Das Geheimnis der Sarkophage unter Notre-Dame

Bei Bodenuntersuchungen der 2019 abgebrannten Kathedrale Notre-Dame de Paris entdeckten Archäologen zwei Bleisärge. Wer war unter der berühmten Kirche begraben?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 2. Jan. 2023, 09:55 MEZ
Bleisärge unter Notre-Dame, Paris

Gleich zwei solcher Bleisärge entdeckten Archäologen bei Bodenuntersuchungen der berühmten Pariser Kathedrale Notre-Dame. 

Foto von Denis Gliksman, Inrap

Als die Kathedrale Notre-Dame in Paris im April 2019 Feuer fing, ging die Nachricht um die ganze Welt: Eines der berühmtesten Wahrzeichen Europas stand in Flammen. Menschen kamen bei der Katastrophe glücklicherweise nicht schwer zu Schaden und auch ein Großteil der Artefakte konnte aus der berühmten Kirche gerettet werden.

Über den restlichen Schaden an dem historischen Gebäude tröstete zumindest eine Tatsache etwas hinweg: die spektakulären Funde, die im Rahmen der folgenden archäologischen Untersuchungen ans Licht kamen.

Begraben unter Notre-Dame

Neben bunten Fragmenten des alten Fundaments und mehreren mittelalterlichen Gräbern fand man unter dem Boden der Kathedrale zwei Bleisarkophage – mit menschlichen Überresten von bis dahin unbekannten Personen. Nun gab das Nationale Institut für präventive archäologische Forschung in Frankreich (INRAP) bekannt, die Särge in der forensischen Abteilung des Uniklinikums Toulouse geöffnet zu haben.

Bei den Untersuchungen konnten die Forschenden endlich mehr über die Geschichte der zwei in den Särgen bestatten Menschen herausfinden. Vor allem bei der Identität einer der beiden Männer sind sie sich sicher: Begraben unter der Kathedrale war der Kleriker Antoine de la Porte.

Durch diese Tafel, die an einem der Särge befestigt war, konnte man die Identität einer der beiden Männer klären – die Inschrift gab den Todeszeitpunkt, Namen und Beruf des Bestatteten preis.

Foto von Denis Gliksman, Inrap

Der berühmte Kleriker

Als die Särge Anfang des Jahres bei den Ausgrabungen entdeckt wurden, fiel ihr schlechter Erhaltungszustand auf. „Normalerweise fördert Blei die Konservierung, aber die Sarkophage sind durchlöchert und ihr Inhalt dadurch beeinträchtigt“, so INRAP. Umso hilfreicher war für die Forschenden die Inschrift auf einem der Särge, die klar die Person benennt, die in ihm geborgen liegt: „Das ist der Leichnam des Herrn Antoine de la Porte, Kanoniker der Kirche.“

Besagter Antoine de la Porte war demnach Kanoniker der Kathedrale Notre-Dame und starb 1710 im Alter von 83 Jahren. Zu Lebzeiten war de la Porte extrem wohlhabend. Eine Reihe der Gemälde, die er in Auftrag gab, werden heute im Louvre ausgestellt. Außerdem half der wohlhabende Kleriker finanziell bei der Umgestaltung des Chorraums der Notre-Dame aus. So wurde ihm schließlich wohl auch die Ehre zuteil, dort begraben zu werden.

Ein reitender Edelmann 

Beim zweiten Sarg ist die Sache weniger eindeutig. Man weiß bislang, dass der in ihm bestattete Mann vermutlich 300 Jahre früher als Antoine de la Porte lebte und starb. Außerdem lässt die Art und Weise sowie der Ort seiner Beisetzung darauf schließen, dass er einer Adelsfamilie angehörte und hoch angesehen war. Bei seinem Tod war er zwischen 25 und 40 Jahren alt.

Die Särge bei ihrer Untersuchung in der forensischen Abteilung des Uniklinikums Toulouse.

Foto von Denis Gliksman, Inrap

Und noch etwas konnten die Archäologinnen und Archäologen über ihn herausfinden: Der Mann war wohl ein passionierter Reiter. Das zeigt die Form seiner Gliedmaßen, die aus dem Sarg geborgen werden konnten. Eric Crubézy, Professor für biologische Anthropologie an der Universität Paul Sabatier, an der die Särge geöffnet wurden, vermutet außerdem, dass der Mann an einer chronischen Krankheit litt. Sein Kopf sei verformt gewesen und seine Zähne bereits vor seinem Lebensabend weitestgehend ausgefallen, sagte Sabatier gegenüber dem Guardian. De la Porte hingegen hatte trotz seiner 83 Jahre bei seinem Tod noch die meisten seiner Zähne und wurde so nicht nur älter, sondern war auch um einiges gesünder.

Die Archäologen erhoffen sich, die Geschichte der beiden Männer durch weitere Untersuchungen vervollständigen zu können.

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