrreaktion“, heißt es in der Studie. Offenbar war der Mann von dem Angriff überrascht worden.

Noch brutaler fand das Leben des zweiten Mannes, der zum Zeitpunkt seines Todes wahrscheinlich zwischen 40 und 60 Jahre alt war, ein Ende: Die forensischen Untersuchungen ergaben, dass dieser schon vor seinem Tod großer Gewalt ausgesetzt gewesen sein muss. Das belegen Spuren verheilter Verletzungen. Die Archäologen sprechen von „wiederkehrenden Traumata“, die anhand seines entstellten Gesichts und mehrerer Rippen- und Schädelbrüche erkennbar sind. Gestorben ist der Mann schließlich durch einen heftigen Schlag auf die linke Schläfe, der ihm den Schädel brach. Zusätzlich konnten die Forschenden einen Bruch der Halswirbelsäule feststellen: „Die deutliche Verschiebung der beiden Wirbelkörper von C3 und C4 ist schon für sich genommen tödlich und hatte den sofortigen Tod zur Folge.

Moderne Methoden enthüllen Lebensbedingungen 

Nur der Tod der weiblichen Mumie aus Delémont scheint nicht durch extreme Gewalteinwirkung herbeigeführt worden zu sein. Die Funde bestätigen die wissenschaftliche Feststellung, dass durchschnittlich 21 Prozent der männlichen Toten aus der Andenregion in dieser Zeit Spuren von Gewalt an ihrem Körper aufweisen. Frühere Ergebnisse von Skelettanalysen können jetzt durch Erkenntnisse aus der Untersuchung von Mumien ergänzt werden. „Moderne CT-Scans mit der Möglichkeit von 3D-Rekonstruktionen eröffnen uns einzigartige Einblicke in den Körper“, erklärt Co-Autor Andreas Nerlich, Pathologe an der München Klinik Bogenhausen. Mithilfe dieser Methode könnte es möglich werden, bald ein noch genaueres Bild des Lebens der südamerikanischen Bevölkerung vor über tausend Jahren zu zeichnen. 

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