Reise und Abenteuer

Eine Reise durch 7 Länder auf dem neuesten Fernwanderweg der Welt

Der über 2.000 km lange Trail entlang der Dinarischen Alpen ist ein Erlebnis, das sich lohnt. Donnerstag, 9 November

Von Lois Parshley

Die Berge sind in waberndem Dunst verschwunden. Tief im Hochland von Bosnien und Herzegowina rollt eine nasse Nebeldecke über die Bergspitzen. Jeder Schritt wird von dem blinden Vertrauen motiviert, dass der Gipfel direkt vor uns liegt. Mein Begleiter hat ein Smartphone mit fast vollständig entladenem Akku in der einen Hand und starrt auf eine Karten-App. In der anderen hält er ein Garmin mit einem viel zu detaillierten GPX-Track. Vor uns verschwindet der Berghang im perlmuttfarbenen Nebel.

Der neueste Fernwanderweg der Welt

Die Via Dinarica, einer der neuesten Fernwanderwege der Welt, führt auf über 2.000 km durch sieben Länder und Tausende Jahre von Geschichte. Dieses Gebiet des Balkanraums – größtenteils die Region des ehemaligen Jugoslawien – ist seit Langem die Grenze zwischen Osten und Westen. Seine komplexe Geschichte schürte in den 1990ern einen Krieg, als Jugoslawien zerfiel und die Berge einen strategischen Vorteil boten.

Dieser neue Wanderweg will darüber hinauswachsen. Der Bergsteiger Kenan Muftić hat die letzten vier Jahre damit verbracht, in den Bergen der Region Routen zu erkunden. Er und das Team der Via Dinarica waren fleißig bei der Arbeit am White Trail, der über die höchsten Gipfel der Dinarischen Alpen verläuft. Muftićs Ziel ist es, drei Wanderwege zu erstellen, die sich über das ehemalige Jugoslawien erstrecken. Der White Trail besteht aus alten Routen von Schafhirten, schon bestehenden Wanderwegen durch Nationalparks, Holzabfuhrwegen, neuen Wegen und asphaltierten Straßen. Er wurde im Juni 2016 offiziell eröffnet, in derselben Woche, in der wir losgelaufen sind. (Aufgrund von Berichten von Wanderern gab das Team im August bekannt, dass, „obwohl reichlich Informationen für jene verfügbar sind, die sich an den Wanderweg wagen möchten“, die Route nur in Bosnien und Herzegowina als offiziell eröffnet gilt, wo neue Wege freigelegt wurden.)

Muftićs Arbeit wird von den diplomatischen Bemühungen von Tim Clancy unterstützt, ein Mitglied des Via Dinarica-Teams, das 1990 während des Krieges mit einer Hilfsgruppe nach Bosnien und Herzegowina gekommen ist und dort blieb. Er hofft, durch die physische Verbindung der Menschen in dieser geteilten Region einige der letzten wilden Orte in Europa zu erhalten. „Wir haben die Möglichkeit zu bewahren, was ein Großteil Europas schon vor langer Zeit verloren hat“, sagt Clancy.

Die Odyssee beginnt

Der erste Teil der Via Dinarica beginnt in Postonja, Slowenien, wo ein strahlend weißes Schloss über einer moosbewachsenen Höhle leuchtet. Vom Schloss aus führt der Weg unter Zugschienen entlang, über eine Autobahn hinweg und einen Hügel hinauf, wo Asphalt Kies weicht und dichte Kiefernwälder sich dem Weg nähern. Als die Wärme des Tages aufsteigt, wird klar, was es bedeutet, über die größte Karstebene der Welt zu wandern: Diese spektakuläre Kalksteinformation funktioniert wie ein Sieb – es gibt so gut wie kein Oberflächenwasser.

Die erste markierte Wasserquelle, eine kleine Hütte mit einer Regenwasserzisterne aus Kunststoff, befindet sich abseits des Weges auf einem kleinen Berg. In den Dinarischen Alpen leben ganze Städte nur von gesammeltem Regenwasser. Es schmeckt nach Plastik und hat ein rauchiges Barbecue-Aroma.

Wir überlegen gerade, wo wir unser erstes Lager aufschlagen sollen, als ein vorbeifahrender Jeep uns in Richtung von Jože Meze weist, der etwa anderthalb Kilometer die Straße hinunter in seinem Garten hantiert. Meze hat hier während des Zweiten Weltkriegs in einem Partisanenlager als Koch gearbeitet und später sein Sommerhaus dort gebaut. Er hat eine kleine Nase und Grübchen in den rosa Wangen und sagt, dass wir Wasser haben können – aber erst „Rakija“.Der hausgemachte Obstbrand ist in der Gegend allgegenwärtig. Er kommt mit Bier und einer Likörflasche zurück, aus der er Schnapsgläser randvoll einschenkt. Am nächsten Tag hinterlässt uns derselbe Jeepfahrer flüssige Unterstützung in Form einer halben Flasche Rakija auf der Spitze des nächsten Hügels.

Ein tägliches Muster entwickelt sich: wir sind konstant mit Gedanken an Wasser beschäftigt, oft verwirrt, und Fremde sind unglaublich nett zu uns. Während viele Fernwanderwege zu einer Art von Trophäe geworden sind, einer Erfahrung, die man eher sammelt als genießt, kommt es bei der Via Dinarica nicht darauf an, Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Der Weg verläuft über abgeschiedene Landschaften, die sich mit jeglichem Hinterland messen können, aber auch durch Felder von Bauern und durch Dörfer. Die Logistik und das Terrain können eine echte Herausforderung sein, aber Hindernisse und Abweichungen vom Weg halten oft Geschenke wie den einmaligen Geschmack von Honigbrand oder ein warmes Feuer in einer kleinen Hütte bereit. Die Schönheit des Projekts liegt in den Zwischenräumen.

Zuflucht suchen und warten

In den südlichen Ausläufern des Velebit in Kroation beginnt der Wind zu wehen. Die Spitzen der Buchen rascheln und stöhnen. Die sengende Hitze des Tages hat das Wandern zu einer durstigen Angelegenheit gemacht, aber jetzt wird uns der Schweiß schnell kalt. In einem kleinen Tal über der Adriatischen Küste stolpern wir über eine Notfallhütte, die mit der Energie des aufziehenden Sturms summt. Obwohl er noch nicht mit voller Stärke weht, ist der Wind bereits so stark, dass wir uns an Steinen festhalten müssen, um aufrecht zu stehen, und sich zu erleichtern wird ziemlich schwer, wenn man in jede Richtung gegen den Wind pinkelt.

Diese Brise hat einen Namen: Bora. Er leitet sich womöglich von der griechischen Sagengestalt Boraes ab, dem Nordwind. Es ist ein Fallwind, der ganz plötzlich auftreten und mit verheerenden Folgen über die Adriaküste peitschen kann. Auch wenn er in vielen Gebieten der Mittelmeerküste auftritt, können die Böen am Velebit bis zu 250 km/h erreichen, weil dort das Gebirge als scharfe Trennlinie für die Drucksysteme fungiert. Das ist einer der Gründe, weshalb Notfallhütten in den ganzen Bergen verstreut sind – sobald der Bora einmal beginnt, kann man nicht viel mehr tun als Unterschlupf zu suchen und zu warten.

Der nächste Tag beginnt ruhig und gnadenlos heiß. Eine Tagesration Wasser wiegt etwa vier Kilogramm – was hoffentlich bis zur nächsten Regenwasserzisterne reicht. Der 59 km lange und in den 1930ern angelegte Premužić-Wanderweg im nördlichen Velebit ist ein Meisterwerk, das sich durch emporragende Kalksteinzähne und dichte Kiefern- und Buchenwälder schlängelt. Nach dem Premužić-Weg geht es den Küstenhang des Velebit hinunter, wo der nächste Teil der Via Dinarica durch den Paklenica-Nationalpark führt, ein beliebter Ort für Kletterer. In den Bergen nehmen die politischen Verwicklungen der Region Gestalt an. Auch wenn die Gewalt längst vorbei ist, sind die Konsequenzen noch spürbar.

In den nahen Hochlanden von Bosnien und Herzegowine (BuH) verläuft der Weg beispielsweise durch Lukomir, dem höchstgelegenen Dorf des Landes und einem der wenigen muslimischen Dörfer der Gegend, die die serbischen Angriffe während der 1990er überstanden haben. Nur ein paar Kilometer entfernt wurde das serbische Dorf Blace von bosnischen Soldaten niedergebrannt. Muftić betont, dass alle Konfliktparteien Verbrechen begangen haben – einer der Gründe, warum nach wie vor Feindseligkeit herrscht.

Mittlerweile wächst Gras zwischen den bröckelnden Ruinen von Blace und Blumen sprießen aus dem aufgeplatzten Beton. An einem Sonntagmorgen klingt das Läuten einer Kirchglocke über den leeren Ruinen, und langsam kommen Fahrzeuge über die Wiese herbeigefahren, um am Gottesdienst teilzunehmen. Die schlichte Anmut des Rituals steht im Widerspruch zu den sichtbaren Überresten der Zerstörung.

Lukomir auf der anderen Seite des Passes ist nicht nur noch immer bewohnt, sondern auch ein Touristenziel. Es kämpft jedoch mit derselben Gefahr wie alle ländlichen Bevölkerungen der Welt: Die jungen Menschen verlassen den Ort auf der Suche nach Arbeit, sie verlassen eine alternde Bevölkerung.

Naturschutz und Klimawandel

Dušan Simović platzt in den Raum, eingehüllt in das Fell eines Bären, den er geschossen hat. Seine gespreizten Pfoten haben die Größe von Esstellern, seine Krallen sind so lang wie Finger. Simović ist ein großer, drahtiger Mann, der im Treskavica-Gebirge im Süden von BuH lebt. Als wir auf dem Wanderweg über seiner Hütte auftauchen, lädt er uns in seine verrauchte Küche ein und tischt uns Hirschsteak, gesammelte Pilze und frische Milch von seinen Kühen auf. Er lacht über unsere handgeschnitzten „Glücks“-Bärenketten – ein Geschenk einer alten Frau in Slowenien. „Für ein echtes Bärenamulett braucht man einen echten Bären“, sagt Simović und schneidet eine der Bärenklauen als Geschenk für uns ab.

Trotz der langjährigen Sorge über den Rückgang des großen europäischen Allesfressers hat eine Studie in der Fachzeitschrift „Science“ vor Kurzem herausgefunden, dass sich die Braunbärpopulation stabilisiert hat. Es gibt nun um die 17.000 Tiere in Europa und Widereinführungsprogramme arbeiten daran, Bären in Gebieten anzusiedeln, in denen sie zuvor ausgerottet wurden. Im Süden von Slowenien treffen wir auf ein solches Projekt, das PirosLIFE Catalunya-Programm.

Jahrelang wurden die Pyrenäen von Pyros dominiert, einem männlichen Bären, der in der Nähe von Mašun in Slowenien lebend gefangen und 1997 an die spanisch-französische Grenze gebracht wurde. Mittlerweile gehören um die 75 Prozent der Bären in dieser Region zu seinem Nachwuchs, und sein Können auf dem Gebiet der Zeugung hat ihm bescheidenen Ruhm eingebracht. Wissenschaftler befürchten nun, dass Inzucht das Krankheitsrisiko erhöhen wird, also kam das Team 2016 mit Goiat, einem zweiten männlichen Bären, zurück, der hoffentlich für mehr genetische Vielfalt sorgen wird.

Auch wenn der Erfolg des Pyrenäen-Programms zu bedeutenden Teilen Pyros zu verdanken ist, sind große Säugetiere ebenso auf ein gesundes Ökosystem angewiesen, um zu überleben. Aufgrund der geschichtlichen Isolationspolitik der Region sind die Dinarischen Alpen nicht so gut erforscht wie ihre Nachbarn, aber sie beherbergen einige der letzten ungestörten Wälder Europas.

Wir haben mehrere Tage damit verbracht, uns durch diese Wälder in Richtung Sutjeska zu schlagen, dem größten und ältesten Nationalpark in BuH. Am Gipfel in der Nähe von Projevor treffen wir auf Miroslav Svoboda, Professor für Forstwirtschaft und Holzwissenschaften an der Technischen Agraruniversität Prag, der uns auf einen Rakija in eine kleine Berghütte einlädt. Er ist Teil einer internationalen Gruppe, die die Gesundheit einiger der letzten Primärwälder Europas untersuchen.

Über dem Holzofen trocknen die Socken, während Svoboda erklärt, dass wir nicht viel darüber wissen, wie Menschen die Dynamiken von Wäldern beeinflussen. Diese Lücke versucht Svoboda als Teil jenes Teams zu füllen, das langfristig Ökosysteme im Velebit in Kroatien beobachtet, eines der wenigen Gebiete des Mittelmeerraums, in dem die Rotfichte überlebt hat. Wenn Wissenschaftler mehr über die Gesundheit dieser Ökosysteme erfahren, so seine Hoffnung, können sie auch lernen, wie sie vom Klimawandel verändert werden.

Das Ende des Weges

Das letzte Gefälle der Via Dinarica führt in den Valbona-Pass, wo Bäume und Grünpflanzen auf halbem Weg die steinigen Gipfel hoch ihren Enthusiasmus zu verlieren scheinen. In den Klippen verstecken sich die letzten Reste des winterlichen Schnees. Während es auf der Via Dinarica nur wenige Wanderer gab, sprechen die Handvoll Menschen auf diesem beliebteren Gipfel an diesem Morgen ein halbes Dutzend Sprachen – ein Zeichen dafür, dass die Universalsprache des Wanderns in die Region zurückkehrt.

Die Via Dinarica ist eine beeindruckende Leistung, bedenkt man die politischen und geografischen Herausforderungen. Wie bei jedem neuen Weg werden Informationen über Ressourcen und Routen jedoch noch zusammengetragen. Als einige der ersten Wanderer, die die ganze Strecke gelaufen sind, hatten wir das Privileg, allein in einer überwältigenden Landschaft zu sein – mit all den Hürden, die das mit sich bringt.

Während ich den Valbona-Pass überblicke, beginne ich schließlich zu verstehen, dass, wie Muftić sagt, die Menschen entlang der Route etwas gemeinsam haben. „Wir müssen zwar mit den großen Herausforderungen der Vergangenheit umgehen, aber wir müssen zusammen sein.“

Lois Parshley ist eine Journalistin, Fotografin und National Geographic Young Explorer. Für mehr über die Via Dinarica und andere Abenteuer, kann man ihr auf Twitter und Instagram folgen.