Deutschlands neues Universalmuseum der Raubkunst?

Nach 20 Jahren Bauzeit eröffnete das Berliner Humboldt Forum – und rückte Deutschland damit in das Zentrum einer Debatte darüber, wer das Recht hat, Afrikas Kulturerbe auszustellen.

Von Jacob Kushner
Veröffentlicht am 18. Dez. 2020, 13:17 MEZ
Restauratorin

Die Restauratorin Roxane Julie von der Beek repariert eine Trommel aus Mali im Ethnologischen Museum in Berlin – einem von mehreren deutschen Museen, die mit ihren Sammlungen in das neue Humboldt Forum umziehen.

Bild Sean Gallup, Getty

Jahrelang lagerte der Kopf einer Königin in einem Gebäude in Berlin. Ihr Gesicht ist glatt, aber ihr Kopf ist kunstvoll geschmückt und mit einer Krone versehen, die einer Lyoba gebührt – eine Matriarchin aus dem Königreich Benin im heutigen Nigeria.

Sie wurde im frühen 16. Jahrhundert gefertigt und ist eine von mehr als tausend Metallskulpturen, die von britischen Soldaten geraubt wurden, als sie 1897 Benin-Stadt plünderten. Seitdem wurden die sogenannten Benin-Bronzen von Museen und privaten Sammlern in ganz Europa und Nordamerika gekauft und verkauft. Heute gehören sie zu den begehrtesten afrikanischen Artefakten der Welt.

Die Benin-Bronzen – die eigentlich oft aus Messing und anderen Materialien bestehen – wurden im 16. und 17. Jahrhundert von Künstlern im alten Königreich Benin gegossen, das heute zu Nigeria gehört. 1897 wurden sie von britischen Soldaten als „Kriegsbeute“ beschlagnahmt. Hunderte wurden später nach Deutschland und in andere Länder verkauft.

Bild Universal Images Group, Getty

Das stellt ein großes Problem für Europas neuestes Museum dar. Nach zwanzig Jahren Bauzeit öffnete das Humboldt Forum in Berlin am 16. Dezember 2020 seine digitalen Pforten – die physische Eröffnung ist für Frühjahr 2021 geplant –, um Tausende von Artefakten aus Afrika, Asien und anderen Teilen der Welt auszustellen. Das Ethnologische Museum Berlin, aus dessen Sammlung das Forum zahlreiche Stücke ausstellen wird, besitzt derzeit etwa 530 Bronzen und andere Benin-Artefakte. Damit hat es nach dem Britischen Museum die zweitgrößte Sammlung dieser Art in der Welt. Die Hälfte der Benin-Sammlung wird im Forum zu sehen sein.

Nur wenige Tage vor der Eröffnung des Forums schrieb der nigerianische Botschafter in Deutschland einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darin forderte er Deutschland auf, die Benin-Bronzen zurückzugeben, und entfachte so eine Kontroverse darüber, wer das Recht haben sollte, das afrikanische Erbe zu besitzen, zu pflegen und der Welt zu zeigen.

Überall in Europa fordern Aktivisten die Rückgabe von Hunderttausenden afrikanischen Artefakten, die während der Kolonialzeit gestohlen oder gekauft wurden. „Wenn wir von Restitution sprechen, meinen wir damit nicht die komplette Leerung europäischer oder amerikanischer Museen und ihrer Sammlungen“ sagt George Abungu, der ehemalige Generaldirektor der Nationalmuseen von Kenia und Berater des Humboldt Forums. „Bei der Frage der Restitution geht es nicht darum, alles zurückzugeben, sondern Dinge, die eine symbolische oder rituelle Bedeutung haben und weggenommen wurden. Die müssen nach Hause zurückkehren.“

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2017 erklärte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dessen Land große Teile Nord- und Westafrikas kolonisiert hatte, dass Frankreich die gestohlenen Artefakte zurückgeben würde. Im Jahr 2018 wurde Belgien, das den Kongo kolonisiert hat, von Protesten erschüttert. Die Behörden wurden aufgefordert, einige der 180.000 afrikanischen Artefakte zurückzugeben, die im Königlichen Museum für Zentral-Afrika bei Brüssel aufbewahrt werden. Das Britische Museum in London, das 69.000 Artefakte aus Subsahara-Afrika besitzt, hat sich bislang strikt geweigert, seine unrechtmäßig erworbenen afrikanischen Artefakte zurückzugeben oder gar auszuleihen. (Ein neues Museum in Benin-Stadt hofft, das zu ändern.)

Deutschlands Kolonialgeschichte in Afrika war deutlich kürzer als die anderer europäischer Mächte, weshalb es von der Restitutionsthematik bisher größtenteils verschont geblieben war. Das ändert sich nun, da das neue Humboldt Forum das Land ins Zentrum dieser Debatte rückt.

Das Forum befindet sich nur wenige Straßen von jenem Ort entfernt, an dem sich vor 136 Jahren die europäischen Staatsoberhäupter in der persönlichen Residenz von König Wilhelm I. trafen, um Afrika unter den Kolonialmächten aufzuteilen. Die Berliner Konferenz von 1884-1885, auch bekannt als Kongokonferenz, war ein Versuch Wilhelms und des Kanzlers Otto von Bismarck, mit anderen Kolonialherren im Wettlauf um Afrika gleichzuziehen. Fokus war deshalb unter anderem die Handelsfreiheit für den Profit aus Afrikas Bodenschätzen, Sklaven und Handwerkskunst.

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Diese kontroverse Geschichte ist besonders schwer zu ignorieren, wenn man sich ansieht, welches Gebäude der Deutsche Bundestag für das Forum gewählt hat: das Berliner Schloss, das ehemalige preußische Palais, in dem Wilhelms Nachfolger Wilhelm II. von den Reichtümern Afrikas lebte.

Die lang erwartete und oft verschobene Einweihung des Humboldt Forums fiel auf den bisherigen Höhepunkt einer globalen Pandemie. Aber die Verzögerung der Eröffnung ist die geringste Sorge des Museums. Seine Erbauer sehen sich nun mit einer lautstarken Debatte darüber konfrontiert, ob ein europäisches Museum mit afrikanischen Artefakten überhaupt existieren sollte.

„Wir als Afrikaner fragen: Was wollen sie uns zeigen, indem sie diesen Palast der Kolonialisten wiederaufbauen? Wollen sie uns zeigen, dass sie immer noch an der Macht sind?“, sagt Mnyaka Sururu Mboro. Der in Deutschland lebende Tansanier ist Mitbegründer des Vereins Berlin Postkolonial e.V. und war gegen den Bau des Forums. „Ich bin in den Kellern des Ethnologischen Museums hier in Berlin gewesen. Dort gibt es Tausende und Abertausende von Objekten, die während der Kolonialzeit entwendet wurden. Wir Afrikaner – wir wollen sie zurückhaben.“

Berlin als Museumsstadt von Weltrang

Das 2001 konzipierte Humboldt Forum liegt im Herzen Berlins, neben den anderen großen Institutionen der Stadt auf der Museumsinsel, dem touristischen Mekka inmitten der Spree. Seine Gründer wollten, dass Berlin eine der großen Museumsstädte Europas wird, mit einer Institution von Weltrang, vergleichbar mit dem British Museum oder dem Louvre.

Das Forum ist zu Ehren eines Brüderpaares aus dem 18. Jahrhundert benannt, an das sich die Deutschen mit Stolz erinnern: der Philosoph Wilhelm von Humboldt und sein jüngerer Bruder Alexander von Humboldt, ein Naturforscher, der Exemplare und Artefakte aus der ganzen Welt sammelte.

Dem Humboldt Forum gehe es „um nichts Geringeres als Geschichte und Kultur der Welt in ihrer Ganzheitlichkeit“ abzubilden, heißt es auf der Website der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es strebt danach, „die globale Geschichte der Menschheit aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und neue Verflechtungen der Weltgeschichte zu zeigen“.

“Wir haben sehr problematische Objekte in der Tansania-Sammlung, weil die Deutschen Tansania auf eine sehr gewalttätige Weise erobert haben.”

von Paola Ivanov, Ethnologisches Museum

Das Forum wird Werke aus dem Museum für Asiatische Kunst, der Humboldt-Universität, der Stiftung Stadtmuseum Berlin und dem Ethnologischen Museum ausstellen. Viele der Artefakte kamen über ein „Netzwerk von Händlern, Sammlern, Kolonialbeamten und Staatsdienern“ nach Berlin, heißt es auf der Website des Museums.

Laut Paola Ivanov, die einen Teil der Afrika-Sammlung des Humboldt Forums kuratiert, besaß das Ethnologische Museum vor der Kongokonferenz nur 3.361 afrikanische Objekte. Bis zum Ende der Kolonialzeit stieg diese Zahl auf rund 50.000 an. Ein Teil dieser Objekte wurde während der deutschen Kolonialzeit von 1886 bis 1919 aus dem damaligen Deutsch-Ostafrika geplündert.

Deutschlands afrikanische Territorien umfassten Teile des heutigen Tansanias, Ruandas und Burundis in Ostafrika, Namibia im Süden sowie Kamerun und Togo im Westen. 2016 etablierte das Völkerkundemuseum eine Struktur, „um die Herkunft problematischer Bestände zu erforschen“, insbesondere der mehr als 10.000 Artefakte aus Tansania, von denen einige durch „gewaltsame Aneignung und Kolonialkriege“ erlangt wurden. Das Museum lud auch Wissenschaftler aus Tansania ein, Artefakte in der Sammlung zu erforschen, um einen interkontinentalen Austausch zu fördern.

„Wir haben sehr problematische Objekte in der Tansania-Sammlung, weil die Deutschen Tansania auf eine sehr gewalttätige Weise erobert haben“, sagt Ivanov. „Der Maji-Maji-Krieg, den die Deutschen im Süden Tansanias führten, hat mindestens 200.000 Menschen das Leben gekostet. Viele Objekte hängen mit diesen gewalttätigen Eroberungen zusammen.“

In einem wiederaufgebauten preußischen Schloss im Herzen Berlins befindet sich das Humboldt Forum. Es steht im Zentrum der Debatte um die Aufarbeitung der imperialen Vergangenheit Deutschlands.

Bild Fabian Sommer, picture alliance/Getty

Laut Ivanov habe das Museum Provenienzforschung betrieben, um nachzuvollziehen, wie Hunderte dieser Gegenstände in deutsche Hände kamen. So hat ihr Team von Anthropologen zum Beispiel eine Figurengruppe aus Kamerun und einen Hocker aus Benin bis zu ihren Ursprüngen zurückverfolgt. Für die Eröffnungsausstellung des Humboldt Forums werden diese Artefakte deshalb von historischen Akten, Fotos, Filmen und anderen Medien begleitet, die mit Hilfe von afrikanischen Kuratoren ausgewählt wurden.

Aber das Gleiche für alle 75.000 afrikanischen Artefakte des Museums zu tun, wäre ein gewaltiges Unterfangen. „Ohne diese Forschung kann heute kein Humboldt Forum oder ethnologisches Museum eröffnet werden“, findet die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die im Beirat des Humboldt Forums saß. Sie trat 2017 zurück, weil das Museum es ihrer Meinung nach versäumt hatte, sich kritisch mit seiner Sammlung auseinanderzusetzen. Jedes Objekt in der Sammlung sollte gründlich überprüft werden, bevor es ausgestellt wird, sagt Savoy, damit die Öffentlichkeit weiß, „wie viel Blut an einem Kunstwerk klebt“.

Bronze-Schönheiten aus Benin

Von allen afrikanischen Artefakten in europäischen Museen hat keines mehr Aufmerksamkeit erregt als die Benin-Bronzen – die übrigens nicht nur aus Bronze, sondern auch aus Messing bestehen.

„Sie sind eine Art Symbol für die ganze Restitutionsdebatte geworden“, sagt Jörg Häntzschel, der für die Süddeutsche Zeitung unter anderem über Kunst und Museen berichtet. „Sie sind wie die Narben aller Objekte in europäischen Museen, auch weil sie wirklich wertvoll sind.“ Einige wurden auf globalen Kunstauktionen für Millionen von Dollar verkauft.

„Diese Benin-Objekte sind atemberaubend schön“, sagt Häntzschel, der nach Kamerun gereist ist, um afrikanische Artefakte in ihrer ursprünglichen Heimat zu sehen. „Und sie sind ein so glasklarer Fall von Plünderung – sie wurden alle innerhalb weniger Tage von einer britischen Expedition geplündert.“ Viele wurden schnell an wohlhabende Sammler in Deutschland und Österreich verkauft.

Messingplatten, die einst den Königspalast von Benin schmückten, begeistern heute die Besucher des British Museum in London, das die weltweit größte Sammlung von Benin-Bronzen besitzt. Die zweitgrößte befindet sich im Humboldt Forum.

Bild Dan Kitwood, Getty

„Die Deutschen wussten sehr genau, dass die Objekte, die sie kauften, illegal von Benin-Stadt nach London gebracht worden waren“, schreibt Kwame Opoku, ein Journalist und Autor, der sich für die Rückgabe von Afrikas Artefakten einsetzt. Einige der Bronzen wurden nur wenige Monate nach ihrer Beschlagnahmung versteigert. „An vielen der Objekte, die die Deutschen und Österreicher kauften, muss etwas vom Blut des Volkes von Benin geklebt haben, frisch vom Schlachtfeld“, schreibt Opoku.

Heute werden sogar Nationen, die nie Kolonien in Afrika besaßen, in die Restitutionsdebatte hineingezogen. Nachfahren von Herrschern Benins haben Briefe an das Art Institute of Chicago und das Field Museum in Chicago geschrieben, in denen sie die Rückgabe der Artefakte ihrer Vorfahren fordern. Das Museum of Fine Arts in Boston, das Rhode Island School of Design Museum und das Metropolitan Museum of Art in New York besitzen allesamt Bronzen aus Benin. „Diese Benin-Bronzen sind überall auf der Welt verstreut“, sagt Abungu. „Die moralische Verpflichtung liegt bei den Menschen, die diese Dinge genommen haben. Sie können nicht davor weglaufen.“

Manche sind der Ansicht, dass Deutschland eine besondere Verantwortung hat, seine Bronzen zurückzugeben. Schließlich war es die Kongokonferenz in Berlin, die den Wettlauf um Afrika anheizte und zur Plünderung der Bronzen und vieler anderer Artefakte führte. Andere sagen, das Forum sei eine inhärent rassistische Einrichtung und hätte nie gebaut werden dürfen. Die Ausstellung kolonialer Schätze in einem ehemaligen imperialistischen Palast erinnere an Zeiten, in denen „exotische Kuriositäten“ in den „Wunderkammern der brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige“ ausgestellt wurden, schreibt No Humboldt 21, eine Gruppe von Aktivisten, die gegen das Forum sind.

Simon Rittmeier ist der Mitbegründer des International Inventories Programme, das Kenias Artefakte im Ausland katalogisieren will. Er erklärt, dass „das Ethnologische Museum, das wir kennen, in den 1600ern mit dieser Kuriositätensammlung begann“. Während des deutschen Kaiserreichs, so Rittmeier, „lag die Macht eines Königs darin, exotische Objekte auszustellen und sie an einem Ort zusammenzutragen, als Zeichen der Macht. Dieser europäische Gedanke hält sich hartnäckig. Er ist auch heute noch präsent.“

Ein Universalmuseum für das 21. Jahrhundert

Der ehemalige Direktor des British Museum, Neil MacGregor, prägte das Konzept des „Universalmuseums“ als Ort, an dem Menschen aus allen Kulturen zusammenkommen können, um die Vergangenheit zu bewundern und daraus zu lernen. Auch das Humboldt Forum wurde mit dieser Vision gegründet, und MacGregor wurde als einer der drei Gründungsdirektoren eingestellt, um es zu leiten. Die anfängliche Mission des Forums war es, „mit so vielen Teilen der Welt wie möglich in Kontakt zu sein“ und ein „Universalmuseum für das 21. Jahrhundert zu schaffen“.

Aber für die Gegner des Forums scheint diese Idee zunehmend im Widerspruch zur Realität zu stehen – insbesondere wegen der verschärften Einreisebedingungen in Europa, die dafür sorgen, dass die meisten Afrikaner niemals die Chance haben werden, Europas neueste Institution zu erleben.

„Wenn Afrikaner nicht über die europäischen Grenzen gelassen werden – manche sterben sogar auf dem Weg –, kann man nicht von einem ‚Universalmuseum‘ sprechen“, sagt Leonie Emeka. Die nigerianisch-deutsche graduierte Kunsthistorikerin hat Provenienzforschung zur Sammlung des Humboldt Forums betrieben. Einigen afrikanischen Künstlern wurde sogar das Visum verweigert, sodass sie ihre eigenen Werke nicht in europäischen Ländern ausstellen konnten, auch in Deutschland. „Nicht jeder auf dieser Welt hat Zugang zu diesem Universalmuseum“, sagt Emeka.

“In den deutschen Völkerkundemuseen herrscht das totale Chaos.”

von Anonyme Museumskuratorin

Laut Savoy kommt das neue Museum zur falschen Zeit. „Deutschland definiert sich gerade neu als internationales, offenes Land“, sagt sie. „Es unternimmt große Anstrengungen, um Menschen aus Konflikt- und Kriegsgebieten aufzunehmen. Ein [Kolonial-]Museum an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt zu eröffnen – das geht nicht.“

Der erste Schritt zur Restitution afrikanischer Artefakte sei laut Savoy, dass die europäischen Museen die Objekte in ihrer Obhut katalogisieren. Das Ethnologische Museum besitzt etwa eine halbe Million Artefakte, aber die Herkunft vieler davon ist nach wie vor unbekannt. Letztes Jahr hat der Philanthrop George Soros eine 15-Millionen-Dollar-Initiative ins Leben gerufen, um die Provenienzforschung zur Restitution afrikanischer Kunstwerke zu unterstützen.

Einige Aktivisten haben die Sache einfach selbst in die Hand genommen. Der Aktivist Mwazulu Diyabanza, der sich für europäische Reparationszahlungen an Afrika einsetzt, ging so weit, Artefakte aus französischen Museen zurückzustehlen. Seine Argumentation: Etwas zu stehlen, das gestohlen wurde, bedeutet lediglich, es an seinen rechtmäßigen Platz zurückzubringen. Dieses Zurückstehlen afrikanischer Artefakte gewann 2018 durch eine Szene in Marvels Superheldenfilm „Blank Panther“ an Bekanntheit.

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Museumskuratoren entgegnen, dass Artefakte nicht nach Afrika zurückgebracht werden sollten, solange es dort keine modernen, klimatisierten Museen und Lagerräume gibt, in denen sie untergebracht werden können. Doch letztes Jahr entdeckte Häntzschel, dass das Ethnologische Museum in Berlin einige seiner eigenen Artefakte unter fürchterlichen Bedingungen gelagert hatte. Die Berliner Lagerräume wurden manchmal überflutet, so dass die Artefakte knöcheltief im Wasser standen. Er fand ähnlich mangelhafte Bedingungen in Museen in ganz Deutschland. Eine Museumskuratorin erzählte Häntzschel, dass bis zu 15 Prozent aller Artefakte in Deutschland noch nicht einmal inventarisiert worden sind. „In den deutschen Völkerkundemuseen herrscht das totale Chaos“, sagte sie.

Letztes Jahr unterzeichneten hundert Akademiker und Akademikerinnen einen offenen Brief, in dem sie forderten, dass Deutschland seine afrikanischen Sammlungen sofort für Forscher öffnen soll, um zu untersuchen, ob sie ordnungsgemäß erworben wurden. Ihr Aufruf kam ein Jahr, nachdem Kulturstaatsministerin Monika Grütters neue Leitlinien darüber veröffentlichte, wie deutsche Museen die Herkunft ihrer Artefakte aus dem Ausland erforschen sollten.

Was die Benin-Bronzen betrifft, so wird das Forum der Benin-Ausstellung zwei große Räume widmen, die über die 1.000-jährige Geschichte des Königreichs Benin und die Plünderung durch britische Soldaten 1897 informieren. Und 2018 schloss sich das Ethnologische Museum einer Handvoll anderer europäischer Museen an, die verkündeten, einige der Bronzen für die Einweihung eines neuen Museums in Nigeria auszuleihen. Andere argumentieren, solche Objekte sollten sofort zurückgegeben werden.

“Bei der Frage der Restitution geht es nicht darum, alles zurückzugeben, sondern Dinge, die eine symbolische oder rituelle Bedeutung haben.”

von George Abungu   Berater des Humboldt Forums

Für Häntzschel ist die Restitutionsdebatte „nicht nur eine Frage des Eigentums. Es ist die Frage, wie man mit seiner Vergangenheit umgeht. Es ist die Frage, was man damit macht.“

Indem wir afrikanische Objekte in Vitrinen stellen und sie zur Kunst erklären, sagt Rittmeier, „trennen wir sie von ihrem früheren Gebrauch; wir trennen sie davon, berührt und gespürt zu werden“. Damit „wird die Verbindung zu ihrer Geschichte durchtrennt“.

Anstatt einfach nur afrikanische Objekte auszustellen, die die Museumsbesucher bestaunen können, gibt es Vorschläge, das Museumserlebnis völlig neu zu denken. Statt durch die Ausstellungen zu schlendern, könnten die Besucher an Führungen und Vorträgen über eine bestimmte Sammlung teilnehmen, die von Kuratoren geleitet werden, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, deren historische Bedeutung zu verstehen.

„Ich würde ein ganz anderes anthropologisches Museum gestalten“, sagt Emeka. Ein Museum, sagt sie, sollte kein statisches Gebäude sein, sondern eine lebendige Sache. Die 644 Millionen Euro, die für das Humboldt Forum ausgegeben wurden, hätte man besser dafür verwenden können, Anthropologen aus Angola nach Deutschland zu fliegen, um Präsentationen über angolanische Artefakte zu kuratieren – oder dafür, durch Angola zu reisen, um auch Gemeinden zu erreichen, die keinen Zugang zu einem „Universalmuseum“ in einem Land haben, das sie nicht erreichen können.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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