Dieser Mann wurde vor über 1.600 Jahren in England gekreuzigt

Kreuzigungen waren ein beliebtes Mittel der Römer, Menschen besonders barbarisch zu bestrafen. Einem ihrer Opfer haben Forschende nun ein Gesicht gegeben – und seine Geschichte neu aufgerollt.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 19. Jan. 2024, 15:15 MEZ
Ein Mann mit braunen Haaren, einem Bart und braunen Augen.

Dieser Mann ist das bislang einzige nachgewiesene Opfer einer römischen Kreuzigung im heutigen England. Sein Gesicht erstellte der Forensiker Joe Mullins gemeinsam mit seinen Kollegen, basierend auf DNA- und Isotopeninformationen.

Foto von Impossible Factual / BBC

Das wohl berühmteste Opfer einer Kreuzigung durch die Römer ist Jesus von Nazareth. Doch er war einer von vielen: Zwischen 100.000 und 150.000 Menschen sollen während des Bestehens des Römischen Reiches gekreuzigt worden sein. Unter ihnen: ein junger Mann, der von den Archäolog*innen „Skelett 4926“ getauft wurde. Er lebte vor über 1.600 Jahren im heutigen England – und seine Überreste sind für die Forschung eine kleine Sensation. Denn seine Überreste sind die bislang ersten, die auf englischem Boden entdeckt wurden und eindeutige Spuren eines Todes am Kreuz aufweisen.

Um die Geschichte des Mannes erfahrbar zu machen, hat ihm ein Forschungsteam um den Forensiker Joe Mullins von der George Mason University im US-Bundesstaat Virginia nun ein Gesicht gegeben.

Eingesperrt, gefoltert und gekreuzigt

Entdeckt wurde Skelett 4926 bereits im Jahr 2017 bei Ausgrabungen in einer bis dahin unbekannten römischen Siedlung in Cambridgeshire. Zahnanalysen zeigten, dass der Mann bei seinem Tod zwischen 25 und 35 Jahren alt war. Der eindeutige Beweis, dass er am Kreuz starb, fanden die Archäolog*innen in seinem Fersenknochen – dort steckte noch immer einer der Nägel, mit dem der Mann am Kreuz befestigt worden war.

Der Nagel im Fersenknochen des jungen Mannes.

Foto von University of Cambridge / Albion Archaeology

Obwohl Kreuzigungen im alten Rom häufig vorkamen, gibt es bislang nur wenige eindeutige archäologische Nachweise. Oftmals wurden für die Befestigung am Kreuz Seile benutzt, keine Nägel. Der Mann aus England hatte Pech: Er musste zum qualvollen Kreuzigungstod, der vermutlich entweder durch Ersticken, Erschöpfung oder Verdursten eintrat, auch die Schmerzen ertragen, die ihm die Nägel zufügten.

Und nicht nur das. Die Untersuchung des Skeletts zeigte zusätzlich, dass seine Schienbeinknochen bereits vor seinem Tod in Mitleidenschaft gezogen wurden. Nach Angaben der University of Cambridge ein Hinweis darauf, dass er vor seinem Tod gefesselt war und über längere Zeit gefangen gehalten wurde. 

Die Römer und Kreuzigungen

Warum genau der Mann gekreuzigt wurde, konnten die Forschenden bislang nicht feststellen. Sein Fall zeige aber, wie weitreichend die Macht der Römer war: „Selbst die Bewohner dieser kleinen Siedlung am Rande des Imperiums konnten sich der barbarischen Strafe Roms nicht entziehen“, sagt Corinne Duhig, Osteoarchäologin von der Universität Cambridge, die an der Untersuchung des Skeletts beteiligt war.

Ursprung der Kreuzigung

Ihren Ursprung hat die Methode nach aktuellem Kenntnisstand wohl bei den antiken Zivilisationen der Assyrer und Babylonier, bevor die Perser sie übernahmen und im 6. Jahrhundert v. Chr. systematisch anwandten. Im vierten Jahrhundert schließlich soll Alexander der Große die Methode Kreuzigung in den Mittelmeerraum gebracht haben, wo schließlich auch die Römer davon hörten, heißt es in einem Artikel von Francois Retief und Louise Cilliers, der in der Fachzeitschrift South African Medical Journal (SAMJ) veröffentlicht wurde. Außerdem war die Kreuzigung oft das Ende einer langen Tortur: regelmäßig soll dem Tod am Kreuz auch Folter vorangegangen sein.

Dem Mann aus England wurde zumindest eine Ehre zuteil: Er wurde gemeinsam mit anderen Menschen offiziell bestattet. Möglicherweise wurde sein Leichnam also seiner Familie oder der Gemeinschaft, in der er lebte, übergeben. Wohl eher die Ausnahme.

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