Die Kindermumie aus dem österreichischen Hochadel

In einer Grabkammer in Oberösterreich wurde eine etwa 400 Jahre alte Kindermumie gefunden. Neue Untersuchungen zeigen, wer das Kleinkind aus der Renaissance war – und warum  es so jung starb.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 4. Nov. 2022, 15:21 MEZ
Ganzkörperansicht der Mumie.

Die Mumie aus der Familiengruft von Hellmonsödt ist auch nach über 400 Jahren noch erstaunlich gut erhalten. Bestattet wurde das in einen Seidenmantel gehüllte Kleinkind in einem Holzsarg.


 

Foto von Nerlich et. al

Über die Lebensumstände von Kleinkindern im Laufe der europäischen Geschichte ist bisher eher wenig bekannt. Das liegt vor allem daran, dass von ihnen nur selten gut erhaltene Überreste gefunden werden, deren Untersuchung Aufschluss über die Kindheit in vergangenen Jahrhunderten geben könnte.

Umso wertvoller ist die Entdeckung einer Kindermumie in Österreich, die jetzt erste Einblicke in das Leben von Adelskindern im 16. und 17. Jahrhundert erlaubt. Der kleine Junge, der in einem Seidenumhang begraben und in der Gruft einer bekannten Adelsfamilie gefunden wurde, war erst anderthalb Jahre alt als er starb.

Um einerseits den Gesundheitszustand des Jungen zu Lebzeiten zu untersuchen und andererseits seine Identität zu ermitteln, führte ein Team aus deutschen und österreichischen Forschenden bei der Mumie eine ausführliche medizinische Untersuchung durch. Die begleitende Studie wurde im Fachmagazin Frontiers in Medicine veröffentlicht.

Säuglingsmangel in der Geschichtsforschung

Entdeckt wurde die Kindermumie in der Gruft des Hochadelsgeschlechts Starhemberg im oberösterreichischen Hellmonsödt. Die Familiengruft wurde hauptsächlich im 16. und 17. Jahrhundert genutzt und beherbergt zehn kunstvoll verzierte Särge aus Metall. Der Sarg, in dem die Überreste des Jungen lagen, wurde allerdings aus Holz gefertigt und ist um einiges kleiner als die Metallsärge. Er ist der einzige Kindersarg in der Gruft.

Durch den CT-Scan konnten die Forschenden eine 3D-Rekonstruktion des Skeletts erstellen.

Foto von Nerlich et. al

Doch nicht nur das macht den Fund besonders. Außergewöhnlich ist vor allem der extrem gute Erhaltungszustand der Mumie. Weil Weichteilgewebe und Knochen von Säuglingen in menschlichen Erdbestattungen sehr schnell und vollständig absterben, spricht man in der Geschichtsforschung oft von einem „Säuglingsmangel“. Das für die Forschung brauchbare Überreste von Kindern erhalten bleiben, ist oft nur durch natürliche Mumifikation möglich. Voraussetzung hierfür sind geschützte Lagerungsbedingungen – etwa so wie im Fall der Kindermumie in einer Gruft.

Dank seines guten Erhaltungszustands war es den Forschenden möglich, einen CT-Scan des Körpers zu erstellen und anhand von Hautproben eine zusätzliche Radiokarbondatierung durchzuführen. Auf diese Weise grenzten sie das Alter des Jungen zum Zeitpunkt seines Todes auf 10 bis 18 Monate ein. Gestorben war er den Untersuchungsergebnissen zufolge zwischen den Jahren 1550 und 1635. Durch das Abgleichen dieser Daten mit dem Stammbaum der Starhembergs kam das Forschungsteam der Identität des Kindes auf die Spur. Es fand sich nur ein möglicher Kandidat: Reichard Wilhelm von Starhemberg, dessen Großvater Reichard von Starhemberg neben ihm in der Gruft bestattet worden war. Abschließend bestätigt werden muss diese Erkenntnis allerdings noch durch weitere Untersuchungen.

Rachitis durch Vitamin-D-Mangel

Dass der Junge zu Lebzeiten in jedem Fall über eine besondere Stellung im österreichischen Hochadel verfügt haben muss, verrät unter anderem der Seidenumhang, den er bei seiner Bestattung trug. Aber auch die Körperfettmasse, die der Studie zufolge noch immer deutlich erkennbar ist, ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: Der Junge war wohlgenährt. Auch das legt nahe, dass er einen hohen Status innehatte.

Gesund war das Kind jedoch nicht. Deformierungen an Brustkorb und Rippen weisen laut den Forschenden darauf hin, dass der Adelsjunge an Rachitis gelitten hat – eine Krankheit, die durch Sonnenlichtmangel und das daraus resultierende Vitamin-D-Defizit ausgelöst wird. Laut der Studie war es zur damaligen Zeit gängige Praxis adeliger Personen, Sonnenlicht zu meiden, um eine sogenannte vornehme Blässe zu erhalten. Offenbar begann man damit schon im frühesten Kindesalter.

Für den kleinen Jungen war dieser Mangel an ultravioletter Strahlung möglicherweise sein Todesurteil. Untersuchungen der Lunge erbrachten Hinweise auf eine Lungenentzündung, die oftmals Folge von Rachitis ist. Laut Andreas Nerlich, Hauptautor der Studie, leisten die Ergebnisse einen wichtigen Beitrag für die weitere Erforschung der Lebensbedingungen von Kleinkindern aus dem Hochadel früherer Bevölkerungen.

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