Kolonialismus und Sklaverei: Europäische Museen stellen sich ihrer Vergangenheit

Räume voller Raubkunst, Nutznießer der Kolonialisierung: Die Museen Europas stehen unter steigendem Druck, die dunklen Ursprünge ihrer Sammlungen aufzuarbeiten.

Veröffentlicht am 15. Sept. 2021, 13:03 MESZ, Aktualisiert am 15. Sept. 2021, 14:28 MESZ
Das reich verzierte Halsband im Rijksmuseum in Amsterdam

Historiker gingen zunächst davon aus, dass das reich verzierte Halsband im Rijksmuseum in Amsterdam von einem Familienhund getragen wurde. Später stellte sich jedoch heraus, dass das Stück einem Schwarzen Sklaven um den Hals gelegt worden war. Das Rijksmuseum ist eines von mehreren europäischen Museen, das seine Artefakte neu bewertet und ihre kolonialen Wurzeln untersucht, um ihre Geschichte genauer wiedergeben zu können.

Bild Rijksmuseum

Als dem Rijksmuseum in Amsterdam, dem Nationalmuseum der Niederlande, im späten 19. Jahrhundert ein goldenes Halsband aus dem 17. Jahrhundert gestiftet wurde, interpretierte man es als Hundehalsband. Doch vor einigen Jahren begannen die Kuratoren des Museums, die Sammlung auf Verbindungen mit dem niederländischen Sklavenhandel im Kolonialismus zu untersuchen und mussten feststellen, welch hässliche Vergangenheit das hübsche Objekt hatte.

„Auf Gemälden der Zeit findet man solche Halsbänder nicht an Haustieren, sondern an den Hälsen junger afrikanischer Männer“, erklärt Valika Smeulders, Leiterin der historischen Abteilung des Museums und Kuratorin der Ausstellung „Slavery“, die man auch online besuchen kann. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert wurden mehr als 600.000 Afrikaner und zwischen 660.000 und 1,1 Million Menschen aus den asiatischen Kolonien von niederländischen Sklavenhändlern verkauft.

Eine Besucherin der „Slavery“-Ausstellung im Rijksmuseum in Amsterdam.

Bild Rijksmuseum

Mit dem Auftakt der Vorbereitungen für die Sonderausstellung im Jahr 2017 begann in Amsterdam die Aufarbeitung.  Die Kuratoren des Museums, zu dessen Kunstschätzen auch Gemälde von niederländischen Malern wie Rembrandt van Rijn und Johannes Vermeer gehören, untersuchten die bisher unvollständige Geschichte einiger Artefakte der ständigen Sammlung erneut. So auch das goldene Halsband. Im Jahr 2021 nun wurden 77 Ausstellungsstücke mit zusätzlichen Informationsplaketten versehen, um sie in den richtigen historischen Kontext einzuordnen. Ein Jahr lang werden sie gemeinsam mit den bisherigen Informationen ausgestellt und dann Einzug in zukünftige Ausstellungskataloge finden.

Eine ähnliche Neubewertung von musealen Artefakten findet derzeit in mehreren kulturellen Einrichtungen in ganz Europa statt. Die Sammlungen einiger dieser Institutionen, von denen viele in der Kolonialzeit gegründet wurden, sind voll mit historischen Kunstgegenständen, die auf illegale, unethische Weise erworben und im Nachhinein historisch geschönt wurden. Doch der Druck, den ehemalige Kolonien, Aktivisten und Wissenschaftler auf die Museen ausüben, nimmt immer mehr zu. So sind diese nun gezwungen, sich kritisch mit den kolonialen Ursprüngen und Vermächtnissen ihrer Sammlungen auseinanderzusetzen.

Aufarbeitung im Museum: Langsame Fortschritte

Das Rijksmuseum wurde im Jahr 1885 gegründet. „Die meisten Ausstellungsstücken haben führende Mitglieder der Gesellschaft gestiftet, Menschen mit politischer Macht und wirtschaftlichem Reichtum“, erklärt Smeulders. „Der Beginn des niederländischen Kolonialismus im 17. Jahrhundert ist für unser Museum die wichtigste Periode.“

Dieses Gemälde aus dem Jahr 1665 zeigt Pieter Cnoll (Mitte), einen Kaufmann der Niederländischen Ostindien-Kompanie, mit seiner Frau Cornelia van Nijenrode, seinen Töchtern und zwei Sklaven. Surapati, der Mann mit der Fahne im Hintergrund, initiierte in Java einen Aufstand gegen die Kompanie und wurde zum Volkshelden. Auf einer Plakette neben dem Gemälde wird die Bedeutung von Surapati erklärt, der trotz seiner historischen Wichtigkeit aufgrund seiner Positionierung in der Darstellung oft übersehen wird.

Bild Rijksmuseum

Das Museum gibt zu, mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit nur langsam voranzukommen. „Die Kolonialvergangenheit und insbesondere der Sklavenhandel sind regelmäßig Gegenstand der öffentlichen Debatte“, sagt Valika Smeulders. „In Schulen und Museen werden diese Themen jedoch nicht hinreichend behandelt.“

Als das Rijksmuseum im Jahr 2013 das Ende zehnjähriger Renovierungsarbeiten feierte, war das der Startschuss zu einer kritischen Überarbeitung der Formulierungen, die in Katalogen und auf Plaketten zum Einsatz kamen. Altmodische oder rassistische Begriffe wurden aus den Titeln der Kunstwerke gestrichen und eine spezielle multimediale Tour erstellt, die die Kolonialgeschichte der Niederlande neu beleuchtet.

„Die Geschichte der Niederlande ist auch Weltgeschichte. Die Gesellschaft, in der wir heute leben ist das Vermächtnis dieser Geschichte“, so Valika Smeulders. Die Expertin auf dem Gebiet des niederländischen Sklavenhandels wurde auf der Insel Curaçao geboren, einer ehemaligen niederländischen Kolonie in der Karibik, die noch immer Teil des Königreichs der Niederlande ist. Es sei nötig, dass die Mitarbeitenden des Museums verschiedene kulturelle Hintergründe haben, wenn man eine so vielfältige Geschichte korrekt präsentieren wolle – und das gelte nicht nur für Ausstellungen zu dem Thema. „Wir brauchen einen grundlegenden, langanhaltenden Wandel. Nur so stellen wir sicher, dass das vorhandene vielseitige Wissen auch wirklich in allen Bereichen eingebettet und genutzt wird“, sagt sie.

Geraubtes Kulturgut – Institutionen tragen Mitschuld

Auch in anderen Institutionen in Europa hält dieses Gedankengut Einzug. Im Jahr 2018, im Anschluss an eine fünfjährige Renovierung, beleuchtete das Königliche Museum für Zentral-Afrika in Tervuren, Belgien, erstmals kritisch die brutale Einnahme des Kongos durch König Leopold II. – eine Kehrtwende für das Museum, das die Kolonialisierung bisher eher positiv dargestellt hatte. Heute wird die belgische Kolonialisierungsgeschichte ungeschönt beschrieben, ebenso wie der Weg, auf dem die Ausstellungsstücke in den Besitz des Museums gelangten.

Der Deutsche Museumsbund e. V. hat Richtlinien erlassen, die den Umgang mit Raubkunst oder unethisch erworbenen Artefakten regeln sollen. Sie unterstreichen die Verantwortung der Museen, den Gemeinschaften, aus denen die Stücke stammen, Zugang zu der Kunst und Kultur ihrer Ahnen zu verschaffen. Dazu gehört die Einrichtung digitaler Erwerbungsbücher, die es den Gemeinschaften ermöglichen, geraubtes Kulturgut wiederzufinden. Außerdem regen die Richtlinien zu einem starken Austausch mit den Herkunftsländern und Volksgruppen an. Einerseits will man so mehr über die Einzelstücke erfahren. Andererseits soll es dabei helfen, sich zu einigen, wie man mit jenen Gegenständen verfährt, bei denen die Provenienz nicht geklärt oder von denen bekannt ist, dass sie auf fragwürdige Weise in die Sammlungen gelangt sind.

„Die Richtlinien haben dabei geholfen, Kuratoren, Restauratoren und Museumsdirektoren stärker für das Thema zu sensibilisieren“, sagt Larissa Förster vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste, das Museen, die die Ursprünge ihrer Sammlungen aufklären möchten, finanziell unterstützt. „Die Erforschung der Herkunft ihrer Artefakte zwingt diese Institutionen, sich über ihre Mitschuld im Kolonialismus bewusst zu werden“, erklärt sie.

Doch Dokumente aus der Kolonialzeit, die die Erwerbssgeschichte der Museumsstücke erzählen könnten, sind rar – zwei Weltkriege haben dazu ihren Teil beigetragen. In den Fällen, in denen entsprechende Unterlagen existieren, wurden diese meist von Menschen angefertigt, die sich die Artefakte angeeignet haben. Die Sichtweise derer, die sie ursprünglich besessen, hergestellt oder benutzt haben, fehlt.

Und die Aufarbeitung der Geschichte ist nur der Anfang. Schon lange wird über die Frage gestritten, ob geraubte Kunst an die Länder zurückgegeben werden sollte, aus denen sie stammt – und wie und ob es eine Entschädigung geben kann. So zum Beispiel im berühmten Fall der „Elgin Marbles”, Marmorskulpturen, die der britische Lord Elgin, der zwischen 1801 und 1805 Botschafter im Ottomanischen Reich war, aus Athen raubte und dem Britischen Museum stiftete. Griechenland fordert die Skulpturen zurück, das Britische Museum will der Forderung jedoch nicht nachkommen: die Artefakte seien legal erworben worden. An anderer Stelle bemühen sich ägyptische Experten darum, das Neue Museum in Berlin zu einer Rückgabe der Büste der Nofretete zu bewegen.

Galerie: Diebe im Museum

Viele Museen wehren sich auf der Grundlage des Universalmuseum-Konzepts gegen die Rückführung von Kunstwerken und -gegenständen. Im Jahr 2002 unterzeichneten führende Museen in Europa und den USA, angestoßen durch den Streit um die „Elgin-Marbles“, eine Erklärung, laut der die Ausstellungsstücke für die gesamte Menschheit von großem Wert seien und es Aufgabe der Museen sei, für deren Sicherheit und Bewahrung zu sorgen. Kritiker des Konzepts argumentieren, dass so nur Besuchern von westlichen Städten wie London oder New York Zugang zu den Objekten hätten.

Die meisten Bemühungen von Ländern, ihre Kulturgüter zurückzuholen, liefen ins Leere. Einige wenige Erfolge konnten trotzdem verbucht werden. Im April 2021 beschlossen deutsche Museumsexperten, der Forderung Nigerias auf Rückgabe hunderter Benin Bronzen nachzukommen, die 1897 bei der Plünderung des Königspalasts des Königreichs Benin durch britische Soldaten geraubt wurden und nun weltweit Teil verschiedener Sammlungen sind. Deutschland ist das erste Land, das einen Teil der tausenden Artefakte zurückgeben will, das irische Nationalmuseum hat angekündigt, dem Beispiel zu folgen.

Diese sogenannte Restitution „ist eine Möglichkeit, vergangenes Unrecht wiedergutzumachen und das zu reparieren, was repariert werden kann“, sagt Larissa Förster. „Weltweit wachen Museen auf und werden sich dem Kolonialismus und seiner Folgen bewusst.“

Wahrnehmung in der Öffentlichkeit

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung verlieren Museen mehr und mehr ihren Status als neutrale Wissenstempel. Laut Alice Procter, Kunsthistorikerin und Autorin, sind Besucher oft von den Informationen, die ihnen in Museen präsentiert werden, überfordert. „Man geht in ein Museum und es wird einem dieser Eindruck der Zwangsläufigkeit vermittelt: Es wird diese eine Geschichte erzählt und die ist die Wahrheit.“

Vor dem Ausbruch der Pandemie organisierte Alice Procter unabhängige Museumsführungen in London – auch im British Museum – bei denen sie die Besucher über den kolonialen Ursprung der westlichen Kunstsammlungen aufklärte und ihnen zeigte, wie Plaketten richtig zu deuten sind. „Welche Sprache wird zum Beispiel bei der Benennung von Orten verwendet?“, sagt sie. „Steht da der koloniale Name?”

Manchmal verrät die Plakette, wer dem Museum ein Artefakt oder Kunstwerk gestiftet hat. Doch man erfährt nur selten, wie es erworben wurde. „Was passierte hinter den Kulissen? Welche Machtverhältnisse machten den Erwerb möglich? Wie konnte dieser Brite im 18. Jahrhundert überhaupt durch Indien reisen?“, so Alice Procter.

Valika Smeulders zufolge sind Museen erst dann integrativ, wenn Besucher aus der ganzen Welt sie als Orte empfinden, an denen ihr kulturelles Erbe gut aufgehoben ist und sich nicht scheuen, sich einzubringen. „Ihre Geschichten müssen Teil des Ganzen sein”, sagt sie.

Die Kunsthistorikerin Alice Procter im Januar 2019 bei einer ihrer „Ungemütliche Kunst“-Führung durch die National Portrait Gallery in London. Die Führung beleuchtet, wie Imperialismus und Kolonialismus die Grundlage für die Sammlungen einiger der wichtigsten Kulturstätten Londons geschaffen haben, darunter das Britisch Museum und die National Portrait Gallery.

Bild Andrew Testa, The New York Times/Redux

Als das Rijksmuseum im Jahr 2017 die Ausstellung „Slavery“ ankündigte, kamen aus der Bevölkerung viele Ideen für Inhalte. „Wir bekamen viele E-Mails, Menschen teilten uns ihre Meinung mit“, so Valika Smeulders. Das Museum ließ die Planungsphase der Ausstellung von einer Filmcrew begleiten. Ergebnis ist die Dokumentation „New Light“, die 2021 im niederländischen Fernsehen ausgestrahlt wurde. „So konnte jeder dabei zusehen, wie wir einander in Frage gestellt haben, wie wir darum gerungen haben, was in der Ausstellung gezeigt werden soll“, sagt Smeulders.

Der Idee der Öffentlichkeit folgend erzählt das Rijksmuseum in „Slavery“ die Geschichten von zehn Menschen: von Opfern und Gewinnern der Sklaverei und von Menschen, die ihre Freiheit wiedererlangen konnten. Die Geschichten werden auf der Audio-Tour nicht von Kuratoren erzählt, sondern von den direkten Nachkommen dieser Menschen oder von anderen mit einer ähnlichen Geschichte. Auf diese Weise wird laut Valika Smeulders nicht nur endlich das koloniale Vermächtnis in der Erzählung des Museums berücksichtigt, sondern auch dessen Folgen. „Damit klar wird, dass wir hier nicht über lange Vergangenes sprechen, sondern über etwas, dessen Auswirkungen wir heute noch spüren – jeden Tag.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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