Brasilien: Die enorme Widerstandskraft der Quilombos

Millionen Afrikaner wurden in Brasilien versklavt. Die Nachfahren jener Menschen, die damals in Brasilien der Sklaverei entfliehen konnten, leben in sogenannten Quilombos und kämpfen für Anerkennung.

Von Paula Ramón
Veröffentlicht am 10. Nov. 2022, 12:41 MEZ
Brasilien: Opfergaben zu Ehren von Iemanjá, der Göttin des Ozeans

In Salvador stechen Railson Barbosa und Anna Giulia de Oliveira Xavier dos Santos in See. Sie bringen Opfergaben zu Ehren von Iemanjá, der Göttin des Ozeans. Ursprünglich im Yoruba-Glauben in Nigeria verehrt, ist Iemanjá eine der beliebtesten religiösen Figuren in Brasilien.

Foto von María Daniel Balcazar

Quilombos sind in Brasilien seit Langem ein Symbol des Widerstands gegen Unfreiheit und Unterdrückung. Da Silva, Geschäftsführerin der Conaq (einer Art Dachorganisation der Quilombola-Gemeinschaften), sagt, sie repräsentierten „den Kampf um die Anerkennung der Rechte der Schwarzen und die Rolle, die sie in dem Prozess der Gewalt gespielt haben, der mit ihrer Entführung aus Afrika begann“.

Ihr Heimatort Conceição das Crioulas liegt im Bundesstaat Pernambuco und hat etwa 4000 Einwohner. Mündlichen Überlieferungen zufolge siedelten sich dort zu Beginn des 19. Jahrhunderts Frauen an, „aber wir wissen nicht, warum sie alleine kamen“, sagt da Silva. Die Zugehörigkeit zu einem Quilombo hänge nicht in erster Linie mit der Hautfarbe zusammen, so da Silva weiter. Die Verbindung sei vielmehr „die Beziehung, die diese Gruppe im Prozess des Widerstands gegen die Sklaverei aufgebaut hat. Das Wort benennt eine Gruppe von Menschen, die kämpfen, die Widerstand leisten, die sich neu organisieren.“

Quilombos: 1,1 Millionen Bewohner ohne Schutzstatus

Bereits ab 1530 und über 350 Jahre lang brachten Schiffe mehr versklavte Afrikaner nach Brasilien– etwa 4,8 Millionen – als in jedes andere Land auf dem amerikanischen Kontinent. Bis 1888 waren viele Gefangene geflohen und hatten Gemeinden gegründet. Offiziellen Schätzungen zufolge leben heute 1,1 Millionen Menschen in etwa 5900 Quilombos. Doch auch heute, 34 Jahre nachdem Brasilien die Eigentumsrechte der in den Quilombos lebenden Menschen afrikanischer Abstammung anerkannt hat, haben weniger als zehn Prozent der Gemeinschaften von der Regierung einen Schutzstatus erhalten, der sie ähnlich wie indigenes Land vor der Erschließung schützen würde.

Nach Angaben des brasilianischen Instituts für Geografie und Statistik geben fast 56 Prozent der Brasilianer – etwa 119 Millionen Menschen – an, afrikanischer Abstammung zu sein. Dennoch werden die meisten Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Kunst von Weißen besetzt. Das Durchschnittseinkommen der Afrobrasilianer ist nicht viel mehr als halb so hoch wie das der Weißen, wie eine Studie des Instituts aus dem Jahr 2020 zeigt. Dieses Lohngefälle hat sich seit mindestens einem Jahrzehnt kaum verändert.

Quilombos: Flucht in den Dschungel

„In der Stadt wollen die Bosse uns für manuelle Arbeit. Wir arbeiten viel, verdienen aber sehr wenig; es ist also immer noch ein Sklavenprozess“, sagt Benedito de Freitas, 42, der in der Comunidade Remanescente Quilombola João Surá im Südosten Brasiliens lebt. Wie die anderen 55 Familien dort hat auch de Freitas Vorfahren, die vor der Versklavung in den Goldminen der Region geflohen sind und sich im Dschungel niedergelassen haben. „Wenn es uns heute gibt, dann deshalb, weil unsere Vorfahren die Freiheit gesucht haben“, sagt er. „In den Quilombos werden Schwarze Männer und Frauen respektiert, auch wenn sie unterdrückt werden.“

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Foto von National Geographic

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