Mythos Walpurgisnacht: Was steckt hinter den Hexen-Sagen?

In der Nacht auf den 1. Mai fliegen Hexen auf Besen zum Blocksberg, um mit dem Teufel zu tanzen, heißt es. Woher stammt diese Geschichte? Über die dunklen Ursprünge einer jahrhundertealten Legende.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 27. Apr. 2023, 08:31 MESZ
Kohlezeichnung einer Gruppe von auf Besen fliegenden Hexen

Auf Besen fliegende, grimmig dreinblickende Frauen mit roten Haaren und schwarzen Katzen: Das heutzutage bekannte Klischee der Hexen hat nur wenig mit der tatsächlichen, düsteren Vergangenheit gemein.

Foto von William Holbrook Beard 1825-1900 / Wikimedia

Obwohl der Glaube an böse Hexerei zumindest hierzulande nur noch wenig verbreitet ist, scheint die Faszination dafür noch immer tief in der Gesellschaft verwurzelt zu sein. Noch heute gibt es alljährlich Feste zur Walpurgisnacht. „Heia Walpurgis“, ertönt es dann in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Vielerorts wird mit Tänzen ums Feuer eine Tradition aufrechterhalten.

Doch woher stammt der Mythos der Walpurgisnacht? Wie viel Wahrheit steckt in den Sagen rund um die Besen reitenden Hexen und Werwölfe, deren unheilbringende Magie und ihr Bündnis mit dem Teufel? Und wie viel Leid lösten sie aus?

Der Ursprung der fliegenden Hexen

„Zauberei ist ein Phänomen, das in der Kulturgeschichte der Menschheit seit Jahrtausenden und in allen Regionen der Welt auftritt“, sagt Thomas Becker, Historiker an der Universität Bonn, der schon lange an der Geschichte des Hexenglaubens forscht. Anders sei das beim Begriff der Hexe. Dieser entwickelte sich erst im späten Mittelalter im Grenzgebiet Frankreichs und der Schweiz. 

“Zauberei ist ein Phänomen, das in der Kulturgeschichte der Menschheit seit Jahrtausenden und in allen Regionen der Welt auftritt”

von Thomas Becker
Historiker, Universität Bonn

Dort setzt sich im späten 14. Jahrhundert eine Bewegung in Gang, die gegen die angebliche Sekte der Waldenser – eine protestantische Religionsgemeinschaft – vorgehen soll. Tatsächlich hat die waldensische Glaubensgemeinschaft lediglich eine etwas andere, eigene Auffassung des Christentums. Gerne gesehen wird das allerdings nicht.

Ein wortwörtlicher Teufelskreis entsteht: Laut Becker führt die Verfolgung zu heimlichen, zum Teil nächtlichen Versammlungen – was bei Außenstehenden wiederum wilde Theorien und Vorwürfe heraufbeschwört. Von Gott abgewendet, sollen die Waldenser stattdessen einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, so zumindest die Vorwürfe der Kirche. Umgesetzt wird die Verfolgung der vermeintlichen Ketzer von sogenannten Inquisitoren – zum einen sind das Ordensmänner, etwa Dominikaner, zum anderen beteiligen sich auch weltliche Richter. 

Mit der Zeit weiten sich die Vorwürfe ebenso auf andere Gruppen aus, etwa auf die jüdische Gemeinschaft im Norden Italiens, der Brunnenvergiftungen und Kindstötungen  vorgeworfen werden. Der heilige jüdische Wochentag Sabbat wird in Verbindung mit den geheimen Treffen der ebenso verfolgten Waldenser gebracht – der Begriff des Ketzer- oder später auch Hexensabbats entsteht. 

Der Mythos von auf Besen fliegenden Frauen, die sich zum Tanz mit dem Teufel trafen, zog sich ab dem 14. Jahrhundert durch die Geschichte. 

Foto von Martin Le France 1410-1461 / Wikimedia Commons

Laut Becker wird in diesem Zusammenhang bereits von auf Besen oder Holzstecken fliegenden Frauen berichtet. In einer Schrift seien sie allerdings zunächst explizit als Waldenserinnen und somit als Ketzerinnen beschrieben worden. „Das Fliegen durch die Luft wird hier einfach als Transport zur Feier gesehen, ist also nicht direkt negativ konnotiert. Aber die christlichen Theologen und die Seelsorger des frühen Mittelalters haben sich sehr bemüht, jene Vorstellung vom Fliegen durch die Luft zu verdammen“, so Becker. 

Hexenverfolgung: Denunziert, gefoltert und verbrannt

Aus diesen Vermischungen heraus entsteht der gelehrte Hexenbegriff. Mit der Zeit entwickeln sich aus anfangs eher diffusen Vorwürfen der Hexerei konkrete Anklagen. Die Menschen glauben, „der Teufel schare eine Gruppe von Menschen um sich, die versuchen, Gottes gute Schöpfung zu zerstören“, sagt Becker. 

Derartige Erzählungen werden mündlich, schriftlich und bildhaft mit Hilfe von Flugblättern verbreitet und schüren Angst und Unbehagen. Während der kleinen Eiszeit, in der die deutschen Winter bis in den Juni reichen, die Sommer kurz und die Ernteerträge gering sind, scheint ein Sündenbock gefunden zu sein. Schließlich kommt es zur großen Hexenverfolgung des 16. und 17. Jahrhunderts. Zum größten Teil sind es Frauen, die scheinbar geheime, dämonische Künste beherrschen. Ihre angeblichen Zauberkräfte dienen als willkommene Erklärung für materielle Schäden, Krankheiten und Todesfälle. 

Allerdings ist die weit verbreitete Annahme, vor allem in Kräuterkunde begabte Frauen oder Hebammen seien Opfer der Verfolgung geworden, nicht belegt. Vielmehr konnte es jedes erdenkliche Gemeindemitglied treffen – von der frommen Witwe bis hin zum geschätzten Bürgermeister. Jedes vierte Opfer ist männlich. Ihnen wird etwa die Anklage der sogenannten Mann- oder Werwölfe zur Last gelegt. 

Die Hexenverfolgung des 16. und 17. Jahrhunderts forderte Tausende Opfer. 

Foto von R. Decker / Wikimedia Commons

Der teuflische Tanz auf dem Blocksberg

Der Glaube an die vermeintlichen Treffen mit dem Teufel wurde durch Befragungen und Geständnisse unter Folter weiter befeuert. Zugegeben wurden nicht nur Schadenszauber oder wilde Tanzorgien, sondern auch die Zeitpunkte und Orte, an denen diese angeblich stattfanden – sowie die Anreise auf fliegenden Besen. 

„Wenn Menschen in den Prozessen befragt wurden, ob nun mit Folter oder ohne, wo sie sich mit dem Teufel versammelten, kamen da in der Regel plausible, nahegelegene Versammlungsplätze zur Sprache“, sagt Thomas Becker. Der Brocken im Harz, der heutzutage deutschlandweit als Blocksberg bekannt ist, war damals also eher selten als Tanzplatz zur Sprache gekommen und wenn, dann regional begrenzt. Berge, die als Treffpunkte genannt wurden, waren überregional als Blocksberge bekannt. Es gab dementsprechend einige – wie etwa den Kanzelberg.

Der Brocken im Harz ist heute landesweit als Blocksberg bekannt. In der Region finden jährlich große Walpurgisfeiern statt. 

Foto von L. S. Bestehorn / Wikimedia Commons

Auch der Ketzer- oder Hexensabbat wurde laut Becker durch Erzählungen aus diversen Geständnissen abgelöst. Die Zeitpunkte der angeblichen Treffen waren vielfältig: „Das ist nicht immer der Samstag, das kann auch ein anderer Tag in der Woche sein.“ Einen ursprünglich jährlichen, festen Termin zur Zusammenkunft mit dem Teufel, wie man ihn aus den Sagen kennt, gab es also nie. 

Von der heiligen Walburga zur Walpurgisnacht

Trotzdem hat die Walpurgisnacht, wie wir sie heute kennen, ein festes Datum: Die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Noch heute wird genau dann etwa in Irland mit dem keltischen Beltane-Fest der Sommer begrüßt. Keltische Ursprünge haben die Sagen rund um die Walpurgisnacht laut Becker jedoch nicht: „Zwischen den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit und den antiken Zeugnissen über keltisches Brauchtum liegen viele, viele Jahrhunderte“. Die keltischen Bräuche seien bereits durch die Römer sowie durch Völkerwanderungen lange Zeit vor den Hexenverfolgungen verdrängt worden. 

Zwar hat der 1. Mai auch hierzulande eine große Bedeutung im Jahreskreislauf, allerdings ist das Datum in Bezug auf die Walpurgisnacht laut Becker dennoch rein fiktiv und willkürlich gewählt. Verbreitet wird es Ende des 17. Jahrhunderts durch das Buch Blockes-Berges Verrichtung. Der Sammelband von Johannes Praetorius beinhaltet viele Hexengeschichten, hebt jedoch vor allem den Brocken im Harz als Hexentanzplatz und die Nacht auf den 1. Mai hervor. 

Der Tanz mit dem Teufel am sogenannten Hexensabbat. 

Foto von Johannes Praetorius / Wikicommons

Der Name Walpurgisnacht wurde wiederum von einem zufällig übereinstimmenden Feiertag zu Ehren einer realen Person abgeleitet. So ist der 1. Mai der Tag der Heiligsprechung der Walburga. Die angelsächsische Benediktinerin kam im 8. Jahrhundert als Missionarin nach Deutschland und war 18 Jahre lang Äbtissin des Klosters Heidenheim. Mit dem wilden Hexentanz hatte sie also rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil: Sie gilt unter anderem als Schutzpatronin gegen Seuchen, Hungersnot, Missernten und böse Geister.

„Heia Walpurgis“: Die Angst weicht der Faszination

Ende des 19. Jahrhunderts machte Johann Wolfgang von Goethes Faust die Walpurgisnacht sowie den sagenumwobenen Brocken als Schauplatz und auch als Ausflugsziel populär. Ebenso prägen die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm die Gestalt der Hexen nachhaltig als durchweg negativ, fast schon dämonisch. 

Gut hundert Jahre später ändert sich dies: Die Figur der Hexe wird zusehends positiver konnotiert. Laut Thomas Becker tritt die Veränderung des zunehmend wohlwollenden Blicks auf Hexen vornehmlich im späten 20. Jahrhundert auf, beispielsweise in den 1970er Jahren im Zuge der Frauenbewegung – auf der Suche nach Identifikationsfiguren. Die Hexe wird zur Symbolfigur für Emanzipation. Ebenso treibt die Unterhaltungsindustrie das gute Image der Hexen voran – nicht zuletzt Bibi Blocksberg oder Sabrina lassen das schlechte Image schwinden.

Heutzutage finden die ausgelassenen Feiern rund um die Walpurgisnacht deutschlandweit statt. Als Hochburg dafür gilt nach wie vor die Region um die bekanntesten Versammlungsorte im Harz. Gefeiert wird meist losgelöst von der ernsten, unheilvollen und dunklen Vergangenheit der ursprünglichen „Hexen“. Aus der Angst vor Andersartigkeit, die so viel Leid mit sich brachte, ist Jahrhunderte später ein Fest der Freude und Zusammenkunft geworden. 

Die Gefahr der fehlenden Erinnerungskultur

Kai Lehmann, Historiker und Leiter des Schlossmuseums Wilhelmsburg in Schmalkalden, sieht diese Entwicklung durchaus kritisch. Schätzungsweise bis zu 125.000 Prozessakten der europäischen Hexenverfolgung hat er bislang in einer Datenbank gesammelt. Laut ihm taucht die Walpurgisnacht – also das Treffen mit dem Teufel – in jedem Hexenprozess auf, den er bisher ausgewertet hat. „Unter unsäglichen Qualen mussten diese Menschen damals gestehen. Und nun lebt im Harz eine ganze Tourismusindustrie davon und es wird fröhlich um die Feuer getanzt. Bezüglich der Hexenverfolgung fehlt es schlicht an Erinnerungskultur“, sagt Lehmann. 

Das Thema würde keinen Platz im Schulunterricht finden, die Aktualität würde bei den Feiern völlig außer Acht gelassen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass jährlich rund um den Äquator tausende Frauen, Männer und Kinder ihr Leben wegen vermeintlicher Hexerei verlieren“, sagt Lehmann. Ihm ist es ein Anliegen, das dunkle Kapitel der Geschichte mehr in das heutige Bewusstsein zu rücken. „Denn die Mechanismen der Hexenverfolgung, die finden auch heute noch statt. Wir verbrennen zwar nicht mehr, aber eine angsthabende Gesellschaft schreckt auch heute nicht vor Diffamierung und Ausgrenzung zurück.“

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