Reise und Abenteuer

Im Bauch von Rom

Luca Antognoli steckt den Kopf in den Abwasserkanal, holt Luft und grinst. "Riecht gar nicht so schlecht heute." Dann gleitet er - mitten auf dem Nerva-Forum in Rom - mit den Füßen voran in ein dunkles Loch.

Von Luca Villoresi und Paul Bennett

Luca Antognoli steckt den Kopf in den Abwasserkanal, holt Luft und grinst. "Riecht gar nicht so schlecht heute." Dann gleitet er - mitten auf dem Nerva-Forum in Rom - mit den Füßen voran in ein dunkles Loch. Ekelhafter Gestank quillt aus der Finsternis: Urin, Diesel, Schlamm, verwesende Rattenkadaver. Der Geruch einer Kanalisation, die seit 2500 Jahren ununterbrochen in Betrieb ist. Unten, im dunklen Tuffgewölbe der Cloaca Maxima ("Größter Abwasserkanal"), ist es nicht besser. Während Antognoli durch das grünliche Wasser watet und über Fragmente von Tempeln steigt, gleiten die Zeugnisse modernen Lebens an ihm vorbei: Plastiktüten, bunte Feuerzeuge, ein Schnuller und eine beunruhigend große Menge von faserigem, grauem Zeug, das wie Toilettenpapier aussieht, obwohl es hier eigentlich gar keine ungeklärten Abwässer geben dürfte. An einer Biegung zeigt Antognoli auf eine zerbrochene, vielleicht 2000 Jahre alte Amphore neben einer sicher erst seit kurzem im Schlamm liegenden Peroni-Bierflasche. Zusammen sind sie ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie lange die Menschen ihren Abfall bereits in diesem Abflusssystem entsorgen.

Der 49-jährige Antognoli arbeitet für Roma Sotterranea, eine Gruppe von Speläologen, die im Auftrag der Stadt die unterirdische Welt Roms erkundet: eine erstaunliche Zahl von Tempeln, Straßen, Häusern und Aquädukten, die die Geschichte seit dem Römischen Reich hinterlassen hat. Der Überlieferung zufolge wurde die Cloaca Maxima, die unter dem Forum Romanum verläuft, im 6. Jahrhundert v. Chr. gebaut. Wenn das richtig ist, wäre sie eines der ältesten erhaltenen Bauwerke der Stadt. Im normalen Leben ist Antognoli Chirurg. Er hat uns ermahnt, vorsichtig zu sein und unsere Haut nicht dem Dreckwasser auszusetzen. Er selber nimmt die Gefahr sehr ernst, hat jeden Zentimeter seines Körpers bedeckt, mit einem Schutzanzug, Handschuhen, Stiefeln, Maske, und alles mit Isolierband hermetisch abgedichtet. Wir kommen zu einer Schräge, über die brauner Schlamm in die Tiefe rutscht. Jenseits dieses gefährlichen Hindernisses tut sich ein Loch auf, herausgewaschen irgendwann in den vergangenen 2000 Jahren. In brusthohem, schaumbedeckten Wasser müssen wir uns Zentimeter für Zentimeter an einem unsichtbaren Abgrund entlangtasten. Ein Spaßvogel merkt an,dass ihn der Schaum an die schiuma auf italienischem Espresso erinnert.

Ein Haufen aus Knochen, Keramikscherben und verklumptem Schlamm, der beinahe den ganzen Abwasserkanal füllt, stoppt unsere Expedition. Die Männer von Roma Sotterranea planen, einen ferngesteuerten Roboter hinter das Hindernis zu schicken, um die Lage zu erkunden. Antognoli erhofft sich davon eine Bestätigung, dass die Cloaca Maxima bis zu den Thermen des Diokletian führt, etwa anderthalb Kilometer weiter nordöstlich. "Wer weiß, was für Schätze wir auf dem Weg dorthin finden", sagt er und erwähnt, dass Archäologen kürzlich den riesigen Steinkopf von Kaiser Konstantin aus einem Abwasserkanal zogen. Der erste christliche Kaiser wurde also vermutlich ein Opfer der so genannten damnatio memoriae. So hieß im alten Rom die Praxis, die Erinnerung an Herrscher auszulöschen, die in Ungnade gefallen waren.

Überall auf der Welt denkt man bei dem Wort "Untergrund" an U-Bahnen, Abwasserkanäle, Gasleitungen. In Rom hingegen ist damit eine unterirdische Parallelwelt gemeint, von der jeder weiß, wo sie anfängt, aber keiner, wo sie endet. Denn in dieser Stadt tun sich unter jedem Kanaldeckel, auf dem Grund der banalsten Ausgrabung, hinter Falltüren alter Häuser Tore in die Tiefen der Zeit auf. Wer das oberirdische Rom der Ansichtskarten und Besichtigungstouren verstehen will, sollte wenigstens eine Ahnung von der Existenz jener anderen Stadt haben, die sich, geheim und unsichtbar, unter den Gehsteigen erstreckt. Unter keinem anderen Ort der Welt liegt so viel Geschichte: winzige Stücke wie die Scherben einer 3000 Jahre alten Vase oder imposante Denkmäler, die noch in den Fundamenten anderer Denkmäler verborgen sind. Schicht für Schicht, Jahrhundert um Jahrhundert. Ein Labyrinth, von dem man nicht einmal weiß, von welcher Seite aus man es betreten soll. Von der Cloaca Maxima her oder von den Fresken des Domus Aurea, des "Goldenen Hauses" von Kaiser Nero? Durch die Verliese des Vatikans? Wer es erkunden will, sollte am Anfang beginnen: Mit dem Rom, das etwa 753 v. Chr. gegründet wurde, als das Panorama der sieben Hügel noch völlig anders aussah als heute.

(NG, Heft 7 / 2006)

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