Tiere

Das größte Tier der Erde stürzt sich auf sein Abendessen

Videomaterial, das mit einer Drohne in der Nähe von Neuseeland aufgenommen wurde, zeigt Blauwale, die auf einige der kleinsten Tiere des Ozeans zustürzen und sie fressen. Donnerstag, 9 November

Von Sarah Gibbens

Wenn man 200 Tonnen wiegt, dann benötigen schon die kleinsten Körperbewegungen viel Energie. Deshalb sind Blauwale, die größten Tiere der Erde, wählerische Esser.

Atemberaubende Drohnenaufnahmen zeigen genau, wie diese massigen Säugetiere manövrieren, um nur die nahrhaftesten Krillschwärme zu fressen – und sie bieten Einblicke in den Entscheidungsprozess der Tiere.

Die Aufnahmen wurden von einem Forscherteam unter der Leitung von National Geographic Explorer Leigh Torres vom Institut für Meeressäuger der Oregon State University gemacht. Sie wurden im Südpolarmeer vor Neuseeland aufgenommen und zeigen den Moment, in dem ein Wal einen Krillschwarm entdeckt und abschätzt, ob er den Energieaufwand des Fressens wert ist. Krill – fünf Zentimeter kleine, garnelenförmige Krebstiere – erscheint als hell gefärbter Klecks unter der Wasseroberfläche.

Als der Blauwal im Video sich dem Fleck nähert, dreht er sich zur Seite und öffnet sein Maul leicht. Er schlägt mit der Schwanzflosse und stürzt sich dann mit dem Maul voran in den Krillschwarm.

Die Wissenschaftler haben ermittelt, dass sich der Wal dem Schwarm mit einer Geschwindigkeit von etwa 10,8 km/h genähert hat. Der Energieaufwand, den der Wal betreiben muss, um sein riesiges Maul zu öffnen, verlangsamte ihn dann auf 1,7 km/h.

„Das ist so, als würde ich ein Auto fahren, alle 90 Meter bremsen und dann wieder beschleunigen“, erklärt Torres in einer Pressemitteilung. „Wale müssen sich genau überlegen, wann sie bremsen, um einen Schwarm Krill zu fressen.“

Um danach wieder auf ihre normale Schwimmgeschwindigkeit zu beschleunigen, benötigen sie viel Energie. Daher sind Blauwale wählerisch, was die Krillschwärme angeht, auf die sie sich stürzen.

Ein weiterer Abschnitt der Drohnenaufnahmen zeigt einen Blauwal, der auf einen Krillschwarm verzichtet, der den Energieaufwand nicht wert ist. Der Blauwal nähert sich einem Krillschwarm, öffnet sein Maul leicht, dreht sich dann aber auf seinen Bauch zurück und schwimmt direkt durch den Schwarm hindurch, ohne zu fressen.

Torres merkte an, dass dieses Fressverhalten darauf hindeutet, dass Blauwale kalkulierte Entscheidungen treffen. Diesen Entscheidungsfindungsprozess zu verstehen, kann Forschern dabei helfen herauszufinden, welche schädlichen Umwelteinwirkungen Krillschwärme für Wale unattraktiv machen. Das beeinflusst schließlich die Gesundheit und die Populationszahl der gefährdeten Tiere.

„Viele menschliche Aktivitäten können die Verfügbarkeit von Krill beeinflussen“, erklärte Torres am Telefon. „Wir wissen ziemlich genau, dass ein bisschen Krill im Wasser noch keinen guten Lebensraum macht. Man braucht eine gewisse Krilldichte.“

Verunreinigungen und das Fischen von Krill können sich beide darauf auswirken, wie gut sich Krill im Meer anhäuft und Schwärme bildet.

Blauwale werden von der Weltnaturschutzorganisation IUCN als stark gefährdet eingestuft. Sie sind durch die Internationale Walfangkommission geschützt, die die Jagd auf sie in den 1960ern verbieten ließ. Vor dem Fangverbot wurden sie fast bis zur Ausrottung gejagt.

Mithilfe von Drohnen können Forscher einen intimeren und nichtinvasiven Einblick in das Verhalten und die Gewohnheiten von Walen erlangen. Die früheren Methoden zur Beobachtung von Walen in der Wildnis per Helikopter oder Flugzeug waren weniger effektiv und auch störender. Torres weist allerdings darauf hin, dass es nach wie vor wichtig ist, die Drohnen in einem sicheren Abstand zu den Tieren zu halten.

Als nächstes wollen sie und ihr Team Grauwale vor der Küste von Oregon beobachten.

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