Raubkunst in Deutschland: 7 Schätze, die Deutschland nicht gehören

Diese sieben Kunstobjekte werden zwar in deutschen Museen ausgestellt, ihre Beschaffung steht aber in Verbindung mit der gewaltsamen Kolonialherrschaft Deutschlands. Das sagen Experten zur Raubkunst in Deutschland.

Von Viktoria Schütze
Veröffentlicht am 20. März 2023, 13:45 MEZ
Museumsbesuch

Wer ein Museum besucht, erwartet einzigartige Objekte aus aller Welt. Die Frage nach der Herkunft dieser Kunst stellt man sich jetzt aber immer häufiger.

Foto von stock.adobe.com/Anton Ivanov Photo

Ausstellungsstücke aus aller Welt machen einen Museumsbesuch erst richtig wertvoll. Allerdings findet ein Umdenken statt: Spätestens seit der Rückgabe der Benin-Bronzen unter der Bundesministerin des Auswärtigen, Annalena Baerbock, ist die Debatte um die Raubkunst in Deutschland angeheizt. 

Raubkunst bezeichnet laut dem Historischen Lexikon Bayerns Kulturverluste, die durch das ehemalige NS-Regime verursacht wurden. Sammler, Händler und Eigentümer von Kunstwerken wurden ihres Besitzes beraubt. Raubkunst ist demnach von Beutekunst zu unterscheiden: Zweiteres bezeichnet Kunst, die sich infolge von Kriegen angeeignet wurde. In den Medien werden beide Begriffe häufig unter „Raubkunst“ zusammengefasst.

Wie viel Raubkunst, also illegal und meist gewaltsam beschaffte Kunstschätze, wirklich in deutschen Museen ausgestellt oder archiviert sind, ist nicht bekannt. Der NDR spricht von hunderttausenden Objekten und es sei Fakt, dass 95 Prozent des afrikanischen Kulturerbes nicht etwa in Afrika, sondern in westlichen Museen zu finden sind. Nur etwa fünf Prozent vom sogenannten „Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ werden überhaupt ausgestellt. Der Rest wird nicht sichtbar im Archiv verstaut.

Trotzdem haben sich viele Länder, darunter auch Deutschland, lange geweigert, die Objekte zurückzugeben. Und das hat viele Gründe.

Kunstraub in Deutschland: Die Rückgabe ist schwierig

Der Journalist Andrew Curry spricht in der Ausgabe 03/23 von National Geographic davon, dass die Grundidee eines Museums aus dem 19. Jahrhundert stammt: Sie sollten Schätze aus aller Welt zeigen, um zu beweisen, welche Ländereien die Europäer entdeckt und erobert hatten. Doch nichts kam zufällig ins Museum. Anthropologen, Missionare und Kaufleute bekamen konkrete Listen mit Wunschobjekten der Museen mit, wenn sie sich zu bewaffneten Expeditionen aufmachten. 

Eine Rückgabe von Raubkunst erweist sich oft als komplizierter als ihre Beschaffung. Deutsche Museen bringen immer wieder dieselben Argumente, um die Schätze der Raubkunst behalten zu können. Die Kunsthistorikerin der Technischen Universität Berlin Bénédicte Savoy berichtet im Format extra 3 des NDR: „Die Deutschen sagen: ‚Wir veröffentlichen keine Liste [der Raubkunstobjekte], denn das würde […] Begehrlichkeiten wecken.“ Man möchte bewusst verhindern, dass die entsprechenden Länder Anspruch auf ihre Kunst erheben. 

Raubkunst ist aber nicht immer Ländersache, sondern betrifft häufig auch Privatpersonen. Vor allem kunstschaffende Juden, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, hatte man ihrer Kunst beraubt. Provenienzforscher, wie beim Bayerischen Nationalmuseum, versuchen in mühseliger Arbeit die Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen. 

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern verläuft die Rückgabe sehr zäh. National Geographic-Journalist Andrew Curry bezeichnet das British Museum als „Sinnbild für die Weigerung, Objekte zu restituieren“. Die dortigen Museumssprecher argumentierten, dass die Welt Universalmuseen mit zahlreichen Ausstellungsstücken aus aller Welt bräuchte. Dadurch sollen alle Kulturen enger zusammenwachsen.

Kritiker argumentieren genau gegenteilig: Wer Raubkunst restituiert, statt sie bei sich im Lande auszustellen, schafft Brücken zu anderen Kulturen.

Das enzyklopädische Pitt Rivers Mueum der University of Oxford bewahrt mehr als eine halbe Million Objekte auf, die aus Ländern der ganzen Welt stammen. 

Foto von National Geographic

Kunstraub in Deutschland: Müssen diese Objekte restituiert werden?

Die deutschen Museen haben viele Kunstwerke bereits restituiert. Allerdings befinden sich noch zahlreiche Raubkunstschätze auf deutschem Boden, die ihren rechtmäßigen Besitzer an einem anderen Ort auf dieser Welt haben. Bei manchen Artefakten wird noch darüber debattiert, ob es sich um Raubkunst handelt oder nicht. 

Wir stellen Ihnen sieben Ausstellungsstücke vor, die zwar in deutschen Museen ausgestellt wurden oder werden, die aber als Raubkunst zu betrachten sind. 

1. Die Benin-Bronzen Nigerias

Eines der wohl berühmtesten Beispiele für Raubkunst in Deutschland sind 20 Benin-Bronzen, die 125 Jahre lang, auf fünf deutsche Museen verteilt, beherbergt wurden. Im Dezember 2022 gaben Außenministerin Annalena Baerbock und Kultusministerin Claudia Roth die wertvollen Objekte an Nigeria zurück.

Die Benin-Bronzen wurden größtenteils unter britischer Flagge Ende des 19. Jahrhunderts geplündert. Die Grünen-Politikerin Baerbock kommentiert die Rückgabe mit den Worten: „Es war falsch, sie zu nehmen, und es war falsch, sie zu behalten.“

Viele der Bronzenskulpturen zeigen bedeutsame Ereignisse der Geschichte Benins.

Foto von National Geographic

2. Nofretete Büste – wirklich Raubkunst?

Die berühmte Büste der Nofretete wird aktuell im Neuen Museum in Berlin ausgestellt. Sie wurde 1912 bei einer Ausgrabung in Ägypten entdeckt. Einige Experten sind davon überzeugt, dass die Büste illegal entwendet wurde. Dazu gehört auch Jürgen Zimmerer. Der Professor lehrt Afrikawissenschaften an der Universität Hamburg.

Die Deutsche Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist heute für das Objekt zuständig, wie der NDR mitteilt. Auf eine Anfrage des ARD-Studios in Kairo reagierte die Stiftung mit den Worten: „Nach der Entdeckung wurde sie bei der damals bei archäologischen Grabungen üblichen Fundteilung der deutschen Seite zugesprochen. Die Büste wurde anschließend legal außer Landes gebracht.“

Professor Zimmerer ist sich laut dem NDR sicher, dass die Büste und viele weitere Objekte „unter Bedingungen an der Fremdherrschaft […] angeeignet [wurden] und deshalb gar nicht legal nach Europa kommen konnten.“ Eine Rückgabe der Nofretete Büste ist trotz vieler Kritiken nicht in Planung.

Die berühmte Büste der Nofretete ist laut vieler Experten auch als Raubkunstobjekt zu betrachten.

Foto von National Geographic

3. Pergamon-Altar könnte zurück in die Türkei gehen

Der uralte Pergamon-Altar stammt aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. Pergamon, wo der Altar errichtet wurde, war eine antike griechische Stadt auf dem Gebiet der heutigen Türkei. 1870 brachte der deutsche Ingenieur Carl Humann das gigantische Kunstwerk nach Deutschland. Heute ist der Pergamon-Altar im Pergamonmuseum in Berlin ausgestellt. 

Laut der Frankfurter Rundschau bemüht sich die Türkei allerdings schon seit etwa 30 Jahren darum, dieses Kunstwerk zurückzugewinnen. Die Berliner Staatssekretärin für Vielfalt und Antidiskriminierung, Saraya Gomis, macht sich für die Rückkehr des Altars stark. Sie sei persönlich dafür, den Altar und auch die Büste der Nofretete zurückzugeben. Allerdings räumt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel ein: „Aber darüber zu befinden und zu entscheiden haben andere.“

Der mächtige Pergamon-Altar könnte zurück in die Türkei gebracht werden.

Foto von stock.adobe.com/Pecold

4. Gemälde als Raubkunstobjekte

Es gibt zahlreiche Gemälde, die als Raubkunst betitelt werden können. Als Beispiel nennt die Süddeutsche Zeitung das Kunstwerk „Bildnis eines jungen Mannes mit Schreibgerät“, das dem italienischen Künstler Jacopino del Conte zugeschrieben wird. Der Künstler lebte im 16. Jahrhundert, sein undatiertes Werk wird dem Raubgut der Nationalsozialisten zugeschrieben. 

Das Gemälde wurde bereits restituiert: Erben der von den Nazis verfolgten und ermordeten Ilse Hesselberger erhielten das Gemälde im März 2022 zurück. Das italienische Kunstwerk gelangte 1927 in den Besitz der Jüdin, die Untersuchungen zufolge das Bild verfolgungsbedingt verkaufen musste – ein Beispiel für ein Raubkunstobjekt, das bereits den Weg zurückgefunden hat. 

5. Thron Mandu Yenu: Ein Tauschgeschäft

Die Geschichte hinter dem Thron des einstigen Sultans Ibrahim Njoya, dem Herrscher der Bamum in Kamerun, ist sehr facettenreich. 1907 bestanden deutsche Beamte darauf, diesen Thronsessel mit dem Namen Mandu Yenu Kaiser Wilhelm II. zu dessen 50. Geburtstag zu überreichen. Man einigte sich darauf, ein Duplikat des wertvollen Mandu Yenu anzufertigen und dem deutschen Kaiser zu überlassen. 

Die Kopie wurde aber nicht rechtzeitig zu dessen Geburtstag fertiggestellt. Die Deutschen überredeten Sultan Ibrahim Njoya dazu, das Original zu verschenken. Warum der Sultan zustimmte, geht nicht aus den Aufzeichnungen hervor. Seltsam erscheint dessen plötzliche Zustimmung, weil er bereits mehrfache Angebote Deutschlands, den Thron zu kaufen oder einzutauschen, abgelehnt hatte. 

Experten begründen es so: Der Herrscher Bamums nutzte den Thron als Geste der Dankbarkeit. Deutsche Truppen hatten ihn gegen seine feindlichen Nachbarn verteidigt. Der Thron Mandu Yenu landete schließlich im Ethnologischen Museum in Berlin.

Bis heute hat kein Bamum-Herrscher die Restitution des Mandu Yenu beantragt – allerdings gab der heutige König von Bamum und Enkel des Sultans Njoya, Nabil Njoya, in einem Interview mit National Geographic zu, einerseits den Thron sehr gerne wieder in den Händen seines Volkes zu wissen und andererseits auch erkennt, dass dieses wertvolle Geschenk einst einen Sinn hatte. Er schlussfolgert für sich: „Bevor der Thron Bamum verließ, wurde eine Kopie angefertigt. Vielleicht ist ein Tausch möglich?“

Die ganze faszinierende Geschichte rund um den Thronsessel Mandu Yenu finden Sie in der Ausgabe 03/23 von National Geographic.

Sultan Ibrahim Njoya sitzt auf dem Thron Mandu Yenu, neben ihm ein österreichischer Kaufmann auf der Suche nach Objekten für europäische Museen.

Foto von Helene Oldenburg, Missionsarchiv Basel

6. Luf-Boot: Erinnerung an die brutale Herrschaft der Deutschen

Das gigantische Luf-Boot ist etwa 15 Meter lang und fast vier Meter breit. Bis zu 50 Personen konnten darauf Platz finden. Es stammt aus dem heutigen Papua-Neuguinea, wo im späten 19. Jahrhundert die Deutschen als Kolonialmacht herrschten. Heute ist auch dieses Boot im Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin ausgestellt. 

Von offizieller Seite heißt es, ein deutscher Kaufmann hätte das Luf-Boot legal erworben. Dokumente, die diesen Kauf bestätigen würden, fehlen aber, wie der Deutschlandfunk berichtet. Fakt sei jedoch, dass die Deutschen eine grausame und „brandschatzende Herrschaft“ über die dortigen Menschen ausübten. Der Historiker Götz Aly gibt auch in seinem Buch „Prachtboot“ wieder, wie das Luf-Boot gewaltsam angeeignet wurde. 

Bis heute werden immer wieder Diskussionen von Experten und Politikern darüber geführt, ob das Luf-Boot seinen Weg zurück in seine Heimat antreten soll.

Das Luf-Boot ist heute im Ethnologischen Museum Berlin zu betrachten. 

Foto von Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Foto: Alexander Schippel

7. Human Remains: Mehr als Raubkunst

Wenn man über Raubkunst debattiert, stößt man auf sämtliche Grausamkeiten. Die Deutschen eigneten sich als Kolonialmacht zahlreiche Skulpturen, Gemälde oder symbolträchtige Gegenstände gewaltsam an. Bei dieser Debatte darf man eines nicht vergessen: die sogenannten „Human Remains“, also menschliche Überreste.

Denn „im Namen der Wissenschaft“ wurden etliche Schädel und Knochen von Menschen aus Afrika und Asien nach Europa gebracht. Die Skelette der Menschen, die dort unter europäischer Kolonialherrschaft getötet wurden, sollten der Rasseforschung dienen. Noch heute werden zahlreiche solcher Gebeine in Museen oder auch Privatsammlungen „aufbewahrt“. 

Laut der gemeinnützigen Kurations-Plattform piqd.de wurden beispielsweise 20 solcher Schädel im Jahr 2011 nach Namibia zurückgebracht. Auch dort herrschte Deutschland als Kolonialmacht. Allerdings ist die Zahl der noch in Deutschland verbliebenen menschlichen Überreste aus der Kolonialzeit ungewiss.

Raubkunst in Deutschland: Wir sind erst am Anfang

Zwar hat es schon einige Restitutionen seitens Deutschlands gegeben. Allerdings gibt es noch viel zu tun: In deutschen Museen werden derzeit noch immer etliche Objekte ausgestellt, die klar als Raubkunst zu betrachten sind. Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern verläuft die Rückgabe sehr zäh. Es stellt sich also international die Frage, wie mit Ausstellungsstücken mit kolonialem Kontext in Zukunft umgegangen werden soll. 

Ein ausführlicher Bericht zum Thema Raubkunst erschien in der Ausgabe 3/23 von National Geographic. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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