Wer waren die Wikinger?

In die Geschichte eingegangen sind die Wikinger vor allem aufgrund ihrer blutrünstigen Überfälle. Tatsächlich hinterließen sie jedoch ihre Spuren in vielen Lebensbereichen.

Friday, October 16, 2020,
Von Erin Blakemore

Hornbewährte Helme. Riesige Schiffe. Brutale Kriegsführung. Die skandinavischen Seefahrer – besser bekannt als Wikinger – sind vor allem für ihre blutrünstigen Überfälle auf teils weit entfernte Küsten und Völker berüchtigt. Klischees und Irrglauben sind hier jedoch sehr verbreitet. Wer waren also diese Entdecker wirklich, und sollte man sie überhaupt Wikinger nennen?

Die Namensgebung ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Das Wort „viking“ wurde ursprünglich genutzt, um Handlungen wie Erkundungsfahrten, Piraterie oder Überfälle zu beschreiben, nicht aber eine bestimmte Volksgruppe. Im 19. Jahrhundert erfuhr es in England eine Renaissance und die Bezeichnung „Vikings“ (dt.: Wikinger) für die skandinavischen Seefahrer des Mittelalters bürgerte sich ein. Diese hatten zwischen 790 und 1100 n. Chr. die Gebiete jenseits ihrer Grenzen erforscht, überfallen und schließlich auch besiedelt.

Die ausgedehnten Beutezüge verliefen oft blutig. Zu Beginn der 790er-Jahre segelten skandinavische Piraten gen Süden und griffen die größtenteils schutzlosen Klöster in England, Schottland und Irland an. Das läutete den Beginn einer neuen Ära der schwedischen, altnordischen und dänischen Eroberungen ein. Aktuell debattieren Historiker noch über die Hintergründe dieser Einfälle in fremde Gebiete. Möglicherweise gab es in ihrer Heimat nicht genug heiratsfähige Frauen, einen Bedarf an Sklaven oder die Suche nach neuen Handelsnetzwerken.

Internationale Beutezüge

Im Jahr 865 begannen die Wikinger mit einem groß angelegten Eroberungsfeldzug gegen England. Die Krieger des „Großen Heidnischen Heers“ schafften es, drei der vier angelsächsischen Königreiche einzunehmen. Laut zeitgenössischen Quellen befanden sich unter den Eroberern jedoch auch Händler, Frauen und Kinder. Das verbleibende freie Königreich Wessex widersetzte sich erfolgreich den Wikingern, führte jedoch jahrelang Kämpfe gegen sie. Schließlich umspannte das Danelag (dt.: dänisches Recht), das Gebiet, das von dänischen Wikingern beherrscht wurde, den kompletten Nordosten Englands.

Doch nicht nur in England machten sich die Wikinger einen Namen: Sie segelten südlich bis nach Nordafrika, westlich bis nach Kanada und in den Mittleren Osten, Russland, Frankreich und Spanien.

Sie ließen sich entlang ihrer Reisewege nieder, mischten sich mit den Einheimischen und hinterließen ihre Einflüsse überall, von der Sprache bis hin zur Kriegsführung.

Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert n. Chr. erhöhte sich die Zahl der Wikingerüberfälle. Diese zweite Hälfte des Wikingerzeitalters wird jedoch von einer neuen Art von Macht bestimmt: Geld. Die Wikinger verlangten Tribut, das sogenannte „danegeld“, für die Aufrechterhaltung des Friedens und die Zusicherung, keine Raubzüge in die entsprechenden Regionen zu unternehmen. Das englische Steuersystem wurde auf der Grundlage dieses Abgabensystems entwickelt.

Schwindender Einfluss

Um etwa 1100 n. Chr. geriet die Vorherrschaft der Wikinger jedoch deutlich ins Schwanken. Die politische Macht konzentrierte sich mit dem Zusammenschluss der einzelnen versprengten Fürstentümer zu skandinavischen Königreichen und Regierungsinstitutionen. Die beliebten Opfer der Wikinger hatten in Festungs- und Verteidigungsanlagen investiert und gelernt, sich gut zu verteidigen. Das Ende der Wikingerherrschaft markiert die Schlacht von Hastings im Jahr 1066, sowie die christliche Missionierung innerhalb Skandinaviens, die den Überfällen zunehmend Einhalt gebot.

Immer noch trägt die Popkultur das Bild vom Wikinger mit Hörnerhelm (den es bei den echten Wikingern nicht gab) weiter, der die Schädel seiner Opfer als Trinkgefäße nutzt (, was ebenfalls nicht stimmt). Die Geschichte zeugt jedoch von friedlichem Handel und dem Teilen kultureller Errungenschaften, was dem Mythos vom blutrünstigen Wikinger widerspricht. Der große Einfluss der Wikinger und ihr positiver Beitrag in den Gemeinschaften ihrer Niederlassungen waren ebenso wichtig wie ihre Fähigkeiten als Seefahrer und Plünderer.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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