Wie der moderne Hexenglaube unseren Wohlstand gefährdet

Eine neue Datenanalyse zeigt: Der Glaube an Hexerei ist in der modernen Welt überraschend weit verbreitet. Das hat schwerwiegende Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und die Wirtschaft.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 2. Dez. 2022, 09:46 MEZ
Baum, an dem unzählige Nazar-Amulette an den Ästen hängen.

Im Nahen Osten, Kaukasus und teilweise auf dem Balkan gilt das Nazar-Amulett als Schutz vor dem sogenannten bösen Blick und soll helfen, Schadenszauber abwehren – so wie hier in Kappadokien, Türkei.

Foto von mauricioavramow / Adobe Stock

Die meisten würden zwischen der Wirtschaft und dem Glauben an Hexerei keinen Zusammenhang vermuten. Boris Gershman, Entwicklungsökonom an der American University in Washington, D.C., sieht ihn jedoch deutlich. Seit Jahren erforscht er die Effekte, die der Hexenglaube auf die Menschen und ihr Verhalten hat – und damit auf das soziale Kapital. Damit sind zwischenmenschliche Prozesse in einer Gesellschaft gemeint, die zur Bildung von Netzwerken, Vertrauen und gemeinsamen Werten führen und so Zusammenarbeit und Koordination erleichtern.

Im Jahr 2016 veröffentlichte Gershman eine Studie in der Zeitschrift Journal of Delevopment Economics, für die er untersuchte, wie der Glaube an schwarze Magie das Sozialkapital in 19 Subsahara-Ländern beeinflusst. Die Antwort: äußerst negativ. Je stärker der Glaube an Hexerei in den Gemeinschaften verankert ist, desto größer ist das allgemeine Misstrauen und desto geringer der Zusammenhalt. Das ist nicht nur Gift für das gesellschaftliche Leben, sondern auch für die Volkswirtschaft.

Auf der ganzen Welt glauben Menschen an Hexerei

Ob und wie stark sich Menschen in einem Land vor schwarzer Magie fürchten, ist für die Wirtschaft also durchaus relevant. Das Problem: Ethnographische Fallstudien zum Hexenglauben gibt es viele, doch aussagekräftige statistische Daten – insbesondere auf globaler Ebene – fehlten bisher. Für die ökonomische Betrachtung des Themas wertete Gershman deshalb Daten aus sechs Umfragen aus, die das Pew Research Center (PRC) zwischen den Jahren 2008 und 2017 unter insgesamt 140.000 Menschen in 95 Ländern durchgeführt hat. Die Ergebnisse seiner Analyse sind in der Zeitschrift PLOS ONE erschienen und liefern interessante Einblicke in die Verbreitung des Hexenglaubens in der modernen Welt und seinen Einfluss auf das Soziale Kapital.

Diese Grafik aus der Studie zeigt, wie stark der Glaube an Hexerei in den untersuchten Ländern ausgeprägt ist.

Foto von Boris Gershman

Die Fragen, die den Teilnehmern der Erhebungen gestellt wurden, variierten. Eine war jedoch immer Teil der Umfrage: „Glauben Sie an den bösen Blick oder daran, dass bestimmte Menschen dazu fähig sind, Flüche oder Zaubersprüche auszusprechen, die anderen Schaden zufügen?“ Die Frage entspricht der Definition des Glaubens an Hexerei, die der Analyse zugrunde liegt.

Der gesammelte Datensatz ist für etwa die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung repräsentativ. Er zeigt: Weltweit glauben mehr als 40 Prozent der Menschen an Hexerei. Betrachtet man jedoch einzelne Länder, schwankt dieser Wert enorm. Während in Tunesien fast 90 Prozent der Befragten angaben, an Hexerei zu glauben, waren es in Schweden und Dänemark nur neun Prozent. Auch Deutschland erreicht mit 13 Prozent im weltweiten Vergleich einen eher niedrigen Wert.

Gift für Wirtschaft und soziales Kapital

Obwohl Hexenglaube weltweit und in allen sozialen Schichten vorkommt, ist es um bis zu sieben Prozent wahrscheinlicher, dass er bei Menschen mit niedrigem Bildungsniveau und geringen wirtschaftlichen Mitteln auftritt. Auch die Religion spielt eine Rolle: Menschen, die an einen Gott glauben, neigen unabhängig von ihrer Konfession eher dazu, an Hexerei zu glauben.

Gershmans Analyse zufolge ist der Glaube an Hexerei in Ländern mit schwachen Institutionen, Korruption und schlechter Regierungsführung, in denen das Vertrauen in Polizei und Justizsystem fehlt, besonders stark verbreitet. Gleichzeitig ist die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung in diesen Ländern auffällig gering: Die Menschen haben oft das Gefühl, keine Kontrolle über ihr Leben zu haben und handlungsunfähig zu sein – der perfekte Nährboden für den Glauben an übernatürliche Mächte.

Eine Bevölkerung, die an Hexerei glaubt, hat vor zwei verschiedenen Szenarien Angst: Zum einen davor, durch bestimmte Verhaltensweisen eine Hexe zu provozieren und von ihr angegriffen zu werden, zum anderen davor, selbst als Hexe angeklagt zu werden. Darum verhalten sich die Menschen in solchen Gemeinschaften besonders konformistischund bemühen sich, nicht von der gesellschaftlichen Norm abzuweichen. Diese Einstellung erstickt jede Kreativität im Keim, die für Innovationen, unternehmerische Kultur und den damit verbundenen wirtschaftlichen Fortschritt und Erfolg unverzichtbar ist. Weil das Vertrauen in die Mitmenschen fehlt, werden zudem weniger Geschäftsbeziehungen eingegangen und unternehmerische Risiken vermieden.

Auf zwischenmenschlicher Ebene richtet der Hexenglaube den größten Schaden an: Das allgemeine Misstrauen, das er schürt, führt zu einem Klima der sozialen Kälte. Im täglichen Umgang gibt es weniger freundliche soziale Interaktionen, die Bedeutung von Freunden und Freizeit nimmt ab, ebenso die Hilfsbereitschaft. In Ländern, in denen viele Menschen an Hexerei glauben, wird zum Beispiel pro Kopf weniger Blut gespendet und Fremde in Not werden seltener unterstützt.

Institutionen stärken, Ängste bekämpfen

Der Schaden, den der Glaube an Hexerei anrichtet, ist also bedeutend – doch wie kann man ihn eindämmen? Verbote von Hexenverfolgung und -prozessen scheiterten in den betroffenen Ländern daran, dass sie an der falschen Stelle ansetzten: Der Glaube blieb, es durfte nur nicht mehr nach ihm gehandelt werden. Das führt dazu, dass die Menschen sich entweder über entsprechende Gesetze hinwegsetzen oder sich von der Regierung alleingelassen fühlen, was noch mehr Ängste schürt.

Gershman zufolge muss man dem Hexenglauben die Grundlage entziehen, um ihn zu bekämpfen. Zum Beispiel, indem für funktionierende Institutionen gesorgt wird und dafür, dass die Bevölkerung sich vor negativen Schocks geschützt fühlt. Diese und ähnliche Erkenntnisse aus der Analyse, könnten dabei helfen, Richtlinien und Entwicklungsprojekte in Hinblick auf lokalen Hexenglauben zu optimieren und das Soziale Kapital und den damit verbundenen wirtschaftlichen Wohlstand zu sichern.

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