Tiere

Leben und Sterben auf den Galápagosinseln

EvolutionThursday, November 9

Von Christopher Solomon
Bilder Von Thomas P. Peschak
Auf der Isla Fernandina laufen Meerechsen an einem toten Artgenossen vorbei, der offenbar verhungert ist. Die Tiere, die Charles Darwin „Kobolde der Dunkelheit“ nannte, gibt es nur auf Galápagos. Die Echsen leiden unter dem Klimaphänomen El Niño, weil die Algen, von denen sie sich ernähren, im wärmer werdenden Wasser absterben.

Jon Witman prüft den Luftdruckmesser und nestelt noch kurz an seinen Schwimmflossen. Dann lässt sich der Biologe rücklings in den Pazifik fallen. Nicht weit entfernt brechen die Wellen an der Isla Beagle, die zu den Hunderten Felsen, Bergspitzen und Inseln gehört, aus denen der Galápagos-Archipel besteht. Die Inselgruppe, eine Provinz von Ecuador, liegt auf beiden Seiten des Äquators. Auf einem Vorsprung über der Brandung tanzen Blaufußtölpel ungelenk wie 14-Jährige auf ihrem ersten Schulball. Auf den Felsen darunter zanken sich zwei Galápagos-Seelöwen. Ungefähr so muss es ausgesehen haben, als Charles Darwin vor fast 200 Jahren mit der „HMS Beagle“ Galápagos erreichte. Die an das raue Inselleben angepassten Tiere scheinen alles überstehen zu können – sogar den Lauf der Zeit selbst.

Plötzlich taucht Witman an der Wasseroberfläche auf. „Es geht los“, ruft er. Er holt seine Videokamera aus dem Boot und verschwindet wieder. Ich springe hinterher.

Als wir etwa die Tiefe von fünf Metern erreicht haben, deutet Witman auf eine Steinkoralle. Normalerweise sieht Porites lobata aus wie eine hellgrüne Pagode. Aber dieses Exemplar leuchtet weiß inmitten der anderen quietschrosa und plastikgrünen Korallen auf dem Meeresboden. Porites lobata bleicht aus – eine Reaktion auf stark erhöhte Wassertemperaturen. Bald wird die Koralle abgestorben sein.

Nach solchen Veränderungen suchen Witman und sein Team. Und viel zu häufig werden sie fündig. Der El Niño von 2016 war das stärkste Klimaereignis der vergangenen 20 Jahre auf den Inseln. An Witmans Tauchstellen war das Wasser bis zu 31 Grad warm. Insgesamt lagen die Temperaturen in der Galápagos-Region mehr als zwei Grad höher als im langjährigen Mittel. Witman erforscht seit 40 Jahren küstennahe Ökosysteme von der Osterinsel bis zum Golf von Maine und befürchtet, dass die weiße Porites lobata nur der Vorbote einer explosiven Korallenbleiche und anderer dramatischer Umweltveränderungen ist.

Die Galápagosinseln sind legendär. Eine verwunschene Welt. Darwin besuchte sie 1835 und machte Beobachtungen, die ihm – und uns – offenbarten, wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat. Sein Buch „Über die Entstehung der Arten“ durchdrang „fast jeden Bestandteil im Glaubenssystem des modernen Menschen“, stellte der deutsche Evolutionsbiologe Ernst Walter Mayr fest.

So abgelegen die Galápagosinseln auch sein mögen, gegen die Einflüsse des modernen Lebens sind sie nicht gefeit. Der Klimawandel hat die Wiege der Evolutionstheorie erreicht und könnte schlimme Folgen für Schildkröten, Finken, Tölpel, Meerechsen und andere berühmte Tierarten haben. Dieses Ökosystem, das uns den Begriff der natürlichen Auslese nahebrachte, hält nun vielleicht eine weitere Lektion für uns bereit – und zeigt uns, wie die Zukunft auch anderswo aussehen könnte. „Die Inseln sind ein fantastisches Versuchslabor“, sagt Witman. „Hier können wir beobachten, wie verschiedene Arten auf den Klimawandel reagieren.“

Witman lehrt an der Brown University in Providence, Rhode Island. Gemeinsam mit anderen Forschern versucht er, sich ein Bild zu machen, wie die Zukunft des Galápagos-Archipels aussehen wird. Nirgendwo sonst dürfte der Kreislauf von Leben und Tod so dramatisch vom Klimaphänomen El Niño und seinem Gegenstück, La Niña, beeinflusst werden. Forscher vermuten, dass der Klimawandel die Häufigkeit der extrem niederschlagsreichen El Niños erhöht: Statt etwa alle 20 könnten sie alle zehn Jahre vorkommen.

Witman und seine Mitarbeiter rechnen durch das warme Wasser, das El Niño mit sich bringt, mit einer zunehmenden Korallenbleiche rund um die Inseln. Ein Tropenmeer ohne Korallenriffe aber ist wie eine Großstadt ohne Hochhäuser: Wenn Fische und andere Meereslebewesen ihre Wohnungen, die Riffe, verlieren, verkümmert das Ökosystem und büßt seine Fähigkeit, mit plötzlichen Veränderungen zurechtzukommen, ein. Die wachsende Bevölkerung auf den Inseln verschlimmert die Lage zusätzlich. Etwa 25.000 Menschen leben im Galápagos -Archipel. Dazu kommen schätzungsweise 220.000 Touristen pro Jahr.

Das Nahrungsnetz der Galápagosinseln wird schon jetzt von verschiedenen Faktoren so sehr beeinträchtigt, dass manche Tiere nur schwer damit zurechtkommen. Der Bestand an Blaufußtölpeln ist seit 1997 um etwa die Hälfte geschrumpft. Etwa zur gleichen Zeit nahm der Anteil von Sardinen in der Beute mehrerer Raubfischarten stark ab. Die Gründe dafür sind unklar. Die Tölpel stellten ihre Jagd auf fliegende Fische um, die aber schwerer zu fangen sind. Zudem ist ihr Nährwert geringer. Das ist, als gäbe es statt Steaks plötzlich nur noch Gefängniskost, sagt der Biologieprofessor Dave Anderson von der Wake Forest University in North Carolina. Oft bekommen Blaufußtölpel bei Nahrungsmangel keinen Nachwuchs.

Könnte der Verlust an Artenvielfalt eine ökologische Abwärtsspirale bewirken? „Wenn es weniger Arten gibt“, sagt Witman, „sind Ökosysteme bei Bedrohungen auch weniger widerstandsfähig.“ Schon heute steht fest, dass die Tierarten, für die sich Touristen vor allem interessieren, alle unter dem Klimawandel leiden werden: Schildkröten, Meeresschildkröten, Meerechsen und Drusenköpfe, Pinguine, Blaufußtölpel und Seelöwen.

Der Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 6/2017 von National Geographic. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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