Dichtung oder Wahrheit? Sechs Wikingermythen und ihre Hintergründe

DNA-Analysen und archäologische Funde liefern überraschende Einblicke in das Leben der Wikinger – und widerlegen so manchen Mythos.

Von Robert Kościelny
Veröffentlicht am 5. Jan. 2023, 10:12 MEZ
Festival of Slavs Combat Re-enactment

Rollenspieler stellen während des Mittelalter-Festivals der Slawen und Wikinger in Wolin, Polen, eine Schlachtszene nach.

Foto von David Guttenfelder, Nat Geo Image Collection

Hochgewachsene, blonde Barbaren mit stechend blauen Augen und gehörnten Helmen, die Dörfer plündern und blutige Rituale durchführen – das ist das weitverbreitete Bild der Wikinger. Aber entspricht es der Realität oder basiert unsere Vorstellung von den Kriegern aus dem hohen Norden auf ausgedachten Geschichten?

Im späten 8. Jahrhundert überfielen Wikinger die Britischen Inseln. Seitdem sind viele teilweise blutrünstige Legenden über sie entstanden, die Grundlage für Opern, Filme, Bücher, Comics und sogar Computerspiele wurden. Wahrheit und Fiktion sind inzwischen so eng miteinander verwoben, dass es schwer ist, sie voneinander zu trennen. Bis heute bemühen sich Forschende, mithilfe der Analyse von Artefakten aus der Wikingerzeit der tatsächlichen Geschichte auf die Spur zu kommen.

So wurde unter anderem festgestellt, dass die Wikinger die ersten Europäer waren, die jemals den amerikanischen Kontinent betreten haben – 400 Jahre vor Christopher Columbus. DNA-Analysen von Wikingerknochen haben außerdem gezeigt, dass die Wikinger ethnisch eine äußerst diverse Gruppe waren. Ihre Schätze, die bei Ausgrabungen zutage gefördert wurden – darunter eine Truhe mit Edelsteinen in der Nähe von Stockholm –, faszinieren immer wieder aufs Neue.

Welche Mythen stimmen also, welche wurden inzwischen widerlegt und was liegt ihnen zugrunde?

Mythos 1: Das Volk der Wikinger

Viele denken, dass mit dem Begriff Wikinger eine einzige große Gruppe gemeint ist. Tatsächlich versammeln sich unter der Bezeichnung aber viele kleine Stämme, die alle im heutigen Skandinavien beheimatet waren und von denen jeder einzelne von einem eigenen gewählten Häuptling angeführt wurde. Manche dieser Stämme kooperierten miteinander und schlossen sich zusammen, um Überfälle in fremden Ländern zu begehen.

Laut Brian McMahon, Autor des Buchs The Viking: Myth and Misconception, war das Wort Wikinger ursprünglich keine Namensbezeichnung. Stattdessen beschrieb es eine Aktivität: das Wikingern. Die meisten Nordeuropäer jenes Zeitalters waren Fischer, Bauern, Händler oder Handwerker. „‚Wikingern‘ war etwas, das man in seiner Jugend tat, um Ruhm und Ehre zu erlangen und sich Kriegsbeute anzueignen“, erklärt McMahon. „Es kam selten vor, dass sich jemand sein Leben lang an Raubzügen im Ausland beteiligte.“

Abschließend geklärt ist der Ursprung des Begriffs Wikinger jedoch nicht. McMahon zufolge bezeichnet das altnordische Wort einen Menschen, „der in Übersee Überfälle und Plünderungen durchgeführt hat“. Dabei stehe der Wortteil Vik für Bucht – so wie im Namen der isländischen Hauptstadt Reykjavik, der sich als Rauchbucht übersetzen lässt. Ab dem Jahr 870 n. Chr. siedelten hier skandinavische Einwanderer.

Sogannate Reenactors verkleiden sich für das Festival der Slawen und Wikinger auf der Insel Wolin in Polen. Bislang wurde nur ein einziger Helm aus der Wikingerzeit gefunden, und sein Design ist bemerkenswert simpel – im Gegensatz zu den gehörnten Modellen der Legende.

Foto von David Guttenfelder, Nat Geo Image Collection

Basierend auf dem altnordischen Verb vikja, das so viel bedeutet wie abweichen, liefert der schwedische Historiker Fritz Askeberg eine alternative Interpretationsmöglichkeit. Ihm zufolge waren Wikinger Menschen, die entgegen gängiger gesellschaftlicher Normen lebten und ihre Heimat auf der Suche nach Ruhm und Reichtum hinter sich ließen.

Mythos 2: Wikinger waren besonders grausam  

„Nie zuvor hat Britannien einen schlimmeren Terror erfahren, als den, der von diesen Heiden über uns gebracht wurde … Die Barbaren vergießen das Blut der Heiligen rings um den Altar und zertrampeln ihre Körper in den Gottestempeln wie Dung auf der Straße.“

Diese Worte stammen aus der Feder des frühmittelalterlichen Gelehrten Alkuin. Er schrieb sie im Jahr 793 n. Chr. nieder, nachdem Wikinger das Kloster der Insel Lindisfarne vor der englischen Nordost-Küste überfallen hatten. Das Ereignis markierte den Beginn des Wikingerzeitalters in Europa, das über 250 Jahre andauern sollte.

Die Wikinger verbreiteten zwar Angst und Schrecken, doch damit unterschieden sie sich nicht von ihren Zeitgenossen. „Sie gingen nicht brutaler vor als andere Völker oder Stämme ihrer Zeit“, sagt Joanne Shortt Butler von der Universität Cambridge, England. Mord, Brandstiftung und Plünderungen standen ihr zufolge damals auf der Tagesordnung. „Man muss sich nur einmal Karl den Großen und das Blutgericht von Verden ansehen“, sagt sie. „Dort wurden auf seinen Befehl hin 4.500 Sachsen geköpft.“

Mythos 3: Wikinger tranken aus Schädeln

Berichte von den Grausamkeiten der Wikinger führten dazu, dass ihnen einige schreckliche Angewohnheiten zugeschrieben wurden – unter anderem, dass sie menschliche Schädel als Trinkgefäße benutzten. Diese weitverbreitete Annahme hat ihren Ursprung in einer fehlerhaften Übersetzung.

Ole Worm war Hofarzt des Königs von Dänemark im 17. Jahrhundert. Er war außerdem Sprachwissenschaftler und hatte ein Faible für Runensteine, die mit germanischen und altnordischen Inschriften versehen waren. Im Jahr 1636 veröffentlichte er eine Forschungsarbeit zu diesen Artefakten. Darin zitiert er ein Gedicht, dessen Protagonist ankündigte, in Walhall – laut der nordischen Mythologie Ruheort der in Schlachten gefallenen Krieger – Bier aus gebogenen Schädelknochen zu trinken.

Was der Dichter eigentlich meinte, waren Tierhörner. Doch der Hofarzt übersetzte die Inschrift des Runensteins mit ex craniis eorum quos ceciderunt – aus den Schädeln derer, die sie getötet hatten –, und trug auf diese Weise dazu bei, dass die barbarische Praxis den Wikingern zugeschrieben wurde.

Mythos 4: Der Blutadler

Beim Blutaar oder Blutadler handelt es sich um eine besonders brutale Form der Hinrichtung, die bei den Wikingern vorgekommen sein soll. Dabei wird das Opfer bei lebendigem Leib am Rücken aufgeschnitten, bevor die Rippen von der Wirbelsäule getrennt und aufgefächert werden, sodass sie an die Schwingen eines Adlers erinnern. Die erste bekannte Erwähnung des Rituals findet sich in einem skaldischen Vers. Laut Eleanor Rosamund Barraclough, Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Universität Durham, England, könnten die Beschreibungen also lediglich stark ausgeschmückte Dichtung sein, die als Tatsache ausgelegt wurde.

Roberta Frank, Philologin an der Yale University in Connecticut, USA, geht schon lange der Frage nach, wie viel Wahrheit in den Überlieferungen steckt. Sie glaubt, dass die Beschreibung des grausamen Rituals von frühen skandinavischen Christen verbreitet wurde, um ihre heidnischen Vorfahren zu diskreditieren. „Die Darstellungen des Blutadler-Rituals unterscheiden sich von Text zu Text. Mit jedem Jahrhundert, das vergeht, werden sie immer reißerischer, heidnischer und zeitaufwändiger“, schreibt sie in einem Artikel, der in der Zeitschrift English Historical Review erschienen ist.

Forschende der Universität von Island in Reykjavik und der Universität im englischen Keele haben versucht herauszufinden, ob es überhaupt möglich ist, das Blutadler-Ritual an einem lebenden Menschen durchzuführen. Ihre Studie, die in der Zeitschrift Speculum erschienen ist, zeigt, dass es anatomisch und mit den zur damaligen Zeit zur Verfügung stehenden Werkzeugen durchaus möglich gewesen wäre, die beschriebenen Schritte umzusetzen. Allerdings wäre das Opfer bereits sehr früh im Laufe des Prozesses am starken Blutverlust oder Ersticken verstorben.

Bisher wurden noch keine menschlichen Überreste entdeckt, die die Spuren des Blutadlers tragen. Bis derartige archäologische Beweise erbracht sind, ist es nicht möglich zu sagen, ob es das Ritual wirklich gab.

Die Fragmente des Gjermundbu-Helms wurden im Jahr 1943 gefunden. Seit seiner Restaurierung wird das Artefakt im Historischen Museum der Universität Oslo in Norwegen ausgestellt.

Foto von Berit Roald, NTB Scanpix, Alamy Stock Photos

Mythos 5: Wikinger trugen Helme mit Hörnern

Der einzige Wikingerhelm, der jemals gefunden wurde, ist der Gjermundbu-Helm. Er wurde bei Ringerike in der norwegischen Provinz Viken ausgegraben und erinnert ein wenig an eine Batman-Maske ohne die spitzen Ohren. Und noch etwas anderes fehlt: die Hörner.

In zeitgenössischen Darstellungen aus der Wikingerzeit tragen die Krieger entweder gar keine Kopfbedeckung oder schlichte Helme, die vermutlich aus Eisen oder Leder hergestellt wurden. Zwar finden sich auf Kunstgegenständen aus der Zeit wie etwa dem Oseberg-Teppich Darstellungen von gehörnten Figuren, laut Brian McMahon handelt es sich bei diesen jedoch eher um Götter und Monster als um Sterbliche.

Einen erheblichen Beitrag zur Entstehung des Mythos vom gehörnten Helm leistete der deutsche Kostümbildner Carl Emil Doepler: Er nutzte das Requisit erstmals bei der Inszenierung von Wagners Ring der Nibelungen im Rahmen der Bayreuther Festspiele im Jahr 1876. Ebenfalls im 19. Jahrhundert brachte der schwedische Maler Johan August Malmström den Helm mit Hörnern regelmäßig in seinen Illustrationen nordischer Sagen unter.

Inspiriert haben könnten Doepler, Malmström und andere die Entdeckungen altertümlicher Helme mit Hörnern, die zu jener Zeit gemacht wurden und den Wikingern zugeschrieben wurden. Erst später stellte sich heraus, dass die Helme tatsächlich viel älter waren.

Möglicherweise flossen aber auch die Berichte antiker griechischer und römischer Historiker in die Kreationen mit ein, die in ihren Beschreibungen der Nordeuropäer erwähnten, dass sie gehörnte Helme tragen würden. Allerdings war die extravagante Kopfbedeckung mindestens ein Jahrhundert bevor die ersten Wikinger auf der Bildfläche erschienen bereits aus der Mode gekommen – und auch davor wurde sie ausschließlich im Rahmen von Zeremonien von nordischen und germanischen Priestern getragen.

Mythos 6: Wikinger waren groß und blond

Lise Lock Harvig von der Universität in Kopenhagen, Dänemark, konnte anhand der DNA-Analyse von Skeletten, die in mittelalterlichen Gräbern gefunden wurden, zeigen, dass die Menschen der Wikingerzeit nicht alle groß, blond und blauäugig waren. Nicht alle Mitglieder der Wikinger-Gesellschaft waren skandinavischer Abstammung. „Schon damals war die Bevölkerung ethnisch und kulturell durchmischt“, sagt Harvig. Wikinger waren also nicht nur blond, sondern auch rothaarig und brünett und hatten verschiedene Augenfarben.

Auch, dass sie außergewöhnlich hochgewachsen waren, ist laut Brian McMahon ein Mythos. Im Schnitt waren damalige skandinavische Männer etwa 1,73 Meter und damit genauso groß wie der europäische Durchschnitt jener Zeit. Das Bild vom blonden Hünen dürfte sich im Zuge des wachsenden Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert durchgesetzt haben, als der Wikinger als nordisch-arischer Archetyp etabliert wurde.

Ebenfalls widerlegt ist inzwischen die Annahme, dass Wikinger ungepflegte Wilde waren: Bei Ausgrabungen fand man sowohl neben weiblichen als auch neben männlichen Überresten Kämme, Pinzetten und Rasierer. Außerdem nutzen Wikinger Seife mit einem hohen Laugeanteil. Diese half nicht nur gegen Läuse, sondern hatte vermutlich den Nebeneffekt, dass sie die Haare bleichte.

Dieser Artikel ist ursprünglich in polnischer Sprache auf nationalgeographic.pl erschienen.

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