Geschichte und Kultur

Roald Amundsen

In der Arktis lernt der Norweger Überlebensstrategien von den Inuit, berwintert dreimal im Packeis und durchfährt die Nordwestpassage. In der Antarktis krönt er seine Forscherkarriere durch den Sieg im Wettlauf zum Südpol.

Von National Geographic
Roald Amundsen

In der Arktis lernt der Norweger Roald Amundsen Überlebensstrategien von den Inuit, überwintert dreimal im Packeis und durchfährt die Nordwestpassage. In der Antarktis krönt er seine Forscherkarriere durch den Sieg im Wettlauf zum Südpol.

Schnee und Eis bis zum Horizont, klirrende Kälte, eisige Winde. Keine Pflanzen mehr, keine Menschen, nur neblige, endlose Weite. Die Arktis und die Antarktis gehören zu den lebensfeindlichsten Gebieten der Welt. Doch einen bestimmten Entdeckertyp zieht diese Polarwelt immer wieder magisch an. Es sind die größten – im wahrsten Sinn des Wortes – weißen Flecken, die es auf den Landkarten noch gibt.

Der Norweger Roald Amundsen träumt schon als Jugendlicher davon, Polarforscher zu werden. John Franklin und Fridtjof Nansen sind seine Vorbilder. So zieht es den Reedersohn – nach einem zweijährigen Intermezzo als Medizinstudent – zur See. Mit 20 Jahren fährt Roald Amundsen als Matrose auf norwegischen Robbenfangbooten zum ersten Mal in die arktischen Gewässer. Im Juni 1897 nimmt Amundsen an einer Expedition in die Antarktis teil – als Steuermann unter dem Belgier Baron de Gerlache de Gomery. Es ist für Roald Amundsen eine abenteuerliche Fahrt. Die Karten der antarktischen Gewässer sind lückenhaft, oft wissen sie nicht genau, wohin sie fahren – nur dass es nach Süden geht. Kurz bevor sie die Antarktis erreichen, geht bei Sturm ein Mann über Bord und ertrinkt. Die Stimmung der Mannschaft ist gedrückt, als die Küste des Kontinents vor ihnen auftaucht – die Westküste von Grahamland.
De Gerlache entdeckt eine Meerenge, die auf den Karten noch nicht existiert und nach ihm benannt werden wird. An Land führen er und seine Leute Messungen durch – die erste wissenschaftliche Expedition hat ihren Fuß auf den Südkontinent gesetzt. Roald Amundsen schreibt alles auf, was er sieht. Er überlegt, wie eine optimale Polarausrüstung beschaffen sein müsste. Zelte zum Beispiel hält Roald Amundsen für ungeeignet, weil sie dem Wind zu große Angriffsflächen bieten. Und er probiert seine Ski aus – Roald Amundsen ist wohl der erste Mensch, der sich in der Antarktis auf Holzbrettern vorwärts bewegt.

Im antarktischen Winter friert de Gerlaches Expeditionsschiff im Packeis ein. Viele seiner Leute erkranken an Skorbut. Mit dem körperlichen Verfall geht der psychische einher. Noch nie zuvor haben Menschen in der Antarktis überwintert. Die Mannschaft ist der monatelangen Dunkelheit nicht gewachsen. Zwei Männer verlieren den Verstand. Frederick Cook ist als Bordarzt dabei. Er überredet die Besatzung, statt Konserven frisches Robbenfleisch zu essen – und rettet ihr dadurch das Leben. Als das Schiff im Sommer nicht freikommt, hacken und sprengen die Männer eine Schneise bis zur nächsten Wasserrinne ins Eis. So schaffen sie es, die Rückfahrt anzutreten. Roald Amundsen hat auf der Expedition einen reichen Erfahrungsschatz gesammelt, den er sobald wie möglich einsetzen will. 1901 lässt Roald Amundsen sich in Deutschland von Georg Neumeyer erklären, wie man erdmagnetische Messungen durchführt. Später im Jahr kauft Roald Amundsen sich in Norwegen das erste eigene Schiff – den 47-Tonnen-Fischkutter „Gjöa“. Amundsen lässt einen starken Motor in den Segler einbauen und startet 1903 mit sechs Mann Besatzung und Vorräten für fünf Jahre. Ziel ist die Nordwestpassage.

Durch den Lancaster und Peel Sound erreicht Roald Amundsen King William Island. Er überwintert zweimal in der Arktis, lokalisiert den magnetischen Nordpol und stellt als Erster fest, dass dieser kein fixer Punkt ist, sondern ständig wandert. Die Norweger kommen in Kontakt mit den Inuit. Amundsen lässt sich zeigen, wie sie Iglus bauen und ihre Hunde vor die Schlitten spannen. Zum Schluss kleidet er sich wie ein Inuit. Im August 1905 fährt Roald Amundsen am kanadischen Festland entlang in die Beaufortsee. In der Nähe der Mackenzie-Mündung überwintert er ein drittes Mal. Ein Jahr später gelangt er in das Beringmeer und erreicht den Ort Nome in Alaska. Mehr als 300 Jahre haben Seefahrer nach der Nordwestpassage gesucht – Amundsen hat sie endlich gefunden.

In Norwegen kauft Roald Amundsen Nansens berühmtes Schiff, die „Fram“. Im September 1909 bereitet er eine Expedition mit ihr zum Nordpol vor. Doch da erhält er die Nachricht, dass Robert E. Peary diesen bereits erreicht hat. Amundsen ändert sofort seine Pläne – zunächst heimlich. Neun Monate später, bereits auf hoher See, lässt er sein Schiff nach Süden wenden, um dort den Pol zu erobern. Die „Fram“ durchdringt mit Motorkraft das Packeis im Rossmeer. Am 13. Januar 1911 kommt sie mit 110 grönländischen Schlittenhunden in der Walbucht an der großen Eisbarriere an.

Amundsen hat sein Unternehmen bis ins kleinste Detail geplant. Sein Trupp errichtet ein Lager – Framheim –, legt in den folgenden Monaten Vorratsdepots im Landesinneren an. Im September kündigt sich der Frühling auf der Südhalbkugel an. Amundsen lässt sich zu einem verfrühten Aufbruch verleiten. Das Team gerät in einen Schneesturm, muss umkehren und erreicht mit knapper Not das rettende Basiscamp. Am 20. Oktober ziehen sie erneut los: Amundsen und vier weitere Männer auf Skiern, 52 Hunde, vier Schlitten, die mit jeweils 400 Kilo beladen sind. Menschen und Tiere sind hervorragend trainiert. Sie legen im Durchschnitt 30 Kilometer am Tag zurück. Ungefähr 3000 Kilometer müssen sie schaffen – hin und zurück. «Alle sind entschlossen durchzukommen, koste es, was es wolle», schreibt der Expeditionsleiter in sein Tagebuch. Nebel, Gletscherspalten, Schneestürme – Roald Amundsen setzt seinen Weg unbeirrt fort. Ohne zu hetzen versucht er, ein gleichmäßiges Tempo zu halten. Amundsen hat von den Inuit gelernt, die Kräfte nicht zu überfordern. Am 4. November erreichen sie 82 Grad südlicher Breite. Noch etwas weiter, und sie haben den Rekord von Ernest Shackleton gebrochen.

Helmer Hanssen, der beste Hundeführer der Gruppe, fährt voran. Auf seinem nicht magnetischen Schlitten ist der Kompass angebracht. Noch wissen die Norweger nicht, ob sich der Pol auf dem Eis oder auf dem Polarplateau befindet. Dann kommen sie an den Übergang vom Eis zum Land, das Transantarktische Gebirge ragt vor ihnen auf – ungefähr bis zu 3000 Meter Höhe. Sie überwinden die Bergkette in einer Rekordzeit von vier Tagen. Der Schnee bremst die Skier wie Sand, die Männer haben Frostbeulen. Aber am 14. Dezember 1911 stehen sie am südlichsten Punkt der Erde – vier Wochen vor Robert F. Scott . Nach insgesamt 99 Tagen kommen sie wieder im Basislager an. In Norwegen wird Roald Amundsen als Nationalheld gefeiert – Scott aber wird seine Heimat nie wieder sehen.
Im Jahr 1918 fährt Amundsen mit der „Maud“ die Nordostpassage entlang. Er überwintert zweimal an der sibirischen Küste und gelangt 1920 nach Alaska. Von dort versucht Roald Amundsen, Richtung Nordpol vorzustoßen. Doch die ungünstigen Eisverhältnisse zwingen ihn zur Umkehr.

Die Zeit der klassischen Expeditionen ist fast vorbei. Autos und Flugzeuge sind auf dem Vormarsch. Auch Roald Amundsen ist sehr an der Luftfahrt interessiert. Mit dem Amerikaner Lincoln Ellsworth und vier Begleitern startet er am 21. Mai 1925 von Spitzbergen mit zwei Dornier-Wasserflugzeugen zum Nordpol. Die Maschinen sind schwerfällig, völlig überladen. 200 Kilometer vom Pol entfernt müssen sie notlanden. Erst nach knapp einem Monat gelingt es ihnen, mit einem Flugzeug zurückzufliegen.

Ein Jahr später brechen Amundsen, Ellsworth und der Italiener Umberto Nobile mit dem Luftschiff „Norge“ von Spitzbergen auf. Sie überqueren den Nordpol und landen zwei Tage später in Alaska. Doch Richard E. Byrd ist ihnen wenige Tage zuvorgekommen: Er hat nach eigenen Aussagen als erster Mensch den Nordpol überflogen. Amundsen überwirft sich mit Nobile, der die „Norge“ konstruiert hat. Doch als dieser im Juni 1928 auf einer neuerlichen Polfahrt mit dem Luftschiff „Italia“ verunglückt, beteiligt sich der Norweger an der Suchaktion. Er startet am 18. Juni mit zwei französischen Piloten. Sie kehren nie zurück. In der Barentssee werden nur noch die Reste ihres Flugzeugs gefunden.

Wei­ter­le­sen