Weihnachtsmärkte in Deutschland: Helle Lichter, dunkle Geschichte

Von ihren Anfängen im Mittelhalter bis hin zum deutschen Exportschlager: Die Tradition des Weihnachtsmarkts ist in unserer Kultur tief verankert. Wie alles begann und was die Nationalsozialisten daraus machten.

Von Amy McKeever
Veröffentlicht am 1. Dez. 2023, 15:30 MEZ
Die Lichter des Weihnachtsmarkts aus der Vogelperspektive.

Der Weihnachtsmarkt in der Altstadt des sächsischen Annaberg-Bucholz ist nur einer von Tausenden, die jedes Jahr in Deutschland stattfinden.

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Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit verwandeln Weihnachtsmärkte die Plätze europäischer Städte in wahre Wintermärchen. Glitzernde Lichter und Tannenzweige schmücken hölzerne Hütten, der Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln liegt in der Luft. Allein in Deutschland werden in der Vorweihnachtszeit im Schnitt zwischen 2.500 und 3.000 Weihnachtsmärkte veranstaltet.

Manche Historiker sind der Meinung, dass diese Tradition ebenso erhaltenswert ist wie mittelalterlichen Kathedralen oder Ruinen aus der Römerzeit – und setzen sich dafür ein, dass die deutschen Weihnachtsmärkte auf die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden, auf der zum Beispiel auch die französische Baguette-Backkunst und das chinesische Drachenbootfest ihren Platz haben.

„Weihnachtsmärkte sind viel mehr als Orte, an denen man Christbaumkugeln kaufen kann“, sagt Dirk Spennemann, Professor für Denkmalschutz an der Charles Stuart University in Bathurst, Australien. „Sie sind ein Erlebnis, das man sehen, hören, riechen und schmecken kann und bei dem man anderen Menschen auch physisch näherkommt.“

Ihm gehören zum immateriellen Kulturerbe Traditionen, die sich stetig verändern und von Generation zu Generation neugestaltet werden. Eine Definition, die auf Weihnachtsmärkte zweifellos zutrifft. In ihrer jahrhundertelangen Geschichte wurden sie immer wieder den politischen und gesellschaftlichen Umständen ihrer Zeit angepasst – von der Industriellen Revolution bis hin zum nationalsozialistischen Regime.

Ursprung einer Weihnachtstradition

Der Ursprung der Weihnachtsmärkte kann bis ins Mittelalter zurückverfolgt werden. Der Dresdner Striezelmarkt öffnete erstmals für nur einen Tag am Heiligabend des Jahres 1434. Älteste Belege für den Nürnberger Christkindlesmarkt stammen aus dem Jahr 1628, wobei angenommen wird, dass seine Anfänge noch weiter, nämlich bis ins Jahr 1530, zurückreichen.

Der Striezelmarkt in Dresden gilt als einer der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Zum ersten Mal fand er am Heiligabend des Jahres 1434 statt. Heute zählt der Markt jährlich über 2,5 Millionen Besuchende.

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Laut Spennemann ist unklar, ob die Festmärkte zufällig oder explizit zur Weihnachtszeit stattfanden. Die Menschen jener Zeit lebten verstreut in kleinen Gemeinschaften im Umfeld von Kirchen, die zu Fuß zu erreichen waren und zu allen religiösen Feiertagen Feste veranstalteten. Die Festmärkte im Winter waren gewöhnlich die größten. Lokale Kunsthandwerker verkauften Töpferwaren, es gab Fleisch, Gebäck und – wenn der Zucker nicht zu teuer war – auch Süßigkeiten.

Über die Atmosphäre dieser frühen Märkte gibt es kaum Aufzeichnungen. Auch ist nicht bekannt, ab wann sich plötzlich alles um Weihnachtsbäume, Krippenspiele und Spielzeug zu drehen begann.

Diese Zeichnung, die etwa um 1795 entstand, zeigt Friedrich Willhelm III., den König von Preußen, und seine Ehefrau Luise von Mecklenburg-Strelitz beim Bummel über den Berliner Weihnachtsmarkt.

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Die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hatte auf die Weihnachtsmärkte einen tiefgreifenden Einfluss. Steigende Lebensqualität und die Geburt der Arbeiterklasse ließen sie rasant wachsen. Zählte der Berliner Weihnachtsmarkt im Jahr 1805 noch 303 Stände, waren es im Jahr 1840 mit 600 fast doppelt so viele.

Indem die Märkte die Arbeiterklasse als Zielgruppe erkannten und ihr Angebot nach ihr ausrichteten, vergrämten sie die gesellschaftlichen Eliten, die die billigen Waren und Geschenke, die die Händler verkauften, als unter ihrer Würde betrachteten. In vielen deutschen Städten beschwerten sich Polizisten über die unbändigen Massen von Arbeitern, die auf die Weihnachtsmärkte strömten.

„Weihnachtsmärkte wurden plötzlich als zwielichtig und sogar gefährlich angesehen“, sagt Joe Perry, Professor für europäische und deutsche Geschichte an der Georgia State University in Atlanta.

Ende des 19. Jahrhunderts starteten Geschäftsinhaber in den Innenstädten Kampagnen gegen die Weihnachtsmärkte, mit denen sie um die Kunden konkurrierten. Von Berlin bis nach Nürnberg wurden die Märkte darum an die Stadtränder verdrängt – und sollten dort über Jahrzehnte dahinvegetieren.

Menschenmasse auf einem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 1937. Der früheste Weihnachtsmarkt der deutschen Hauptstadt fand bereits im Jahr 1540 statt. Nachdem die Märkte im Zweiten Weltkrieg ausgefallen waren, wurde die Tradition sowohl im Ost- als auch im Westteil Berlins während der Ära des Kalten Kriegs wiederbelebt.

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Propagandainstrument der Nationalsozialisten

In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrten die Weihnachtsmärkte in ganz Deutschland wieder in die Stadtzentren zurück – mithilfe der Nationalsozialisten.

Zu jener Zeit wurde Weihnachten zum ideologischen Spielball: Je nach Standpunkt, versuchten Politiker der Tradition entsprechend ihrer antikapitalistischen oder atheistischen Ansichten eine neue Richtung zu geben. Als Adolf Hitler im Jahr 1933 Reichskanzler wurde, drückten er und seine Parteifreunde dem religiösen Weihnachtsfest, das dem Frieden auf Erden verschrieben war, in Windeseile den nationalistischen Stempel des deutschen Erbes auf. Die Nationalsozialisten nutzten Adventskalender als Propagandamaterial, änderten Texte von Weihnachtsliedern wie Stille Nacht, um christliche Aspekte aus ihnen zu entfernen, und ergänzten Weihnachtskrippen mit Figuren von Personen aus dem Parteiumfeld.

Es ist kein Wunder, dass die Nationalsozialisten ausgerechnet Weihnachten ins Visier nahmen. Viele Traditionen rund um das Fest, vom Adventskalender bis zum Weihnachtsbaum, haben ihren Ursprung in Deutschland. Martin Luther soll der Sternenhimmel, den er bei einem Abendspaziergang durch den Wald erblickte, dazu inspiriert haben, erstmals Lichter an einem Christbaum anzubringen.

Weihnachtsmärkte als Instrument für die Gleichschaltung von Weihnachten und nationalsozialistischer Ideologie zu wählen, war also naheliegend – schließlich waren sie eine bei den Menschen äußerst beliebte und bereits etablierte Tradition. In Nürnberg holte der nationalsozialistische Bürgermeister Willy Liebel den Weihnachtsmarkt im Jahr 1933 zurück in die Innenstadt. Er begründete dies damit, dass dadurch die „undeutschen, fremdrassigen Einflüsse bekämpft werden, die die Verlegung einst durchgesetzt haben“.

Mitglieder der Hitlerjugend verkaufen im Dezember 1934 auf einem Weihnachtsmarkt selbstgebasteltes Spielzeug. Bis die Nationalsozialisten sie aus wirtschaftlichen, aber vor allem propagandistischen Gründen zurück in die Innenstädte brachten, vegetierten Weihnachtsmärkte über Jahrzehnte an den Rändern der Städte dahin.

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Eröffnet wurde dieser erste, ins Stadtzentrum zurückgekehrte Weihnachtsmarkt mit einer Zeremonie, bei der eine engelsgleiche Figur auftrat, die von einem blonden, blauäugigen Kind verkörpert wurde: das Christkind. Ein Jahr nach dem Nürnberger Weihnachtsmarkt fand auch der in Berlin wieder in der Innenstadt statt. Wichtige Größen der NSDAP, darunter Joseph Goebbels, nutzten ihn als Bühne für propagandistische Reden.

Nicht lange danach nahmen die Nationalsozialisten auch Einfluss auf das Aussehen der Märkte und gaben vor, wie die Stände zu schmücken seien und welche Waren Händler verkaufen durften. Erlaubt waren ausschließlich in Deutschland hergestellte Christbaumkugeln und anderes Kunsthandwerk, Spielzeuge, Bratwurst und Süßigkeiten.

Die Gründe dafür waren auch wirtschaftlicher Art und sollten laut Perry den Märkten einen modernen Anstrich geben. Unter den Nationalsozialisten herrschte während der Großen Depression der Dreißigerjahre die Überzeugung, dass der Handel mit Waren aus Deutschland die Wirtschaft aus der Krise führen und zudem die Stimmung unter den Bürgern heben könnte.

Und so war es auch. Im Jahr 1934 zählte der Berliner Weihnachtsmarkt 1,5 Millionen Besuchende – ein Rekord, der zwei Jahre später mit 2 Millionen Besuchenden gebrochen wurde. Doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs beendete den wirtschaftlichen Aufschwung. Ab dem Jahr 1941 blieben die Weihnachtsmärkte in vielen Städten geschlossen.

Weihnachtsmärkte als Massenveranstaltung

Nach Kriegsende jedoch kamen sie zurück – erfolgreicher als je zuvor. Der Wirtschaftsboom in den Sechziger- und Siebzigerjahren feuerte den Konsum an, die Menschen hatten plötzlich mehr Geld in den Taschen und waren, gerade in der Weihnachtszeit, mehr als bereit, es auszugeben. In dieser Zeit mauserten Weihnachtsmärkte sich zu den kulturellen Massenveranstaltungen, die sie heute sind.

Kunden stehen am 29. November 1959 an einem Waffelstand auf einem Weihnachtsmarkt in Ostberlin an, der nur von ostdeutschen und sowjetischen Bürgern besucht werden durfte.

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Die große Rolle, die der Nationalsozialismus bei der Neuerfindung der Weihnachtsmärkte gespielt hat, wird dabei gern ignoriert – obwohl viele der Traditionen, die in dieser Zeit eingeführt wurden, noch immer bestehen. Als der Nürnberger Weihnachtsmarkt im Jahr 1948 zum ersten Mal nach Kriegsende wieder öffnete, war das Christkind mit dabei – auch wenn die Willkommensansprache, die es hielt, nun einen anderen Inhalt hatte. Jahrzehntelang waren alle Darstellerinnen des Christkinds Weiße. Als die Wahl im Jahr 2019 auf eine Jugendliche fiel, deren Vater aus Indien stammt, sorgte dies insbesondere in den Reihen der AfD für einen Aufschrei.

Laut Perry gab es im Laufe der Geschichte immer wieder Bestrebungen, die Weihnachtsmarkttradition neu zu gestalten. Im frühen 20. Jahrhundert versuchten die Marxisten, Weihnachten als heidnisches Fest zu etablieren. Später startete die KPD den Versuch, Weihnachten ihren Werten anzupassen. Laut Perry ist das Weihnachtsfest immer wieder und immer anders instrumentalisiert worden.

Deutschlands immaterielles Kulturerbe

Dessen ungeachtet nimmt die Zahl der Weihnachtsmärkte in Deutschland seit 50 Jahren stetig zu und hat sich seit den Siebzigerjahren, als es ungefähr 950 dieser Märkte gab, bis ins Vor-Corona-Jahr 2019 mit etwa 3.000 Märkten mehr als verdreifacht. Die Tourismusbüros werben mit ihnen, um deutsche Städte in der dunklen Jahreszeit für Gäste attraktiver zu machen. Tausende Reisebusse fahren an den Adventswochenenden die großen Weihnachtsmärkte an, während man auf der Donau mit Schiffen die schönsten deutschen und ungarischen Weihnachtsmarktstädte ansteuern kann.

Christbaumschmuckstand auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt, einem der größten und ältesten Festmärkte Deutschlands. Seit ihren Anfängen im Mittelalter sind Weihnachtsmärkte mehr und mehr zu einem wesentlichen Bestandteil der deutschen Weihnachtstradition geworden.

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Im Jahr 2020 bremste die Corona-Pandemie die Weihnachtsmarkttradition erneut aus. Zwar versuchten einige Städte, das Erlebnis virtuell nachzustellen oder bauten Drive-In-Weihnachtsmärkte auf, laut einer Studie, die in der Zeitschrift Heritage erschienen ist, war die Resonanz aber gering. Für Studienautor Spennemann unterstreicht dies den Status des Weihnachtsmarkts als etwas, das man unmittelbar und mit allen Sinnen erleben muss. „Damit ein virtueller Weihnachtsmarkt funktioniert, müsste man den Leuten mindestens ein Fläschchen mit all den Gerüchen zur Verfügung stellen“, sagt er.

Der Wissenschaftler hofft, mit seiner Forschung zu der Geschichte der Weihnachtsmärkte einen Beitrag zur Anerkennung der Tradition als immaterielles Kulturerbe leisten zu können – sollte Deutschland sich dazu entschließen, bei der UNESCO einen entsprechenden Antrag zu stellen.

Ein Schritt, der laut Spennemann nicht dazu gedacht wäre, Weihnachtsmärkte in ihrer jetzigen Form zu bewahren, sondern sie gerade durch Wandel lebendig zu halten. Menschen, die traditionelle deutsche Kultur prinzipiell mit Lederhosen und Maßkrügen verknüpfen, würden sie, so Spennemann, „einfrieren, ritualisieren und damit töten. Immaterielle Kultur ist eine lebendige Ausdrucksform, die immer einem Wandel unterliegt, den man zulassen muss.“

Ihm zufolge sind Traditionen wie die Weihnachtsmärkte gerade darum so bedeutsam: Sie sind ein Produkt und Abbild ihrer Zeit und ändern sich mit ihr – manchmal zum Besseren, manchmal aber auch zum Schlechteren.

Das Angebot auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt reicht von Christbaumschmuck über Glühwein bis hin zu Brezeln, die so groß sind wie ein Fußball.

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Weihnachtsmarkt international

In den Achtziger- und Neunzigerjahren wurden die deutschen Weihnachtsmärkte zu echten Exportschlagern. In Städten auf der ganzen Welt, von den USA über Japan bis nach Indien, schossen plötzlich Weihnachtsmärkte nach deutschem Vorbild aus dem Boden – natürlich inklusive Glühwein, Bratwurst und funkelnden Lichterketten. Zwischen 2007 und 2017 ist ihre Zahl in Großbritannien von 30 auf über 100 gestiegen.

Wer wissen möchte, wie Weihnachtsmärkte außerhalb von Deutschland aussehen, kann zum Beispiel den Edinburgh Christmas Market in der schottischen Hauptstadt besuchen und sich nach einer Fahrt mit dem Riesenrad mit einem Schluck Whisky wärmen. In der belgischen Hauptstadt Brüssel lockt rund um einen riesigen Weihnachtsbaum der Plaisirs D`Hiver – zu Deutsch Winterfreuden – mit einer Lichtshow und natürlich einer großen Auswahl an Schokoladenständen. Und auf dem Union Square Holiday Market in New York warten fast 200 lokale Kunsthandwerker – vom Töpfer bis hin zum Schmuckdesigner – auf Kundschaft. Zur Stärkung gibt es Kakao und Poutine.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Noch mehr deutsche und europäische Weihnachtstraditionen stellt National Geographic am Mittwoch, den 07.12.2022 um 20:10. in  „Europa von Oben: Weihnachten“ vor. National Geographic und National Geographic WILD empfangt ihr über unseren Partner Vodafone im GigaTV Paket.

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