Warum essen wir zu Weihnachten jedes Jahr das Gleiche?

Raclette, Würstchen mit Kartoffelsalat oder Gänsebraten: Das weihnachtliche Festmahl hat bei vielen von uns Tradition. Doch warum halten wir uns so gerne daran?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 21. Dez. 2022, 09:01 MEZ
Eine zubereitete Weihnachtsgans auf einer Tafel.

Die Beleibtheit der Weihnachtsgans scheint nicht abzunehmen. Doch warum wird sie auch in Zeiten der Inflation und der zunehmenden Beliebtheit vegetarischer Gerichte noch so gerne serviert?

Foto von lilechka75 / Adobe Stock

Für viele ist die Weihnachtszeit nicht nur eine Zeit der Besinnung, sondern bietet auch Gelegenheit, ein wahres Festmahl auf den Tisch zu bringen. Laut Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Lebensmittelverbands Deutschland, planen ganze 95 Prozent der Deutschen für den Heiligabend ein besonderes Gericht. Am 1. Weihnachtstag sind es 90 Prozent.

Die Entscheidung, was auf den Festtagstisch kommt, wird meist von der Tradition beeinflusst. Laut einer aktuellen Civey-Umfrage im Auftrag des Deutschen Lebensmittelverbands sind sich die Deutschen vor allem am 25. Dezember einig: 42,2 Prozent essen den Klassiker, die altbekannte Weihnachtsgans. Ein Rezept für den festlichen Braten findet sich bereits im sogenannten Würzburger Kochbuch, das um das Jahr 1350 erschien. Seitdem ist seine Beliebtheit ungebrochen.

Obwohl unsere Essgewohnheiten insgesamt immer diverser werden, halten sich viele gerade an den Weihnachtstagen an liebgewonnene Traditionen. Doch warum ist das so?

Besinnlichkeit und Zugehörigkeit

Laut der Umfrage kommen in diesem Jahr bei 30 Prozent der Befragten an Heiligabend Bockwürstchen mit Kartoffelsalat auf die Weihnachtstafel. Nur 2,9 Prozent planen „ein normales Abendbrot“. Der Soziologin Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda zufolge lässt sich dieses Phänomen vor allem darauf zurückführen, dass Weihnachten für viele eine Zeit der Besinnlichkeit ist, in der sie sich  der Gemeinschaft zugehörig fühlen wollen. Um das Besondere der Feiertage zu unterstreichen, werden laut Rückert-John zu Weihnachten vor allem Gerichte serviert, die im Alltag nur selten gegessen werden – sogenannte „außeralltägliche Mahlzeiten“ mit Tradition.

„Wenn die Gemeinschaft zelebriert wird, bietet es sich an, traditionelles Essen zuzubereiten“, erklärt Rückert-John. Oft würden diese nach Rezepten gekocht, die über Generationen in der Familie überliefert wurden, was das Gefühl der Zugehörigkeit stärke. So kommen auch regionale Unterschiede zustande, die sich von Generation zu Generation verfestigen, beispielsweise bei den Bockwürstchen mit Kartoffelsalat: Im Osten Deutschlands wird das Gericht an Heiligabend in jedem zweiten Haushalt zubereitet, im Rest Deutschlands im Schnitt nur in jedem fünften.

Das Festhalten an Traditionen ist auch an der kaum abnehmenden Beliebtheit von Fleischgerichten zur Weihnachtszeit zu erkennen. Während vegane und vegetarische Essgewohnheiten generell zunehmen und Fleisch immer teurer wird, gehört zu Weihnachten für die meisten ein Hauptgang mit Fleisch einfach dazu. So planen nur 5,2 Prozent der in der Civey-Umfrage Befragten an Heiligabend ein veganes oder vegetarisches Hauptgericht. An den Feiertagen sind es sogar nur 4,3 Prozent.

Der Weihnachtsbraten als Wohlstandssymbol

Seit jeher verkörpert Fleisch wie kaum ein anderes Lebensmittel die Idee des „sich etwas Gönnens“. „Inbegriff einer richtigen Mahlzeit, eines Festmahls, ist für viele immer noch Fleisch“, so Rückert-John. Das werde einerseits durch die Voranstellung der Würstchen vor dem Kartoffelsalat deutlich, andererseits aber vor allem durch die Beliebtheit von Gänse-und Rinderbraten an den Weihnachtsfeiertagen. Dass diese meist am 25. Dezember aufgetischt werden, hat wohl in erster Linie praktische Gründe: Am Weihnachtstag ist schlicht mehr Zeit für die Vorbereitung als am Heiligabend.

Viele möchten sich auch in Zeiten der Inflation ihr traditionelles Weihnachtsessen nicht nehmen lassen – wohl auch, weil es Rückversicherung und Stabilität bietet. „Essen und auch Völlerei demonstrieren in dem Moment auch Wohlstand“, sagt Rückert-John. Gerade das Jahresende böte sich dafür an. „Man darf sich etwas gönnen und es in diesem Sinne nochmal krachen lassen.“ Das gelte nicht erst für Silvester, sondern bereits für die Weihnachtstage. „Die Weihnachtszeit ist eine Art Ausnahme von der Regel“, so Rückert-John – und vermutlich auch deswegen so beliebt. Die Sicherheit, die uns dabei ein alljährlich wiederkehrendes Weihnachtsgericht gibt, setzte dem Ganzen dann die Krone auf.

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