Höhlenmalereien offenbaren Mondkalender aus der Eiszeit

Forschende entschlüsseln anhand von eiszeitlichen Wandmalereien den frühesten Gebrauch eines Kalenders – und entschlüsseln eine 20.000 Jahre alte „Urschrift“.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 13. Jan. 2023, 14:13 MEZ
Höhlenmalerei: Pferd auf einer Felsenwand.

Ein Pferd, das vor etwa 15.000 Jahren auf die Wand der Niaux-Höhle in Ariège, Frankreich, gemalt wurde. 

Foto von Neanderthal Museum, Mettmann

In der französischen Höhle von Niaux bieten zahlreiche und äußerst gut erhaltene Höhlenmalereien einzigartige Einblicke in die menschliche Kunstgeschichte. Sie ist nur eine von etwa 400 europäischen Höhlen, die derartige Zeichnungen aufweisen – von abstrakten Figuren bis hin zu deutlich erkennbaren Tiergestalten.

Neben Pferden, Wisenten und Steinböcken tauchen europaweit auch unscheinbare Zeichenfolgen auf. Gefunden wurden sie in Wandmalereien und an tragbaren Objekten wie Werkzeugen, Knochen oder Schmuck. 

Diese teilweise über 20.000 Jahre alten Zeichenfolgen der eiszeitlichen Jäger und Sammler haben Forschende der Durham University nun entschlüsselt. Sie sagen: Die Geschichte der Schrift begann viel früher als bislang gedacht. Ihre Studie belegt zudem den wohl frühesten Einsatz eines systematischen Kalenders. In ihm markierten unsere Vorfahren wichtige jahreszeitliche Ereignisse der Natur. 

Frühes Kalendersystem offenbart Wissen über Beutetiere

Anstoß zur Studie hatte der Hobby-Archäologe Bennet Bacon gegeben – er war mit seiner Vermutung an die Uni getreten. Für ihre Forschungsarbeit nutzte das Team dann eine Datenbank diverser Zeichenfolgen aus Punkten und Linien. Stehen diese in direkter Verbindung mit Bildnissen von Tieren, so stellen sie laut der Studie Zahlen dar.

Replikat einer Höhlenmalerei aus der Höhle von Niaux. Die Malereien aus der Höhle sind teilweise über 13.000 Jahre alt und Teil der Datenbank, die das Forschungsteam nutzte, um die kleinen Zeichen der Jäger und Sammler aus der Eiszeit zu entschlüsseln.

Foto von Wikimedia Commons / Anthropos Pavilion

Diese Zahlen standen wiederum für die einzelnen Monate eines Kalenders, der sich wohl hauptsächlich nach wiederkehrenden Naturphänomenen richtete. Das Jahr dieser lokalen Zeitrechnung begann mit dem Einzug des Frühlings. Im Folgenden orientierte sich der Kalender zeitlich am 28-tägigen Rhythmus des Mondes. 

Zudem ergab sich, dass das im Paläolithikum am häufigsten verwendete Y-Zeichen eine eindeutige Bedeutung hat: Es steht für das Gebären oder die Geburt. Die Position des „Y“ innerhalb einer Folge von Markierungen bezeichnet also den Geburtsmonat der jeweils abgebildeten Tierart. Punkte hingegen sprechen für die jeweilige Paarungszeit.

Für die Studie wurden die vermuteten damaligen Paarungs- und Geburtszeiten mit denen der modernen verwandten Tierarten verglichen. Elefanten und Nashörner standen dabei stellvertretend für bereits ausgestorbene Mammuts und Wollnashörner. Deren Zyklen überschneiden sich im direkten Vergleich zum Großteil mit den entschlüsselten Monatsangaben. Das ließ die Forschenden zu dem Schluss kommen, dass den Malereien ein vielfältiges Wissen über das jahreszeitlich bedingte Verhalten von Beutetieren zugrunde lag. 

Höhlenmalereien geben eiszeitliche „Urschrift“ preis

Derartige Markierungen wurden dank der umfassenden Datenbank in mehreren Höhlen in ganz Europa und in über 600 eiszeitlichen Wandmalereien und anderen Objekten ausgemacht. Da sie eher als Kalenderaufzeichnungen dienten, sind sie nicht mit Bild- und Keilschriftsystemen wie dem der Sumerer ab etwa 3.400 vor Christus vergleichbar.

Dennoch bezeichnen Bacon und das Forscher-Team die Zeichen als eine Art Ur- oder Protoschrift. Sie ist deutlich älter ist als die bisher bekannten Schriftsysteme, die auf Zeichen basieren. Bislang wurde angenommen, dass solche Schriftsysteme erstmals während des Neolithikums im Nahen Osten auftraten – rund 10.000 Jahre später als die in den französischen Höhlen gefundenen Zeichen.

Die Studie liefert somit die erste spezifische Interpretation der Kommunikation während der letzten europäischen Eiszeit und damit die ersten bekannten Schriftzeichen in der Geschichte des Homo sapiens – wenn auch nur in Form eines Mondkalenders. Das „Y“ beschreibt laut dem Forschungsteam außerdem als erstes bekanntes schriftähnliches Zeichen ein Verb. 

Unklar bleibt unterdessen die Frage, wer zur damaligen Zeit imstande war, Schriftzeichen und Kalender zu lesen – und ob es für die Zeichen möglicherweise noch weitere, abweichende Interpretationsansätze gibt. Das Team will seine Arbeit zur Entschlüsselung weiterer Zeichen fortsetzen, um noch mehr über ihren Nutzen in der Zeit der Jäger und Sammler zu erfahren. 

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