Von Hexentreffen und grausamen Königen: Mythen und Sagen aus den Bergen

Um die Gebirge Deutschlands ranken sich sagenhafte Geschichten: ob unerklärliche Gesteinsformationen oder unheimliche Wetterphänomene – im Zweifelsfall hatte der Teufel die Finger im Spiel.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 7. Dez. 2023, 09:32 MEZ
Grußkarte mit dem Hexentanz auf dem Brocken, links der Teufel mit Dreizack.

Die Mythen um den Hexentanz auf dem Brocken machen den höchsten Berg im Mittelgebirge Harz zu einem sagenumwobenen Ort. Bis heute feiert man in den umliegenden Ortschaften die Walpurgisnacht. 

Foto von Gruss vom Brocken. Walpurgis - Feier am 1. Mai. Adressseite: Verlag Rud. Schade, Brocken. 1908. Nr. 19. Officielle Ansichtskarte Brocken. Gelaufen. Datiert u. Poststempel 1909.

Neben idyllischen Wanderwegen und verschneiten Skigebieten haben die Berge Deutschlands auch einige schaurige Sagen zu bieten. Die meisten von ihnen entstanden im Mittelalter, als den Menschen wissenschaftliche Erklärungen für Naturphänomene fehlten.

Laut dem französischen Mittelalterhistoriker Claude Lecouteux, der sich mit dem Thema in dem Essay Der mythische Aspekt des Berges im Mittelalter beschäftigt hat, griff man damals bei der Suche nach Gründen für Lawinen, Nebelwände oder Felsabbrüche auf die Fantasie zurück und interpretierte derartige Phänomene oft als Werke des Teufels. Viele Menschen fürchteten sich vor den Bergen, weil sie glaubten, dort seien dämonische Wesen zu Hause. 

Verschiedene Sagen und Mythen über die Berglandschaften wurden bis heute überliefert – vom Harzer Brocken bis in die Berchtesgadener Alpen.  

Inhalt

Auf dem Blocksberg mit dem Brockengespenst und der Brockenhexe 

Brocken, Harz (Niedersachsen)

Er ist der wohl am meisten in der Literatur beschriebene Berg Deutschlands: Um den Brocken im Harz, der im Volksmund auch Blocksberg genannt wird, ranken sich diverse Mythen und Sagen. In den schaurigen Geschichten über den 1.141 Meter hohen Berg wimmelt es nur so vor Schreckgestalten. 

An besonders nebligen Tagen sollen dort etwa die Brockengespenster ihr Unwesen treiben. Sie erscheinen riesengroß neben Wandernden in der Nebelwand und verfolgen sie wie ein Schatten. Naturphänomene wie das Brockengespenst, die noch heute mystisch und rätselhaft erscheinen, versetzten Bewohner des Harzes früher in Angst und Schrecken, erklärt der Harzer Tourismusverband e.V. 

Ein Brockengespenst im Glorienschein: Was heute erklärbar ist, versetzte Menschen vor einigen Jahrhunderten in Angst und Schrecken. 

Foto von Hornet97 / Wikimedia Commons

Dabei handelt es sich bei dem Gespenst laut dem Deutschen Wetterdienst lediglich um eine atmosphärische Erscheinung, bei der auf einer Nebel- oder Wolkenbank der stark vergrößerte Schatten des Beobachters zu sehen ist. Fällt Sonne auf die Nebelbank, können sogar sogenannte Glorien entstehen – Regenbogenringe, die die Gespenstergestalt umgeben. 

Noch bekannter als die Brockengespenster ist der Mythos der Brockenhexen und der Walpurgisnacht. In Der Hexentanz auf dem Brocken aus dem Jahr 1814 heißt es: Auf dem Scheitel dieses kahlen, unfruchtbaren Berges – der mit hunderttausend Millionen Felsstücken übersäet ist – hat der Teufel jährlich, in der Nacht vom letzten April auf den ersten Mai, der so genannten Walpurgisnacht, mit seinen Bundesgenossen, den Hexen und Zauberern der ganzen Erde, eine glänzende Zusammenkunft. Kurz nach Mitternacht fliegen die Teufelsanhänger*innen der Sage nach auf ihren Besen herbei und tanzen mit dem Teufel um ein loderndes Feuer. 

Der Hexentanz mit dem Teufel auf dem Blocksberg.

Foto von Johannes Praetorius, 1668

Noch heute ist der Mythos im Harz allgegenwärtig: Der Hexenstieg führt als Wanderweg über 100 Kilometer von West nach Ost durch das gesamte Mittelgebirge – und am 30. April kommen als Hexen verkleidete Menschen an verschiedenen Orten im Harz zusammen, um gemeinsam die Walpurgisnacht zu feiern. 

Der grausame König Watzmann und seine Familie

Watzmann, Berchtesgadener Alpen (Bayern)

Links: Oben:

Die Gipfel des Watzmanns im Schnee.

Foto von Joana Hahn / Pexels
Rechts: Unten:

Eine Postkarte, auf deren Rückseite die Watzmannsage geschrieben steht. In den Gipfeln wurde die Königsfamilie angedeutet. 

Foto von Die Watzmann-Sage. Verso: Nr. 100. Verlag von Karl Ermisch, Berchtesgaden.

Zwei höhere Gipfel und mehrere kleine zwischen ihnen: Das Profil des Watzmanns in den Berchtesgadener Alpen lässt viel Raum für kreative Mythen. Die Lokalsage existiert in verschiedenen Varianten, die alle eines gemeinsam haben: die Königsfamilie Watzmann, die in den Gipfeln des Berges verewigt sein soll. Rechts König Watzmann, links seine Frau, dazwischen ihre Kinder. 

Auf einer historischen Postkarte heißt es: Nach einer uralten Sage herrschte im Berchtesgadener Land ein wilder König namens Watzmann. Höchste Lust war es ihm, die Fluren seiner Untertanen freventlich zu vernichten und deren Leben grausam hinzuschlachten. In einigen Versionen der Sage ist auch seine Familie an den schrecklichen Taten beteiligt. König Watzmann, seine Frau und seine Kinder sollen schließlich von einer göttlichen Strafe getroffen und auf ewig in Stein verwandelt worden sein. Seitdem stehen sie starr als Mahnmal über den Berchtesgadener Alpen.

Der Zorn des Teufels auf dem Säuling

Säuling, Ammergauer Alpen (Bayern)

Der Säuling bei Füssen überragt die Landschaft und ist Quelle mystischer Erzählungen. 

Foto von traveldia / Adobe Stock

Mit seiner Höhe von 2.047 Metern ist der Säuling in den Ammergauer Alpen eine feste Größe – ebenso wie die seit Jahrhunderten existierenden Geschichten, die sich um den bereits im Jahr 895 erstmals namentlich erwähnten Berg ranken. Auf seinem Gipfel sollen beispielsweise teuflische Zusammenkünfte stattgefunden haben. So heißt es in der Sage Der Hexenplatz auf dem SäulingAuf dem Säuling bei Füßen [Füssen] kamen ehedem in gewissen Nächten die Hexen von der ganzen Umgegend zusammen, hielten ihre Tänze und üppigen Gelage und huldigten ihrem Obern, der in ihrer Mitte saß.

Sogar der Teufel höchstpersönlich soll auf dem Säuling getobt haben, nachdem der Bau einer Kirche im Örtchen Roßhaupten im Jahr 1630 der Sage nach den Höllenfürsten erzürnt hatte. In seinem Zorn riss er vom Säuling einen großen Felsblock heraus und warf ihn auf die fast fertiggestellte Kirche. Doch weil sich der Teufel in dieser Nacht verspätet hatte, begann bei Sonnenaufgang die Glocke im schon fertiggestellten Kirchturm zu läuten, ehe der riesige Felsklotz Roßhaupten erreicht hatte, heißt es auf der Website der Gemeinde Roßhaupten. So kam der Stein nie bei der Kirche an, sondern fiel einige Kilometer davor zu Boden. Heute markiert ein Kreuz diese sagenumwobene Stelle, der Findling des Teufels bilde laut der Legende sein Fundament. 

Noch mehr Geschichten und vor allem Panoramen aus den Bergen gibt es während der „Langen Nacht der Berge“ bei National Geographic WILD zu sehen. Am 11. Dezember ab 22:25 Uhr erscheinen acht Bergformate am Stück und zeigen Gebirge weltweit – von den Anden bis zum Himalaya. Ihr empfangt National Geographic und National Geographic WILD über unseren Partner Vodafone im GigaTV Paket.

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