Reise und Abenteuer

Die Erfüllung eines Kindheitstraums auf dem Gipfel des Mount Everest

Der Bergsteiger Adrian Ballinger ist nun einer von nur 200 Menschen, die den Gipfel des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät erreicht haben. Donnerstag, 9 November

Von Andrew Bisharat

Als professioneller Bergführer hat Adrian Ballinger, 41, eine umsichtige Entscheidungsfindung zum Fixpunkt seiner Karriere als Bergsteiger und Skifahrer gemacht. Den Gipfel zu erreichen, ist immer optional. Genug Energie aufzusparen, um auch wieder herunterzukommen, ist Pflicht.

Es war Ballingers Kindheitstraum, den 8.849 Meter hohen Gipfel des Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen. Dafür musste er sich allerdings mehr abverlangen und mehr durchleiden, als er je für möglich gehalten hat.

„Etwa eine Stunde vor dem Gipfel schlug ich auf mein Bein und schrie mich an. Ich versuchte, irgendeinen Weg zu finden, um weiter vorwärtszukommen“, sagt Ballinger. „Egal was, Hauptsache weiterlaufen. Ich war nicht schnell.“

Am 27. Mai 2017 biss sich Ballinger durch und erreichte schlussendlich den höchsten Punkt der Erde ohne zusätzlichen Sauerstoff. Mit dieser Leistung können sich bisher nur um die 200 der 4.500 Menschen brüsten, die den Everest bestiegen haben.

 „Ich habe so gelitten“, sagt Ballinger, der mittlerweile sicher zurück im Basislager ist und sich auf seine Heimreise ins kalifornische Squaw Valley vorbereitet. „Wir waren 41 Stunden am Stück da draußen. Auf dem Gipfel war es nicht besonders emotional. Aber als ich begriff, dass ich es wirklich tun würde, fühlte sich das sehr intensiv und besonders an. Aktuell bin ich einfach nur sehr glücklich und freue mich sehr darauf, einen Hamburger essen zu gehen.“

Ballinger kletterte zusammen mit seinem Partner Cory Richards, einem National Geographic-Fotografen und Abenteurer des Jahres 2012. Während der zwei letzten Frühlingsklettersaisons am Everest hat das Duo die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen, weil es via Snapchat einen „ungefilterten“ Blick auf die Everest-Erfahrung ermöglichte. Parallel dazu versuchten die beiden, ihr persönliches Ziel zu erreichen, den Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff zu besteigen.

“Seit ich 14 war, habe ich wirklich davon geträumt, den Everest ohne Sauerstoff zu besteigen.”

von Adrian Ballinger

2016 konnte das Team einen Teilerfolg verzeichnen. Richards schaffte es ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den Gipfel. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass er den berüchtigten Gipfel generell zum ersten Mal erreichte. Ballinger jedoch wurde zu schwerfällig und fror zu sehr, um den Aufstieg sicher fortzusetzen – und das, obwohl er den Gipfel des Everest bereits sechs Mal als Bergsteiger oder Bergführer mit zusätzlichem Sauerstoff erreicht hatte. Er hörte nur 400 Meter vor dem Gipfel auf. Dieses knappe Verfehlen seines Ziels sorgte dafür, dass er für seine zweite Runde in diesem Jahr ebenso hart trainierte, wie er sich nach Gipfel sehnte.

In dieser Klettersaison war es dann umgekehrt: Ballinger erreichte sein Ziel, während Richards auf etwa 8.680 Metern das Handtuch warf. Zum Vergleich: Das ist höher als der Gipfel des K2.

Richards sagte, dass er von Zweifeln geplagt war, obwohl er sich physisch fit genug fühlte, um den Aufstieg ohne Sauerstoff fortzusetzen. Statt aber wieder runterzuklettern, traf er die Entscheidung, an der Seite von Ballinger den Aufstieg mit Sauerstoff fortzusetzen.

 „Das war, als hätte ich mich von Clark Kent in Superman verwandelt“, sagt Richards über seine Erfahrung, als er die Sauerstoffmaske anlegte und das Gasgemisch aus dem Tank einatmete. „Sauerstoff ist ein leistungssteigerndes Mittel. Da führt kein Weg dran vorbei.“

Der Sauerstoffmangel in Höhenlagen ist es, der den Everest zu einer so großen körperlichen und geistigen Herausforderung macht. Auf persönlicher Ebene war Ballingers Erfolg für ihn der Höhepunkt von viel harter Arbeit und die Erfüllung eines Kindheitstraums.

„Seit ich 14 war, habe ich wirklich davon geträumt, den Everest ohne Sauerstoff zu besteigen“, sagt er. „Ich hatte Glück. Ich hatte einen guten Tag. Ich fühlte mich nach dem Aufwachen schon gut. Mir war nicht kalt. Ich konnte essen und trinken. Ich hatte nicht viele Zweifel. Ich habe nicht viel gelitten. Fazit: Ohne die Unterstützung meiner Freunde und unserer Sherpas hätte ich das nicht geschafft.“

Andrew Bisharat ist ein Schriftsteller, Redakteur und Bergsteiger. Er wohnt in New Castle, Colorado. Andrew Bisharat auf Twitter folgen.