Geschichte und Kultur

Das Römische Reich (II): Wie Rom unsere Welt prägt

Quintus Horatius Flaccus regierte nie eine Provinz, baute keine Wasserleitung und keinen Tempel, schuf nie ein Bronzestandbild. Er ergatterte nur einen unbedeutenden Posten als Schreiber eines hohen Beamten. Ein Job, der ihn langweilte.

Von T. R. Reid
Bilder Von James L. Stanfield

Quintus Horatius Flaccus regierte nie eine Provinz, baute keine Wasserleitung und keinen Tempel, schuf nie ein Bronzestandbild. Er ergatterte nur einen unbedeutenden Posten als Schreiber eines hohen Beamten. Ein Job, der ihn langweilte. Immerhin fand er genug Zeit, um Gedichte zu schreiben. Als der Römer, den wir unter dem Namen Horaz kennen, sich im Jahr 23 v. Chr. hinsetzte, um eine Bilanz seines Lebens zu ziehen, kam er aber zu dem Schluss, dass seine Gedichte die Werke der Soldaten und Baumeister allemal überdauern würden:

Exegi monumentum aere perennius
Regalique situ pyramidum altius...
Non omnis moriar.

Ich habe ein Denkmal errichtet bleibender als Erz
Und höher als der Pyramiden königliche Gipfel
Ich werde nicht gänzlich sterben.

Dieser berühmte Epilog aus Horaz' drittem Buch der Oden wird immer wieder als Zeugnis der Unsterblichkeit der Literatur zitiert. Es ist aber auch eine Verbeugung vor dem Römischen Reich und den zahllosen Einflüssen, die es noch 1300 Jahre nach seinem Untergang auf unser aller Leben hat.

Das Römische Reich ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte von Eroberungen - und der Kunst, weit auseinander liegende Provinzen politisch zu organisieren und zu einer Einheit zu formen: Aus einem kleinen Bauerndorf am Ufer des Tiber wuchs vor bald zweieinhalb Jahrtausenden ein Staat, der fast die ganze damals bekannte Welt rund ums Mittelmeer beherrschte und dessen Einflussbereich sogar Teile der Britischen Inseln umfasste. Im 2. Jahrhundert n. Chr. lebten unter der Pax Romana an die 50 Millionen Menschen auf drei Kontinenten in Sicherheit und Wohlstand. Bis auch Rom schließlich unterging - wie jede Großmacht der Geschichte.

Auf meiner Reise durch römische Städte in Europa, Kleinasien und Nordafrika sah ich vor allem Ruinen: enthauptete Statuen, eingestürzte Aquädukte, lange Reihen eleganter Säulen und von Unkraut überwucherte Kapitelle. Aber das ist nur die Oberfläche - denn wie die Werke seines größten Lyrikers Horaz wird das Erbe des Alten Rom alle Zeiten überdauern.

Der nachhaltige Einfluss der Römer ist fast überall gegenwärtig: in Sprache und Literatur, in Gesetzen und Verwaltung, in Architektur und Medizin, im Sport, in der Kunst, im Ingenieurwesen. Viele Dinge römischen Ursprungs sind uns nicht einmal bewusst. Zum Beispiel die Sprache: Alle romanischen Sprachen stammen direkt vom Lateinischen ab, ebenso wohl die Hälfte aller Begriffe des Englischen und viele deutschen Wörter. Das bis heute meistgebrauchte Alphabet entstand in Rom, und die Römer verbreiteten es im gesamten Abendland.

(NG, Heft 1 / 2003)

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