Tiere

Was denken Katzen über uns?

Anders als Hunde behandeln Katzen uns wie ihre Artgenossen, meint die Autorin.Thursday, November 9

Von Christine Dell'Amore
Bilder Von FSTOP, ALAMY
Hauskatzen wie diese verstehen Menschen möglicherweise nicht richtig

Seit sie vor rund 9.500 Jahren zum ersten Mal ihre süßen Krallen in unser Herz geschlagen haben, pflegen wir Menschen eine Liebesbeziehung zu den Stubentigern.

Mehr als 80 Millionen Katzen leben heute in US-amerikanischen Haushalten, und weltweit gibt es schätzungsweise dreimal so viele Katzen wie Hunde. Trotzdem gibt es immer noch viel, das wir nicht über unsere felinen Freunde wissen – zum Beispiel, was sie von ihren Besitzern halten.

John Bradshaw ist Verhaltensforscher an der britischen Universität Bristol und Autor des Buchs „Cat Sense“. Nach Jahren der Beobachtung von Hauskatzen kam er zu einer verblüffenden Erkenntnis: Sie verstehen uns nicht so, wie Hunde es tun.

Vor Kurzem hat Bradshaw National Geographic einen Einblick in seine Arbeit gegeben.

Wie kamen Sie zur felinen Verhaltensforschung?

In den ersten 20 Jahren meiner Karriere habe ich das olfaktorische, also Geruchsverhalten von wirbellosen Tieren erforscht. Ich war schon immer fasziniert von dieser anderen Welt, in der die Tiere leben – und vor allem vom Riechen, dem primären Sinn des Hundes. Deshalb wendete ich mich in den frühen 1980er Jahren dem Hundeverhalten zu. Kurz darauf entdeckte ich meine Faszination für Katzen und ihr Weltverständnis im Vergleich zu unserem.

Wie forschen Sie?

Ich beobachte viel. Ich betrachte Gruppen von Katzen um zu sehen, wie sie miteinander umgehen, und ziehe daraus Rückschlüsse auf ihre Sozialstruktur. [Ich beobachte] Katzen in freilebenden Kolonien sowie in Tierheimen, wo viele von ihnen gemeinsam untergebracht sind. Dort entsteht eine interessante Dynamik [wenn neue Katzen eintreffen].

Außerdem habe ich ein klein wenig mehr eingegriffen und beispielsweise untersucht, wie Katzen mit Spielzeug spielen, oder ihr Verhalten zu verschiedenen Tageszeiten getestet. [Und ich beobachte] Beziehungen mit Besitzern, interviewe sie und gebe ihnen Fragebögen, um zu erfahren, wie sie ihre Katzen sehen.

Woraus schließen Sie, dass Katzen uns nicht so verstehen, wie Hunde es tun?

Zu Hunden und ihrer Interaktion mit Menschen wurde viel geforscht. Es ist eindeutig, dass Hunde uns anders wahrnehmen als sich: Sobald sie einen Menschen sehen, ändern sie ihr Verhalten. Hunde spielen mit Menschen vollkommen anders [als mit Hunden].

Bei Katzen wurde bisher noch kein Verhalten festgestellt, das darauf schließen lässt, dass sie uns im Kontakt mit uns in eine andere Schublade stecken. Sie wissen natürlich, dass wir größer sind als sie, aber ihr soziales Verhalten scheint nicht besonders angepasst. Sie heben ihre Schwänze, schleichen um unsere Beine, sitzen neben uns und putzen uns genau so, wie sie es untereinander tun. 

Ich habe Artikel gelesen, in denen Sie sagen, dass Katzen uns für große, dumme Katzen halten. Ist das wahr?

Nein. Im Buch [schreibe ich,] dass sich Katzen uns gegenüber genau so verhalten, wie sie es anderen Katzen gegenüber tun würden. Sie glauben, dass wir ungeschickt sind: Katzen stolpern nur selten über Menschen, aber wir stolpern über Katzen.

Trotzdem denke ich nicht, dass sie uns für dumm halten – denn Katzen reiben sich nicht an Artgenossen, die ihnen unterlegen sind. 

Können wir herausfinden, was Katzen wirklich über uns denken?

Dazu bedarf es weiterer Forschung. Diesem Bereich wurde bisher nicht ausreichend Beachtung geschenkt. Da Katzen keine Wildtiere sind, halten viele Ökologen sie wohl nicht für richtige Tiere.

Was ist die überraschendste Erkenntnis Ihrer Forschung?

Wie gestresst viele Hauskatzen sein können, ohne dass ihre Besitzer es merken, und wie stark sich dies auf ihre physische und psychische Gesundheit auswirkt. Katzen vertragen sich nicht [immer] mit anderen Katzen, [und die Menschen realisieren nicht,] wie sehr sie das belasten kann. Neben Routineuntersuchungen sind der häufigste Grund für Tierarztbesuche bei Katzen Wunden, die sie sich im Kampf mit Artgenossen zugezogen haben.

[Mysteriöserweise bekommen immer mehr Katzen] Haut- und Blasenentzündungen, und es wird immer deutlicher, dass diese medizinischen Probleme durch psychische Belastung verschlimmert werden. Blasenentzündungen stehen [beispielsweise] im Zusammenhang mit den Stresshormonen im Blut.

Eine Alternative zur medikamentösen Behandlung besteht darin, die soziale Umgebung der Katze zu untersuchen. [Man kann zum Beispiel dafür sorgen, dass] zwei Katzen, [die sich nicht verstehen], an unterschiedlichen Enden des Hauses leben. Oft wird dadurch das ganze Problem gelöst.

Ich habe ein paar Fragen von Katzenbesitzern auf Facebook. Erstens: Warum maunzen Katzen, wenn sie alleine in einem Zimmer sind?

Katzen lernen, wie ihre Besitzer reagieren, wenn sie bestimmte Geräusche machen. Wenn sie möchten, dass ihr Besitzer aus dem anderen Zimmer kommt, versuchen sie dies durch Laute zu erreichen. Sie lernen schnell. 

Warum behandeln manche Katzen ein Mitglied eines Haushalts anders als die anderen?

Katzen sind wesentlich intelligenter als wir es ihnen zutrauen: Sie lernen, was mit welcher Person funktioniert. Sie wissen, wenn [ein Familienmitglied] um vier Uhr morgens aufsteht, um ihnen Leckerchen zu geben.

Warum massieren Katzen uns?

Sie wenden ein Verhalten an, das sie auch ihrer Mutter gegenüber zeigen würden. Jedes Verhalten, das sie uns gegenüber an den Tag legen, ist in irgendeiner Weise von der Beziehung zwischen Katzenmüttern und ihren Jungen abgeleitet. Kätzchen lernen, ihren Schwanz zu heben, sich an der Mutter zu reiben, sie zu massieren und zu schnurren. Im Gegenzug werden sie von der Mutter geputzt.

Sie verwenden also Verhaltensweisen aus ihrem Repertoire, um mit uns zu kommunizieren. Es sind nicht viele, vielleicht ein halbes Dutzend.

Kann man Katzen erziehen?

Ja. Katzen können lernen, was sie nicht dürfen. Wenn Ihr getigerter Freund sich angewöhnt hat, [auf den Küchentisch zu springen], gibt es ein paar Möglichkeiten, das zu verhindern.

Man kann zum Beispiel ein Spielzeug mit einer Feder aufbauen, das in die Luft springt, wenn die Katze auf den Tisch springt. Das mag sie nicht und springt deshalb wieder herunter. Eine andere recht gemeine [Strategie] ist das Spritzen mit einer Wasserpistole. Dabei darf die Katze aber nicht sehen, dass man dieses in der Hand hält: Katzen vergeben nicht, und wenn sie feststellen, dass eine Person ihnen Angst macht oder wehtut, meiden sie sie.

Welchen Hinweis möchten Sie Katzenbesitzern über ihre Tiere mitgeben?

Sie sollten anerkennen, dass Katzen zwar zu einem gewissen Grad gesellige Tiere sind, aber nicht in dem Maße wie Hunde. Viele Katzenbesitzer hätten gerne ein zweites Tier, weil sie glauben, zwei Katzen bringen doppelte Freude. Eine Meinung, die die Katze nicht unbedingt teilt.

Was ich sagen möchte, ist einfach: Wenn man mehr als eine Katze haben möchte, sollte man die Sache vorsichtig angehen und dazu bereit sein, es zu lassen, wenn es nicht funktioniert.

Dieses Interview wurde bearbeitet und gekürzt.

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Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 28. Januar 2014

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