Koloniales Erbe: Die Rückkehr der Benin-Bronzen

Nicht nur Deutschland, auch andere Länder geben Bronzen an Nigeria zurück und versuchen, ihre Kolonialgeschichte aufzuarbeiten. Warum westliche Museen sich endlich mit Raubkunst auseinandersetzen – und was der Wandel bedeutet.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 28. Dez. 2022, 09:15 MEZ
Nahaufnahme eines Königskopfs aus Bronze.

Darstellung eines Oba (Königs) von Benin. Nachdem der Gedenkkopf als Teil der geplünderten Artefakte aus Benin nach Deutschland kam, war er lange Teil der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg.

 

Foto von CC BY 4.0. / Wikimedia Commons

Seit einigen Jahren müssen sich immer mehr Museen ihrer Vergangenheit stellen, weil Ursprungsländer die Raubkunst, die Teil ihrer Sammlungen sind, zurückfordern. Zu den Artefakten, die in diesem Zusammenhang in aller Munde sind, gehören auch die Benin-Bronzen: Figuren und Metalltafeln, die britische Truppen vor 125 Jahren dem ehemaligen Königreich Benin in Westafrika stahlen.

Anfang Juli 2022 teilte Außenministerin Annalena Baerbock mit, Deutschland werde das Eigentumsrecht der insgesamt 1.100 Skulpturen, Metalltafeln und anderen Kunstgegenstände, die hierzulande in Museen lagern, an Nigeria übergeben: Ein wichtiger Schritt bei der Aufarbeitung der europäischen Kolonialgeschichte. „Es ist eine Geschichte, in der unser Land eine dunkle Rolle spielte und in verschiedenen Teilen Afrikas großes Leid verursachte“, so Baerbock.

Im Dezember 2022 wurden die ersten 20 Bronzen ihren rechtmäßigen Besitzern übergeben, weitere sollen folgen. Ein Teil der Bronzen bleibt allerdings als Leihgabe in Deutschland, sodass Museen die Kunstgegenstände auch hier weiterhin ausstellen können.

Was sind die Benin-Bronzen?

Im Jahr 1897 fielen etwa 1.200 britische Soldaten in Benin-Stadt ein, plünderten den Königspalast der Stadt und brannten große Teile der Stadt nieder. Sie besiegelten damit das Ende des Königreichs Benin: Benin-Stadt wurde Teil des Britischen Königreichs, seit den späten Sechzigerjahren gehört das ehemalige Reich zum nigerianischen Staatsgebiet.

Eine Metallplatte mit Relief. Neben Skulpturen machen solche Gussplatten einen großen Teil der als Benin-Bronzen bekannten Artefakte aus. 

Foto von CC BY 3.0 / Wikimedia Commons

Während der Plünderungen, die im Zuge des Eroberungsfeldzugs der Kolonialtruppen stattfanden, raubten die Soldaten Tausende Gusstafeln, Gedenkköpfe und -Büsten, Tier- und Menschenfiguren und königliche Insignien: die Benin-Bronzen. Hergestellt wurden sie in Benin ab dem 16. Jahrhundert n. Chr, hauptsächlich für die Ahnenaltäre der Obas, also der Könige von Benin, die sie für verschiedenste Rituale nutzten. Obwohl die Artefakte zum Teil auch aus Elfenbein und anderen Materialien bestehen, wurden sie im Laufe der Zeit unter dem Namen Benin-Bronzen bekannt.

Nach den Plünderungen wurden die Kunstgegenstände schnell außer Landes gebracht, nach Europa und in die USA verschifft und dort verkauft. Jahrzehntelang verwahrte man sie dann in Museen und Kultureinrichtungen wie dem British Museum in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York und dem Berliner Humboldt Forum. 1.100 Benin-Bronzen befanden sich in deutschem Besitz, 900 lagern bis heute im British Museum, Hunderte weitere sind über verschiedene Institutionen in den USA verteilt.

Aufarbeitung der Kolonialgeschichte in Kultureinrichtungen

In den Siebzigerjahren forderte die nigerianische Regierung erstmals die Anerkennung der Bronzen als Beutekunst und deren Rückgabe. Das Ausstellen und Lagern von Kunst aus afrikanischen Ländern, die im Zuge der Kolonialisierung nach Europa und die USA gebracht wurde, sei ein wichtiger Teil der Aufarbeitung.

Über die Entscheidung, die Benin-Bronzen nach und nach an ihren Ursprungsort zurückzugeben, sagte Annalena Baerbock: „Wir stellen uns – endlich, muss man sagen – unserer Kolonialgeschichte.“ Auch das Smithsonian National Museum of African Art (NMAfA) in Washington, D.C., gab im Jahr 2022 bekannt, die dort befindlichen Benin-Bronzen freiwillig zurückzugeben. „Es ist wichtig, dass wir die Rolle, die Museen bei der Aufrechterhaltung einer Art von Gewalt spielen, die afrikanischen Völkern und Künstlern die Macht der Selbstbestimmung, der Repräsentation und des Aufbaus von Wissen nimmt, anerkennen“, sagte Ngaire Blankenberg, Direktorin des NMAfA.

Doch noch haben nicht alle Länder und Museen damit begonnen, diesen dunklen Teil der Geschichte aufzuarbeiten. Das British Museum in London kann beispielweise trotz aller Bemühungen allein per Gesetz keine der 900 Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben. Der British Museum Act von 1963 und der Heritage Act von 1983 untersagen es, Gegenstände dauerhaft aus der Sammlung zu entfernen – auch solche, die ursprünglich gestohlen wurden.

Dass mittlerweile über die Art und Weise, wie die Kunstgegenstände in westliche Museen gelangt sind, gesprochen wird, ist dennoch ein großer Fortschritt. Das Abkommen zwischen Nigeria und Deutschland ist insofern besonders, weil die Regierung selbst die Verantwortung für die Rückgabe der Artefakte übernimmt. Ein erster Schritt, das koloniale Erbe im Bereich der Künste aufzuarbeiten – auch, wenn Deutschland selbst nicht an den Raubzügen beteiligt war.

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