Frühester Beleg für eigenständige Fortbewegung von Tieren

Laufen, schwimmen, fliegen. Die Fortbewegung von Lebewesen erscheint uns völlig selbstverständlich, aber das war sie nicht immer.Freitag, 9. Februar 2018

Von Robert Krulwich

Das ist der Schuhabdruck eines Erdlings, der weit von seiner Heimat entfernt ist.

Um genau zu sein, gehört er Neil Armstrong und befindet sich auf dem Mond. „Ein großer Schritt“, wie er es nannte. Und hier ist noch ein Schritt – und zwar einer, der genauso groß ist, wenn auch deutlich länger her. Er wurde auf einer dunklen Steintafel am Rande des Nordatlantiks entdeckt, in einer abgelegenen Ecke Neufundlands.

Es ist ein Abdruck eines ganz anderen Erdlings: Der seltsame Meeresbewohner lebte vor etwa 565 Millionen Jahren und war vielleicht das erste Lebewesen – definitiv das erste uns bekannte –, das seine eigenen Muskeln benutzte, um sich fortzubewegen.

Es gehörte der Ediacara-Fauna an, einem skurrilen Sammelsurium aus Organismen, die teils Blumen ähnelten, teils Palmenblättern oder riffeligen Eierkuchen. Aber was für Eierkuchen!

Robert Moor beschreibt in seinem Buch „On Trails: An Exploration“, wie eines der Tiere

“... etwas tat, das es auf diesem Planeten vorher noch nie gegeben hatte: Es zitterte, schwoll an, streckte sich nach vorn, zog sich zusammen und begann so damit, unglaublich langsam über den Meeresboden zu wanden, wobei es eine Spur hinterließ.”

Die – mittlerweile versteinerte – Spur, die der Organismus auf dem Meeresboden hinterließ, ist die älteste, die wir je auf der Erde gefunden haben. Im Vergleich zum Schuhabdruck von Neil Armstrong mag sie klein und unbedeutend erscheinen – aber sie ist der Anfang, der erste Beleg für den Ursprung tierischer Fortbewegung.

Vor Millionen von Jahren muss Lava aus einem Vulkan über einen Teil des Meeresbodens gelaufen sein und versteinerte dort alle Lebewesen an Ort und Stelle. Langsam bewegte sich die Erde weiter, die Gesteinsschicht trat an die Oberfläche und wurde durch die Elemente abgetragen und geformt. Heutzutage kann man nach Mistaken Point an der Südküste Neufundlands gehen und dort eine Vielzahl an Ediacara-Fossilien sehen.

Es ist eine bekannte Fossilfundstätte, die unter Naturschutz steht. Mitunter kann man in dieser großen Vielfalt aber auch Details übersehen und braucht ein frisches Paar Augen, um neue Entdeckungen zu machen. So ging es 2008 dem jungen Paläobiologen Alexander Liu, der sich an der Fossilfundstätte umsah. (Auf diesem Bild sieht man ihn auf den Felsen liegen. Er hat seine Schuhe ausgezogen, um die Fossilien zu schützen.)

Er entdeckte etwas, das wie eine kleine Schleimspur aussah. Sie war nur etwa so breit wie ein Daumen und zog sich über die Gesteinsoberfläche.

Man kann die aufeinanderfolgenden Bögen in der Spur am oberen Ende sehen, aber auch in der Mitte.

Es könnte sich um die Spuren eines Saugnapfes handeln, den die Tiere eventuell benutzten, um sich an Felsen, geraden Oberflächen oder dem Meeresboden festzuhalten. Die heutigen Seeanemonen machen das ähnlich: Sie befestigen sich an einer flachen Oberfläche, aber lösen sich gelegentlich wieder ab und gehen ein paar schwankende „Schritte“, wenn sie den Ort wechseln wollen.

2009 schrieben Alexander Liu und seine Kollegen eine wissenschaftliche Arbeit, in der sie die These aufstellten, dass diese uralten Organismen nicht im Wasser schwebten oder sich wanden, streckten oder rollten. Sie „krochen“. Es waren primitive Proto-Schritte, und jeden einzelnen Schritt kann man in der Spur als Halbkreis erkennen.

Kritiker der Theorie sagen, dass es sich genauso gut um Spuren von Steinchen handeln könnte, die von den Wellen des Meeres über den Boden bewegt wurden. Aber die meisten Experten kamen zu dem Schluss, dass Liu recht hat. Das sind keine Spuren von Steinchen. Das sind die frühsten Belege für die Fortbewegung eines Lebewesens.

WARUM ÜBERHAUPT BEWEGEN?

Eine wichtige Frage ist aber, warum sich diese Tiere überhaupt bewegt haben.

Waren sie auf Nahrungssuche? Auf der Suche nach Partnern? Flohen sie vor einem Feind? Oder waren sie – ähnlich wie Neil Armstrong als Vertreter der Menschheit – nur ein bisschen „spazieren“, weil sie neugierig waren, was hinter dem nächsten Sandhaufen wartet?

Vor 565 Millionen Jahren war im Meer jedenfalls nicht viel los. Die Erde erholte sich gerade von einer Kaltphase, die dafür gesorgt hatte, dass zahlreiche Raubtiere vom Grund des Ozeans verschwanden. Es war recht leer im Meer. „Vielleicht wäre eine urtümliche Qualle wie eine Wolke über die Tiere hinweggeschwommen.“

Die Tiere, die die Fortbewegung „erfanden“, suchten Liu zufolge vermutlich nach Sicherheit – eine saubere, flache Oberfläche, an die sie sich heften konnten. Manche Oberflächen bekommen Risse oder verschieben sich. Wenn das Leben dort, wo man ist, zu schwer wird, geht man lieber woanders hin.

Sie waren nicht auf der Suche nach Abenteuern, sondern wollten es einfach gemütlich haben.

Kein Ort ist für immer sicher – nicht mal unser schöner blauer Planet. Das haben die Tiere der Erde sehr früh gelernt. Man bewegt sich, oder man stirbt. Also haben wir uns bewegt. Und wir haben nie damit aufgehört. 

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