Wie man sich Löwen vom Leib hält: Eine lehrreiche Reise in die Kalahari

Im Nordosten Namibias bringt die Nyae Nyae Conservancy Reisenden die Geschichte des indigenen Volkes der Ju/’hoansi näher. Bei einer Buschwanderung erfährt man von natürlichen Heilmitteln und der Orientierung in der Wildnis.

Von Emma Gregg
Veröffentlicht am 12. Dez. 2022, 14:25 MEZ
Wie man sich Löwen vom Leib hält, weiß der Stamm der Ju/’hoansi

Ein Löwe liegt entspannt in der Savanne. Wie man sich Löwen vom Leib hält, die nicht mehr entspannt sind, weiß der Stamm der Ju/’hoansi - der sein Wissen gerne mit Reisenden teilt.

Foto von Andrew Rice on Unsplash

Wie hält man sich Löwen vom Leib, wenn man in der Kalahari unter freiem Himmel schläft? Mit einem Löwenabwehrmittel natürlich. Der Trick besteht darin, ein Feuer in der Nacht brennen zu lassen und Wurzeln nachzulegen, die einen stechenden Rauch erzeugen. Den können die Großkatzen nämlich nicht ausstehen. Die Wurzeln des unauffälligen Strauches, auf den ich gerade schaue, sollen dafür ideal sein.

„Wenn du die in die Flammen legst, rennen die Löwen vor Ekel weg“, erklärt mir Tsamkgao !I/ae, mein Dolmetscher aus dem Stamm der Ju/’hoansi. Genau wegen solcher Weisheiten bin ich aus dem 720 Kilometer entfernten Windhoek nach Otjozondjupa gekommen. Mein Tutor an diesem staubigen Morgen ist /Kaece, ein Stammesältester der Ju/’hoansi. Wir haben uns vor einer Stunde an ein paar Grashütten getroffen, die in einem Halbkreis angeordnet außerhalb des Dorfes Tsumkwe stehen. /Kaece, seine Frau //‡Oro und ihre erweiterte Familie sind Kulturguides, die Touristen zu Buschwanderungen in die Wildnis der Nyae Nyae Conservancy mitnehmen.

Jagd und Ökotourismus: Das Leben im Stamm der Ju/’hoansi

Sie kleiden sich in handgegerbte Tierhäute und tragen traditionelle Waffen und Werkzeuge. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit die Ju/’hoansi – eine Untergruppe der südafrikanischen San – als Jäger und Sammler unterwegs waren. Heute führen sie ein sesshaftes oder halb sesshaftes Leben, tragen westliche Kleidung, halten auf dem nur vereinzelt mit Bäumen bestandenen Grasland Nutztiere und verdienen ihr Geld mit Gelegenheitsjobs. Die Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten wurde den Ju/’hoansi vor der Unabhängigkeit Namibias von der Apartheidregierung aufgezwungen.

Man verdrängte die ethnische Gruppe aus ihren wildreichen Jagdgründen und beschränkte ihren Lebensraum auf ein unwirtliches Stück Halbwüste im heutigen Otjozondjupa, früher Buschmannland genannt. Nyae Nyae ist Namibias erste gemeinschaftsbasierte Conservancy und wurde in den 1990er-Jahren, im ersten Jahrzehnt der nationalen Unabhängigkeit, ins Leben gerufen. Sie ist der einzige Ort, an dem es den Ju/’hoansi erlaubt ist, traditionellen Praktiken wie der Antilopen- und Vogeljagd mit Pfeil und Bogen, Speeren und Fallen nachzugehen, Pflanzen und Wildhonig zu sammeln und ihren Lebensunterhalt mit der Landwirtschaft, der kommerziellen Jagd sowie dem Ökotourismus zu bestreiten.

Der Blick auf die Halbwüste in der Region Otjozondjupa schweift ungetrübt in endlose Fernen. 

Foto von Mroszewski

Überliefertes Wissen: Der traditionelle Gebrauch der Heilpflanzen

Zu den wertvollsten Gütern der Ju/’hoansi gehören, abgesehen von Landrechten, ihr überliefertes Wissen und ihre Überlebensfertigkeiten im Buschland. In meinen Augen sind in der Nyae Nyae Conservancy keinerlei Wege zu sehen, und jetzt, wo die Sonne im Zenit steht, frage ich mich, wie sich die Einheimischen hier zurechtfinden. Wie sich herausstellt, kommt es dabei vor allem auf Beobachtungsgabe, Erinnerungsvermögen und die eine oder andere Dosis eines natürlichen Wachmachers an. „Wenn wir uns verlaufen, kauen wir die Blätter einer bestimmten Sumachpflanze“, erklärt /Kaece.

„Damit können wir uns besser konzentrieren. Wir nennen sie auch das GPS der San.“ Im Verlauf unserer Buschwanderung bringen mir /Kaece und seine Familie bei, die Kalahari mit ihren Augen zu betrachten. Wo ich endlose Weiten fast identischer Gräser und Sträucher sehe, erkennen die Ju/’hoansi Medizin, Gifte, Werkzeug, nahrhafte Samen, fruchttragende Büsche und versteckte Wasserquellen. Ihr überliefertes Wissen kennt über 400 Pflanzenarten mit praktischem Nutzen, von entzündungslindernden Blättern bis hin zu wasserspeichernden Wurzelknollen. Zum Ende unserer Wanderung frage ich /Kaece, ob er sich nach den alten Zeiten sehnt. „Manches hat sich zum Guten verändert“, antwortet er. „Aber wir werden immer unsere Traditionen pflegen. Sie erinnern uns daran, wer wir wirklich sind.“

Mehr Infos: Audley Travel kann maßgeschneiderte Safaris in Namibia mit einem Aufenthalt in der Tucsin Tsumkwe Lodge organisieren, einer guten Basis für Buschwanderungen mit Ju/’hoansi-Guides. audleytravel.com, tsumkwe-lodge.com

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Foto von National Geographic

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