Von Kannibalen und gewagten Gefängnisausbrüchen: Deutsche Haftanstalten und ihre Geschichten

Seit über 100 Jahren gibt es in Deutschland Haftanstalten – und mindestens genauso lange spielen sich dort unglaubliche True Crime Geschichten ab. Von Kriegsverbrechen bis zu waghalsigen Ausbrüchen.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 22. Aug. 2023, 10:42 MESZ
Sicht auf die Fenster eines Gefängnisses durch den Stacheldraht auf der Gefängnismauer.

Stacheldraht und Stahlgitter: Hinter den Mauern der 172 Justizvollzugsanstalten Deutschlands haben sich über die Jahrzehnte hinweg unglaubliche Geschichten abgespielt.

Foto von lettas / Adobe Stock

Eingebuchtet, hinter Schloss und Riegel oder den berühmten schwedischen Gardinen: Es gibt viele Synonyme für den Strafvollzug in Gefängnissen. 172 Justizvollzugsanstalten (JVAs) gibt es in Deutschland – in einer von ihnen landen Straftäter*innen, deren Verbrechen mit Freiheitsentzug sanktioniert werden. 

Dabei ist die Freiheitsstrafe, wie wir sie heute kennen, laut der Bundeszentrale für politische Bildung noch gar nicht so alt. Sie existiert erst seit dem 19. Jahrhundert – und ist seitdem ein global anerkanntes Strafmittel. Doch Gefängnisse sollen nicht nur bestrafen, sondern auch resozialisieren. Archivar Kai Naumann erklärt dazu im Buch Gefängnis und Gesellschaft: „[Die Gefangenen] sollten‚ soweit es erforderlich ist, an Ordnung und Arbeit gewöhnt und sittlich so gefestigt werden, daß sie nicht wieder rückfällig werden.“

In Deutschlands JVAs befanden sich im März 2022 laut der Statistikplattform Statista insgesamt 42.492 Strafgefangene und Sicherheitsverwahrte. Rund 50 Gefangene kommen so auf 100.000 Einwohner*innen. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinter den Spitzenreitern USA und China, in denen laut Statista derzeit rund 532 und 120 Gefangene auf 100.000 Einwohner*innen kommen. 

Über 5,6 Millionen Straftaten wurden 2022 in der Bundesrepublik erfasst, so eine Statistik des Bundeskriminalamts, über 3,2 Millionen davon konnten aufgeklärt werden. Manchmal werden Kriminalfälle erst Jahre später gelöst, so zum Beispiel im Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ oder dem „Rhein-Ruhr-Ripper“. Die deutschen Gefängnisse können teilweise turbulente Geschichten erzählen – von berühmten Insassen bis zu spektakulären Ausbrüchen. Ein Einblick in die True Crime Stories Deutschlands.

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JVA Kassel I: Der „Kannibale von Rotenburg“ 

Hinter den Mauern der JVA Kassel I sitzen schon seit 1882 berüchtigte Strafgefangene ihre Freiheitsstrafen ab. Im Laufe der Historie waren darunter auch immer wieder politische Gefangene wie Adam Rössner, katholischer Widerstandskämpfer gegen das nationalsozialistische Regime, der aufgrund der damals widrigen Zustände im Gefängnis nur wenige Tage nach seiner Freilassung im Jahr 1942 verstarb. 

Während der beiden Weltkriege wurden auch Kriegsgefangene in Kassel inhaftiert – vor allem im Zweiten Weltkrieg war die Strafanstalt dadurch permanent überbelegt. Den harten Haftbedingungen sowie der Mangelernährung und Winterkälte fielen in den Kriegsjahren zwischen 1939 und 1945 ganze 417 Gefangene zum Opfer: Sie starben noch vor Ort. 

Heute ist die Anlage in Kassel ein Gefängnis der höchsten Sicherheitsstufe. Sie verfügt also über einen eigenen Hochsicherheitsbereich, dessen Hafträume und Flurabschnitte ständig abgeschlossen sind. 564 Häftlinge können in dem Komplex selbst unterkommen, dazu gibt es 91 Plätze im Zentralkrankenhaus – für Straftäter*innen, die sich in medizinischer Behandlung befinden. 

Eine tödliche Verabredung 

Der wahrscheinlich bekannteste Insasse in der Geschichte der JVA Kassel I ist wohl Armin Meiwes alias der „Kannibale von Rotenburg“. Am 9. März 2001 trifft sich der Computertechniker mit seinem Opfer, dem damals 43-jährigen Diplom-Ingenieur Bernd Jürgen Brandes. Meiwes hat ihn einen Monat zuvor mithilfe einer Kontaktanzeige im Internet kennengelernt – in der der Täter nach Personen gesucht hat, die sich von ihm essen lassen würden. 

Auf Meiwes’ Anwesen in Wüstefeld bei Rotenburg an der Fulda willigt Brandes nicht nur in seine körperliche Verstümmelung und den Verzehr seiner Körperteile ein, sondern auch in seine anschließende Tötung. Nachdem Meiwes ihm diverse Schlaftabletten, Schnaps und Hustensaft als Betäubungsmittel verabreicht hat, versucht der Täter auf Brandes Verlangen hin zunächst, dessen Penis abzutrennen – um ihn im Anschluss gemeinsam zu verspeisen. 

Der Versuch misslingt, in den frühen Morgenstunden trägt Meiwes sein bewusstlos scheinendes Opfer in einen vorbereiteten Raum und tötet Brandes mit einem Messerstich in den Hals. Im Anschluss zerlegt er den Leichnam und friert die Fleischstücke zum späteren Verzehr ein. Die gesamte Tat hält Meiwes filmisch fest. 

Überführt wurde der Kannibale erst über anderthalb Jahre später, im Dezember 2002 – nach einer Hausdurchsuchung. Diese erfolgte auf den Tipp eines Studenten aus Innsbruck, der ebenfalls eine von Meiwes’ Kontaktanzeigen gesehen hatte. Das Urteil lautete zunächst: achteinhalb Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags. 2005 wurde neu verhandelt – und Meiwes schließlich zu lebenslanger Haft wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt. Mittlerweile wurde Meiwes in die JVA Kassel II verlegt. 

JVA Werl: Von NS-Kriegsverbrecher*innen bis zum „Rhein-Ruhr-Ripper“ 

Mit 1.034 Haftplätzen ist die JVA Werl nicht nur eines der größten Gefängnisse Deutschlands – sie hat auch vermutlich die turbulenteste Geschichte. In der Nachkriegszeit wurden hier unter anderem die NS-Kriegsverbrecher*innen aus der britischen Besatzungszone inhaftiert – darunter KZ-Aufseher*innen wie Hertha Bothe oder SS-Gruppenführer Max Simon, der an der Planung des Massakers von Marzabotto beteiligt war. 

Die Justizvollzugsanstalt Werl ist vor allem für den Serienmörder Frank Gust bekannt, der nach seiner Verhaftung hier einsaß.

Foto von CC BY-SA 3.0

Zwischen 1946 und 1954 begann mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichteten Militärgericht das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Werler Gefängnisses: An insgesamt 35 Inhaftierten wurde 1946 und 1947 die Todesstrafe durch Erschießen vollstreckt. Sieben davon waren Kriegsverbrecher*innen aus der NS-Zeit, die anderen Personen hauptsächlich im Krieg verschleppte Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die sich in der Nachkriegszeit aufgrund ihrer erlebten Traumata strafbar gemacht hatten. 

Heute sind alle als gefährlich eingestuften Straftäter Nordrhein-Westfalens in der JVA untergebracht, die nach ihrer Haftstrafe in Sicherheitsverwahrung verbleiben. So auch Frank Gust, ein zu lebenslanger Haft verurteilter Serienmörder aus Oberhausen. In den Medien wird er als der „Rhein-Ruhr-Ripper“ bekannt: Zwischen 1994 und 1998 tötet er mindestens vier Frauen und platziert ihre stark verstümmelten und ausgeweideten Leichen an gut sichtbaren Orten – so wie der berüchtigte Serienmörder „Jack the Ripper“. 

Chronik eines Serienmörders 

Doch wie kommt es zu den grausigen Taten? Gust wird in seiner frühen Kindheit tagsüber getrennt von seinen engsten Bezugspersonen in einem Säuglingsheim untergebracht und ab dem Kindergartenalter mehrfach sexuell missbraucht. Er entwickelt daraufhin schwere emotionale Störungen und wird zunächst zum Tierquäler: Gust gibt an, in seinem Leben mehrere hundert Tiere getötet zu haben. 

Sein Gewaltverhalten steigert sich mit den Jahren. Mit Mitte 20 begeht er die grausamen und gewaltvollen Morde an den vier Frauen, darunter auch seine Tante. Obwohl er die Taten bei seiner Mutter und seiner damaligen Lebensgefährtin andeutet und sogar für kurze Zeit verhaftet wird, kann erst die Recherche einer Redakteurin von Aktenzeichen XY den Täter im Jahr 2000 final überführen. 

JVA Schwalmstadt: Prison Break mit Panzer 

Ein Hochsicherheitsgefängnis hinter historischer Kulisse: Die hessische JVA Schwalmstadt liegt innerhalb einer mittelalterlichen Festungsanlage, die einst im Besitz der Grafen von Ziegenhain war. Schlossherren sind heute allerdings keine Adligen mehr – sondern Gefängnisdirektoren: Das Schloss in der Festung wurde 1821 umgewidmet und seitdem als Zuchthaus genutzt. 

Das Gefängnis hat heute die höchste Sicherheitsstufe und ist teilweise vom Großen Wallgraben umgeben, einem ehemals für die Festung angelegten tiefen Wassergraben. Die Anstalt zählt zu den sichersten Deutschlands. Unüberwindbare Mauern und Gräben also? Ganz so ausbruchsicher scheint das historische Gemäuer in den 1990er-Jahren jedenfalls nicht gewesen zu sein. 1993 gelang dem wegen dreifachen Mordes Verurteilten Lothar Luft mit der Hilfe eines Freundes ein spektakulärer Ausbruch – mit einem Radpanzer. 

Einer der wohl spektakulärsten Gefängnisausbrüche in der deutschen Geschichte gelang 1993 dem Mörder Lothar Luft – mithilfe eines solchen Radpanzers.

Foto von Martin / Adobe Stock

„Alarm, Alarm! Panzer befindet sich in der Anstalt!“

Am Morgen des 4. April 1993 stiehlt Lufts Freund Hans-Joachim Horn, ein Ex-Mithäftling, besagtes Fahrzeug auf dem Bundeswehrgelände der Herrenwald-Kaserne in Stadtallendorf und fährt damit zur 22 Kilometer entfernten JVA in Schwalmstadt. Dort durchbricht er mit dem militärischen Gefährt gegen 13:20 Uhr vier Gefängnistore, sammelt den beim Hofgang befindlichen Häftling Luft über eine Luke ein und entkommt mit ihm in einen nahegelegenen Wald. 

Luft flieht daraufhin nach Frankreich, sein Fluchthelfer Horn wird ein paar Tage später in Frankfurt am Main gefasst. Rund drei Monate befindet sich Luft auf freiem Fuß, bis sein Abenteuer ein abruptes Ende findet: Der Dreifachmörder wird in einem Waldgebiet im Elsass von einer Frau erkannt – und wieder hinter schwedische Gardinen gebracht.

In einem Interview erklärt der damals diensthabende Justizvollzugsbeamte Lothar Ditter: „Damals wie heute bin ich der Meinung, dass die Sicherheitsvorkehrungen der JVA eigentlich ausreichend waren [...]. Die Tore, die es dort gab, brachten eine Absicherung mit sich, die eigentlich optimal ist.“ Durch den Panzerausbruch sei man allerdings eines Besseren belehrt worden – und habe nun in der Zufahrt Panzersperren installiert. 

 

Am 26.8. widmet National Geographic dem Leben hinter Gittern einen ganzen Samstag. Ab 7:20 Uhr gibt es spannende Dokus aus den Gefängnissen dieser Welt. National Geographic und National Geographic WILD empfangt ihr über unseren Partner Vodafone im GigaTV Paket.  

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