Köpfen, rädern, vierteilen: Aus dem Leben des Henkers Franz Schmidt

Fast 400 Menschen beförderte „Meister Frantz“ ins Jenseits – und führte darüber akribisch Tagebuch. Franz Schmidt war Scharfrichter in Nürnberg und gilt als einer der berüchtigtsten Henker der frühen Neuzeit.

Veröffentlicht am 14. Jan. 2022, 15:24 MEZ, Aktualisiert am 24. Jan. 2022, 14:31 MEZ
Franz Schmidt bei der Hinrichtung von Hans Fröschel, 1591. Die Zeichnung gilt als einzige verlässliche Darstellung ...

Franz Schmidt bei der Hinrichtung von Hans Fröschel, 1591. Die Zeichnung gilt als einzige verlässliche Darstellung des Scharfrichters.

Bild Staatsarchiv Nürnberg/Gemeinfrei

Zuerst wird der zum Tode Verurteilte auf den Boden des Schafotts gelegt. Die Gliedmaßen fesselt man auf kurze keilförmige Pflöcke. Dann schlägt der Scharfrichter zu. Mit Rädern, Stangen, Äxten oder anderen Werkzeugen – von den Unterschenkeln bis hoch zu den Armen. Immer wieder. Bis die Knochen zertrümmert sind.

Manchmal ließen Richter und Henker nun Gnade walten. Ein gezielter Stoß auf Kopf, Hals oder Herz erlöste das Opfer von seinen unvorstellbaren Qualen. Die öffentliche Hinrichtungs-Show war damit beendet. In vielen Fällen ging es aber nach dem ersten Akt erst richtig los.

Der noch lebende Verurteilte wurde nun mit gebrochenen Armen und Beinen zwischen die Speichen eines Rads geflochten. Dann wurde das Rad an einem Pfosten aufgerichtet und der geschundene Körper den gaffenden Zuschauern zur Schau gestellt.

Rädern des Hans Spiess, der wegen Mordes an seiner Frau 1503 zum Tode verurteilt wurde.

Bild Gemeinfrei

Vom Handwerk des Tötens

Wer sich heute „wie gerädert“ fühlt, kann sich nur schwer vorstellen, was es mit der Redewendung tatsächlich auf sich hatte. Bis ins frühe 19. Jahrhundert galt das Rädern hierzulande als populäre Form der Hinrichtung. Franz Schmidt war ein Experte darin. Der um 1555 geborene Franke gilt als einer der berüchtigtsten Henker seiner Zeit.

Insgesamt 394 Menschen beförderte er ins Jenseits. Allein während seiner fast 40-jährigen Amtszeit als Scharfrichter in Nürnberg richtete er von 1578 an 361 Menschen hin. Hinzu kommen 345 so genannte Leibstrafen, bei denen er verurteilte Straftäter auspeitschte, ihnen Ohren oder Finger abhackte, sie brandmarkte oder blendete.

Franz Schmidt (auch Frantz Schmidt) beherrschte sein Handwerk so gut, dass er bald als Meister Frantz weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde. Seine Taten sind erstaunlich detailliert dokumentiert. Er selbst führte darüber akribisch Tagebuch.

Meister Frantz: Tagebuch eines Folterknechts

In einem Eintrag vom 6.11.1595 berichtet er etwa von dem Bauern Hans Siegert, der einen Schneider erschlagen habe. Zur Strafe wurde er von Schmidt „mit dem Schwert gerichtet“. Davor habe der Bauer „den ganzen Weg geweint, bis er niederkniet.“

Die Enthauptung mit dem Schwert war die einzige Hinrichtungsart, die eine christliche Bestattung zuließ. Franz Schmidt meisterte sie wie kaum kein Zweiter. Während andere Henker oft mehrmals zuschlagen mussten, brauchte Meister Frantz nur einen Hieb, um Kopf und Körper zu trennen.

Dabei tat Franz Schmidt in seinem Beruf eigentlich nur das, was die meisten Söhne taten: „Wie damals üblich, erlernte er das gleiche Handwerk wie sein Vater“, schreibt der Historiker Joel F. Harrington in seinem Buch „Die Ehre des Scharfrichters – Meister Frantz oder ein Henkersleben im 16. Jahrhundert“.

Galerie: Das düstere Mittelalter und der Schwarze Tod

Gefeiert, gefürchtet, verachtet

Genau wie sein Vater wurde er laut Harrington ein Meister in der Praxis der „sonderen Befragung“ – also der Folter und Hinrichtung von Straftätern. Und dafür gab es viele Möglichkeiten: vom allgegenwärtigen Tod durch den Strang über die seltener angewandten Formen des Verbrennens oder Ertränkens bis hin zum Rädern und Vierteilen.

Über Sinn und Zweck der grausamen Bestrafungen herrschte allgemeiner Konsens. Nach damaliger Überzeugung sollte so die göttliche Ordnung wiederhergestellt werden. Die Gesetzesvollstrecker selbst wurden dagegen gefürchtet und verachtet. Ihr Jobprofil stigmatisierte sie als „unredlich“.

Neben Folter und Hinrichtung mussten sich Scharfrichter unter anderem auch um die Säuberung der Kloaken, die Vertreibung von Aussätzigen und die Aufsicht über die Prostituierten kümmern. Allesamt keine „ehrbaren Tätigkeiten“. Vom gesellschaftlichen Leben waren sie größtenteils ausgeschlossen.

Tödliche Arztbesuche
Der Arztberuf war vor der Entdeckung der Keime im 19. Jahrhundert weitgehend unreguliert und gefährlich. Die sanitären Verhältnisse waren schlecht, Leichen wurden in der Nähe lebender Patienten untersucht und einige Ärzte trugen voller Stolz blutige Schürzen als Zeichen ihres Könnens. Die Keimtheorie revolutionierte die Medizin und machte daraus die angesehene Praxis und das Studiengebiet, das wir heute kennen.

Scharfrichter Franz Schmidt: Vom Henker zum Wundheiler

Meist mussten Scharfrichter deshalb außerhalb der Stadt leben. So auch Franz Schmidt, der mit seiner Frau Maria und den sieben Kindern im Henkerhaus an der vorletzten Nürnberger Stadtmauer wohnte. Eine Rückkehr in ein gesellschaftlich geachtetes Leben war einem Scharfrichter in der Regel nicht beschieden.

Doch Meister Frantz schaffte es. Nach 44 Henkersjahren ging er in den ehrenhaften Ruhestand. Ein gutes Verhältnis zur Kirche ebnete ihm vermutlich den Weg. Nach seiner Pensionierung baute sich Franz Schmidt ein zweites Standbein auf. Er eröffnete eine Wundarztpraxis in Nürnberg.

Hierbei profitierte er von seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz an menschlicher Anatomie. Während seiner Tätigkeit als Scharfrichter war es ihm gestattet gewesen, die Leichenteile seiner Opfer zu sezieren. Davon hatte er offenbar ausgiebig Gebrauch gemacht.

Franz Schmidt starb 1634. Sein Grab auf dem Nürnberger Rochusfriedhof ist bis heute erhalten.

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