Chinchorro-Kultur in Chile: Die ältesten Mumien der Welt

Die kunstvoll verzierten und über Jahrtausende erhaltenen Mumien in der Atacama-Wüste sind vom Verfall bedroht. Ihr neuer Status als UNESCO-Weltkulturerbe könnte ihre Rettung bedeuten – doch viel Zeit bleibt nicht.

Von Mark Johanson
Veröffentlicht am 3. Nov. 2021, 14:27 MEZ, Aktualisiert am 3. Nov. 2021, 19:30 MEZ
Die ersten sogenannten Chinchorro-Mumien wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Atacama-Wüste im heutigen Chile ...

Die ersten sogenannten Chinchorro-Mumien wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Atacama-Wüste im heutigen Chile entdeckt. Sowohl sie als auch Kulturstätten, die mit ihnen in Verbindung stehen, sind jetzt Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. 

Foto von Martha Saxton, National Geographic Image Collection

Die Atacama-Wüste in Chile ist mit einer durchschnittlichen jährlichen Niederschlagshöhe von einem halben Millimeter die trockenste der Welt. Als der deutsche Archäologe Max Uhle sich im Jahr 1917 auf eine Forschungsreise in die Küstenwüste in der Nähe der Stadt Arica begab, stieß er auf eine äußerst seltsame Sammlung menschlicher Überreste, die zu weiteren Ausgrabungen in der hyperariden Erde führte. Diese förderten mehrere Mumien zutage, die mit Stöcken und Schilf ausgestopft waren. Die Köpfe waren mit aufwendigen Perücken verziert und sie trugen auffällige Masken aus rotem und schwarzem Lehm.

„An vielen der Kadaver stellten wir Verletzungen fest, die ihnen nach dem Tod zugefügt wurden: Bei manchen wurde der Kopf mit einem Künstlichen ersetzt und Arme und Beine gegen solche aus Stroh getauscht“, steht es in Max Uhles Aufzeichnungen.

Die sterblichen Überreste der frühen Menschen sind inzwischen als Chinchorro-Mumien bekannt geworden. Die Mitglieder der Chinchorro-Kultur waren Jäger und Sammler, die von etwa 7.000 bis 1.500 v. Chr. an dem Abschnitt der Pazifikküste lebten, der sich vom nördlichen Chile bis ins südliche Peru erstreckt. Die zwölf von Max Uhle entdeckten Fossilien wurden nach ihrer Ausgrabung dokumentiert und gerieten dann über einen Zeitraum von ungefähr 50 Jahren größtenteils in Vergessenheit.

Im Azapa-Museum in Arica, Chile, werden die Chinchorro-Mumien gelagert und untersucht. In der aktuellen Ausstellung ist nur ein kleiner Teil der Mumiensammlung zu sehen. Ein neues archäologisches Museum befindet sich derzeit in direkter Nachbarschaft im Bau.

Foto von Ivan Alvarado, Reuters, Alamy

Doch nun hat die UNESCO die Mumien und die Kulturstätten der Chinchorro im Juli 2021 auf die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, was zu einem neu erwachten Interesse an dem mehr als hundert Jahre alten Fund geführt hat. In der kleinen Provinzhauptstadt Arica befindet sich derzeit ein hochmodernes Museum im Bau, in dem die Mumien optimal gelagert und für Besucher ausgestellt werden sollen. Der Erhaltungszustand der Mumien ist durch den Klimawandel stark gefährdet. Nun besteht neue Hoffnung, dass durch die offizielle Anerkennung ihrer Bedeutung und der Notwendigkeit ihres Erhalts vielleicht doch noch rechtzeitig gehandelt werden kann, um ihren Verfall aufzuhalten.

Mumifizierung vor Jahrtausenden

Verschiedene Kulturen in Afrika und Asien mumifizieren ihre Verstorbenen schon seit Tausenden von Jahren. Die Chinchorro-Mumien sind allerdings bewiesenermaßen die ältesten künstlichen Mumien: Sie entstanden ungefähr 2.000 Jahre bevor die alten Ägypter erstmals einen Pharao mit Bandagen einwickelten. Dass die Chinchorro-Mumien so lange unbemerkt blieben hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Kultur nicht durch eindrucksvolle Pyramiden oder ambitionierte Einflussnahme auf das Weltgeschehen auffiel. Ihre Mitglieder hüllten ihre Verstorbenen – unabhängig von Stand und Status – in bescheidene Leichentücher aus Schilf und vergruben sie oberflächlich in der trockenen Wüstenerde.

„Die meisten Weltkulturerbestätten sind monumental – Machu Picchu zum Beispiel“, sagt Bernardo Arriaza, Anthropologe an der Universidad de Tarapacá, der sich stark für die Aufnahme der Stätten der Chinchorro-Kultur auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes eingesetzt hat. „Über die frühen Jäger und Sammler wissen wir kaum etwas – ebenso wenig über ihre Siedlungen. Sie waren unauffällig und haben kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Deswegen finden sie heute so wenig Beachtung.”

BELIEBT

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    Der Camarones durchschneidet die Atacama-Wüste in Chile. In dieser trockenen Region wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Chinchorro-Mumien ausgegraben.

    Foto von De Agostini, Getty Images

    In dem Tal, in dem der Fluss Camarones in den Pazifik fließt und in dem vor etwa 7.000 Jahren die Chinchorro lebten, liegt heute – fast 100 Kilometer von Arica entfernt – das kleine Fischerdorf Caleta Camarones. Es ist ein unerwarteter Farbtupfer in der ansonsten monochromen Landschaft der Atacama-Wüste, der nicht nur einen goldenen Sandstrand und einige Empanada-Restaurants zu bieten hat, sondern auch mehrere Chinchorro-Gräber.

    Ein besonders eindrücklicher Hinweis auf die Anwesenheit der Chinchorro-Kultur findet sich entlang der Straße ins Tal in Form von sechs gigantischen Statuen, von denen manche fast fünf Meter hoch sind. Allerdings stammen sie nicht aus der Chinchorro-Zeit. Sie wurden erst vor einigen Jahren angefertigt und in der Nähe der archäologischen Fundstellen aufgestellt, um die unsichtbaren Mumien, die in der braunen Erde vergraben sind, für Vorbeireisende sichtbar zu machen.

    Die Region von Caleta Camarones ist auch die Gegend, in der die Chinchorro um 5.050 v. Chr. ihre Mumifikationstechniken weiterentwickelten. Die Bewohner des Tals entnahmen den Verstorbenen Muskeln und Organe und brachten die Skelette mit Stöcken, Schilf und Lehm in Form. Kunsthandwerker nähten das Konstrukt dann mit Menschen- oder Seelöwenhaut wieder zusammen.

    Links: Oben:

    Die Mumie eines kleinen Jungen auf einer Grabmatte aus Schilf.

    Rechts: Unten:

    Die Chinchorro verzierten die Mumien mit Masken aus Lehm und brachten die toten Körper mit Holzstücken in Form.

    bilder von Martha Saxton, National Geographic Image Collection

    Das Wasser des Camarones hat eine natürliche Arsen-Konzentration, die weit über der liegt, die laut modernen Trinkwasserstandards erlaubt ist. Dies führte Bernardo Arriaza zufolge vermutlich zu vielen versehentlichen Vergiftungen, Fehlgeburten und einer hohen Kindersterblichkeit, die dann wahrscheinlich die zeremonielle Bearbeitung der Leichen nach sich zog. Bei den meisten frühen Mumien handelt es sich um die sterblichen Überreste von Babys und Föten. Indem die Chinchorro aus den verwesenden Leichen reich verzierte Objekte machten, wurden sie zu „Herrschern über den Tod“, erklärt Bernardo Arriaza. Sie verliehen ihren Toten eine Art Unsterblichkeit und gaben sich selbst die Möglichkeit, mit ihnen noch lange nach ihrem Tod gemeinsam zu trauern.

    Von der Wüste ins Museum

    Möchte man die Mumien mit eigenen Augen sehen, muss man an das nördliche Ende der Atacama-Wüste reisen und das MUSEO Arqueologico San Miguel de Azapa oder das kleinere Museo de Sitio Colón 10 in Arica besuchen. Die Stadt ist nicht nur bei Surfern wegen der Wellen des Pazifiks beliebt: Geschichtsfreunde wandeln hier auf den Spuren des Salpeterkriegs im 19. Jahrhundert und Wanderer werden von den vulkanischen Parklandschaften oberhalb des Ortes angezogen.

    Seit den Achtzigerjahren werden hier immer wieder neue hoch entwickelte Chinchorro-Mumien gefunden, die meisten unterhalb des knapp 140 Meter hohen Morro de Arica. Der steile, rostfarbene Hügel ragt über der Stadt in die Höhe und bietet eine gute Aussicht auf den Pazifik. Die Mumien, die hier ausgegraben wurden, waren größtenteils mithilfe einer Aschepaste konserviert worden, die mit schwarzem Mangan oder rotem Ocker angemischt war. Von den hier entdeckten Mumien werden 48 im Museo de Sitio Colón 10 ausgestellt.

    Ein junges Paar genießt den Ausblick auf den Pazifischen Ozean vom Morro de Arica, in dessen Umgebung viele Mumien gefunden wurden.

    Foto von Oliver Bolch, Anzenberger, Redux

    Die mit 300 Exponaten weltweit größte Sammlung von Chinchorro-Mumien kann im Azapa-Museum besichtigt werden, das 1967 eröffnet wurde. Manche von ihnen sind so klein und so zusammengeflickt, dass sie aussehen wie unheimliche Lumpenpuppen. Mit den Stöcken und dem Schilf, das aus ihren Körpern hervorsticht, und den seltsamen Masken erinnern sie an gruselige Vogelscheuchen.

    Ungefähr 90 Prozent der Sammlung im Azapa-Museum sind für die Besucher nicht zugänglich. Die Räume, in denen die Mumien lagern, sind nicht klimatisiert und es gibt keine Möglichkeit, die Luftfeuchtigkeit zu kontrollieren, was den Verfall der Exponate stark beschleunigt. Das neue Museum, dessen Bau um die 21 Millionen Euro kosten wird, entsteht auf einem benachbarten Stück Land. In ihm werden die Mumien bei einer optimalen Luftfeuchtigkeit zwischen 40 und 60 Prozent auf 5.000 Quadratmetern ein neues Zuhause finden. Es bleibt zu hoffen, dass seine geplante Fertigstellung im Jahr 2024 für die Mumien noch rechtzeitig kommen wird.

    Beschleunigter Verfall

    Das trockene Klima der Atacama-Wüste hat die Chinchorro-Mumien über Tausende Jahre gut erhalten. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Zustand einiger Exemplare jedoch rapide verschlechtert: Ihre Haut ist förmlich zu schwarzem Schlamm zusammengeschmolzen. Wissenschaftler an der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts, sehen den Grund dafür beim Klimawandel und Mikroorganismen, die das verbliebene Kollagen in den Mumien angreifen.

    Mit den stärker gewordenen El Niño-Strömungen am äquatorialen Pazifik ist auch die Luftfeuchtigkeit in der Region gestiegen. Eine Gefahr für die Mumien – sowohl die im Museum als auch die, die noch in der Wüste begraben sind. Südlich von Caleta Camarones stößt man neuerdings vermehrt auf Stoffreste, Knochen und andere Überbleibsel der Chinchorro. „Bei jedem Regen erleben wir eine Art Knochenblüte in der Wüste“, sagt Jannina Campos, Archäologin an der Chinchorro-Stätte. „Ein Ereignis, zu dem es eigentlich nur alle hundert Jahre kommen sollte, aber durch den Klimawandel regnet es nun viel häufiger und in stärkerem Maße.“

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    Anstatt bei jedem Regen auszurücken und die freigelegten Fossilien einzusammeln, notiert Jannina Campos deren genaue Lage und vergräbt sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder in der hyperariden Erde. „Sobald man sie aus dem Boden holt, beginnt ihr Verfall“, erklärt sie. Eine Alternative zum erneuten Vergraben gibt es derzeit nicht: Bis das neue Museum fertig ist, gibt es keinen Platz, an dem man die Mumien verwahren kann.

    „Das neue Museum und dessen optimale Lagerungskonditionen sind für den Erhalt der Mumien von unschätzbarem Wert“, sagt Mariela Santos, die an der Universidade de Tarapacá für Museen und den Erhalt der Exponate zuständig ist. Sie hofft, dass die Anerkennung durch die UNESCO dabei helfen wird, den Kulturtourismus in Arica und der Region rund um den Parinacota-Vulkan weiterzuentwickeln.

    Nicholás del Valle, Koordinator des Kulturprogramms für Chile bei der UNESCO, erklärt, dass die neuesten Entwicklungen nur der erste Punkt eines größeren Plans seien, der den Chinchorro in Chile mehr Aufmerksamkeit zuführen soll. „Wir haben noch viel zu tun“, sagt er. Damit meint er auch die Menschen, die heute in der Region leben.

    Anwohner der Stätten in Arica erinnern sich teilweise noch daran, wie sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren in ihren Gärten Chinchorro-Schädel gefunden und mit ihnen gespielt haben. Inzwischen hat sich aber ein gewisser Besitzerstolz in Bezug auf dieses kulturelle Erbe entwickelt. Es gibt Restaurants und Hotels im Chinchorro-Stil und Künstler wie Paola Pimental, Schriftsteller wie Patricio Barrios und Musiker wie Grupo Raíces lassen sich für ihre Arbeiten von den Mumien inspirieren. Die, die früher unbewusst Grabräuber waren, sind heute die Ersten, die einen Grabraub melden.

    „Es hat etwas gedauert, aber inzwischen betrachten die Menschen die Chinchorro nicht mehr als wissenschaftliche Objekte, sondern als ihre Vorfahren – die ersten Bewohner der Atacama-Wüste, zu denen eine menschliche Verbindung besteht“, sagt Bernardo Arriaza. „Dieses gemeinsame Erbe und diese gemeinsame Identität stärken die Gemeinschaft.“

    Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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