Ivory Lady: Mächtiger spanischer Herrscher war eine Frau

Eine neue Studie zeigt, dass ein kupferzeitliche Skelett aus Valencia vor einigen Jahren fälschlicherweise als männlich identifiziert wurde. Somit war der Herrscher „Ivory Man“ eigentlich eine „Ivory Lady“ – und eine der mächtigsten Frauen ihrer Zeit.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 14. Juli 2023, 08:31 MESZ
Künstlerische Darstellung der Ivory Lady: Sie sitzt mit Frauen und Männern in einem Kreis und trägt ...

Künstlerische Darstellung der Ivory Lady. Die Herrscherin muss zur Kupferzeit eine der mächtigsten Personen in ganz Iberien gewesen sein. 

Foto von Miriam Luciañez Triviño

2008 entdeckten Archäolog*innen in Valencia, Spanien, ein etwa 5.000 Jahre altes Einzelgrab. Neben menschlichen Überresten fanden sie darin auch mehrere wertvolle Grabbeigaben, darunter einen Elfenbein-Stoßzahn und einen reich verzierten Dolch. Die Forschenden waren sich sicher: Es handelt sich um das Grab eines mächtigen Herrschers. Diesen tauften sie „Ivory Man“, also Elfenbeinmann.

Jetzt haben neue Untersuchungen der Überreste ergeben, dass es sich bei der mächtigen Person im Grab nicht um einen Mann handelte, sondern um eine Frau – also eine „Ivory Lady“. Die Studie, im Rahmen derer Forschende der Universität Sevilla in Spanien und der Universität Wien in Österreich die Untersuchungen durchgeführt haben, zeigt: Die Ivory Lady war in der Kupferzeit die bedeutendste Herrscherin in ganz Iberien – und hatte eine Macht, die Männer zu jener Zeit vermutlich gar nicht erreichen konnten.

Die Elfenbeindame aus Iberien

Dass Gräber mächtiger Personen fälschlicherweise Männern zugeordnet werden, ist in der Vergangenheit bereits häufiger vorgekommen. Gerade Grabbeigaben, die auf einen hohen sozialen Status oder eine mächtige Position hinweisen, ließen gemäß unserem vorherrschenden Verständnis von Geschlechterrollen kaum andere Schlüsse zu. 

Wissenschaftliche Fortschritte der letzten Jahrzehnte liefern allerdings immer mehr Möglichkeiten, auch sehr alte Überreste genauer zu untersuchen – und deren biologisches Geschlecht konkret zu bestimmen. Für seine aktuelle Studie nutzte das Forschungsteam aus Spanien eine Methode, bei der das biologische Geschlecht mithilfe von Überresten des Zahnschmelzes identifiziert werden kann. Dabei konnten sie bei der Ivory Lady in einem Schneide- und in einem Backenzahn das AMELX-Gen nachweisen, das sich nur auf dem X-Chromosom befindet. Es handelt sich bei der begrabenen Person also tatsächlich um eine Frau.

„Unsere Ergebnisse laden dazu ein, etablierte Interpretationen über die politische Rolle der Frauen zu Beginn der frühen sozialen Komplexität zu überdenken und traditionell vertretene Ansichten über die Vergangenheit in Frage zu stellen“, so die Forschenden. Wichtig sei dabei auch, dass die Frau ihre Position durch eigenen Verdienst erlangte: Da bei Kindergräbern in der Region keine wertvollen Grabbeigaben gefunden wurden, kann man bislang ausschließen, dass Macht zur damaligen Zeit durch Geburtsrecht weitergegeben wurde.

Iberien: Regiert von mächtigen Herrscherinnen

Das Grab der Elfenbeindame stammt aus der Kupferzeit, also aus der Zeit zwischen 3.200 und 2.200 v. Chr. Aus dieser Zeit sind aus der Region um Valencia bislang keine anderen derart reich bestückten Gräber zu finden – auch keine von Männern. „Die Elfenbeinfrau war eine führende Persönlichkeit der Gesellschaft zu einer Zeit, in der kein Mann eine auch nur annähernd vergleichbare gesellschaftliche Stellung einnahm“, so die Forschenden. 

Das einzig vergleichbare Grab habe man ganz in der Nähe der Ivory Lady gefunden. In jenem waren 22 Menschen bestattet worden, davon mindestens 15 Frauen. „Einige dieser Frauen trugen raffinierte Gewänder, die mit Tausenden von aus Meeresmuscheln geschnitzten, perforierten Perlen versehen waren“, heißt es in der Studie. Darüber hinaus sei das Grab ebenfalls mit hochwertigen Artefakten aus Elfenbein, Bergkristall, Gold, Bernstein, Mylonit und Feuerstein bestückt gewesen.

Laut den Forschenden zeigen diese beiden Funde, dass Frauen in der Kupferzeit in Iberien hochrangige Positionen bestückten – und der Fall der Ivory Lady keine Ausnahme ist: „Wir müssen die vorherrschenden Vorstellungen über Macht, soziale Komplexität und Geschlechterunterschiede in frühen komplexen Gesellschaften also überdenken.“

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