Tiere

Unter Wasser liegt der wahre Schatz von Galápagos

Die Tierwelt im Ozean dieses Archipels ist noch artenreicher als die an Land. Eine NATIONAL GEOGRAPHIC-Expedition hilft, sie zu schützen. Freitag, 27 Oktober

Von Enric Sala

Ich kann mir vorstellen, wie sich Charles Darwin gefühlt haben muss, als er hier an Land ging. Die Inseln scheinen nicht von dieser Welt zu sein – sie sind ihre eigene Welt. Die Vulkanlandschaft wirkt urzeitlich und wild, geschaffen von den unbändigen Kräften im Erdinneren. Als hätte dieser Ort eine eigene Zeitrechnung, ist hier, abseits jeder Zivilisation, über Äonen eine fast unwirkliche Ruhe eingekehrt. Hier lebt eine magische Tierwelt: Echsen, die aussehen wie Minidrachen, Vögel, die tauchen, aber nicht fliegen können, und gigantische Schildkröten.

Allerdings gibt es hier auch eine Welt, die frühen Besuchern wie Darwin verborgen blieb: Sie liegt unter Wasser. Ihr Artenreichtum übersteigt den von Fauna und Flora an Land um ein Vielfaches. Im Dezember 2015 leitete ich im Rahmen des Pristine Seas Project der National Geographic Society eine Expedition zu den Galápagosinseln. Ihr Ziel: die Erforschung dieser bis heute praktisch unbekannten Unterwasserwelt. In Zusammenarbeit mit der Charles-Darwin-Stiftung wollten wir wissenschaftliche Daten sammeln und Aufzeichnungen machen. Unsere Arbeit war Teil eines Projekts unter Leitung von Mitarbeitern des Galápagos-Nationalparks. Es soll den Schutz der Gewässer rund um die Inseln ausweiten. 

Bereits 1959 hatte Ecuador einen weitreichenden Beschluss gefasst: Das Land erklärte die Inseln zu seinem ersten Nationalpark, um ihren Schutz zu ermöglichen. Später erkannte die Unesco ihre globale Bedeutung und ernannte die Inseln 1978 zur ersten Welterbestätte. Die Landmasse steht seit 1956 unter Schutz, doch die Industriefischerei bedrohte das Leben im Meer. Bei ihren Ausfahrten fangen Beutelnetz- und Langleinenschiffe nicht nur Tausende Thunfische, sondern auch gefährdete und geschützte Tiere wie Delfine, Haie, Teufelsrochen, Seelöwen, Meeresschildkröten und Seevögel. Ecuador richtete deshalb 1998 ein Meeresschutzgebiet ein, das 40 Seemeilen (gut 70 Kilometer) in den Pazifik hinausreicht. Dort ist Industriefischerei verboten. Einheimische Fischer, die traditionelle Fischfangmethoden und kleine Boote verwenden, dürfen weiterhin ausfahren. Auf knapp einem Prozent des Reservats ist Fischerei gänzlich verboten.

„Ohne Tourismus gäbe es die Galápagosinseln in dieser Form nicht“, sagt der ecuadorianische Fremdenverkehrsminister Fernando Alvarado, der unsere Expedition begleitet. Nach einem Tauchgang erklärt er mir an Deck der „Argo“, wie der Tourismus den Erhalt der ungezähmten Natur auf den Inseln sichere. „Nicht zuletzt hält die ständige Anwesenheit von Ökotouristen Wilderer fern, wie an vielen anderen Orten auch.“

Eine Studie hat kürzlich ergeben, dass nirgendwo auf der Welt so viele Haie auf so engem Raum leben wie rund um die Inseln Darwin und Wolf. Jedoch nimmt ihre Zahl seit einigen Jahrzehnten auch hier ab. Schuld sind der illegale Fischfang innerhalb des Meeresschutzgebiets und die Überfischung im tropischen Ostpazifik.

Dabei hat eine Wirtschaftsanalyse von NATIONAL GEOGRAPHIC und der University of California in Santa Barbara gezeigt: Ein Fischer, der einen Hai fängt, kann mit dem toten Tier nicht einmal 200 Dollar verdienen. Der touristische Wert desselben Hais über seine gesamte Lebensspanne hinweg liegt dagegen bei mehr als vier Millionen Euro. Eine Haifischflosse lässt sich nur einmal verkaufen, ein lebender Hai indirekt hingegen mehrere Tausend Mal, wenn ihn Taucher aus der ganzen Welt auf ihren Galápagosreisen bewundern. Es lohnt sich also, Haie zu schützen.

Der ehemalige Umweltminister Ecuadors, Daniel Ortega, und der Künstler und Naturschützer Miguel Bosé nehmen ebenfalls an unserer Expedition im Dezember 2015 teil. Vor der Küste der Isla Darwin können die beiden in unserem U-Boot bis in 200 Meter Tiefe tauchen. Bosé ist erschrocken; er hatte eine viel reichhaltigere Tierwelt erwartet: „Wir haben viele Haie und kleine Fische gesehen, aber große Fische wie Zackenbarsche und Schnapper fehlen – beinahe die halbe Nahrungskette.“

Offensichtlich greifen die bisherigen Schutzbemühungen also zu kurz. Studien dazu haben ergeben, dass die Größe der Meeresschutzgebiete bei Galápagos für den Erhalt der Haie und der anderen wirtschaftlich wichtigen Arten nicht ausreicht. Seit 2014 erforschen Mitarbeiter des Nationalparks daher in Zusammenarbeit mit Naturschutzgruppen und wissenschaftlichen Einrichtungen ebenso wie mit Industrieverbänden und traditionellen Fischern das notwendige Schutzniveau.

“Ohne Tourismus gäbe es die Galápagosinseln in dieser Form nicht.”

Fernando Alvarado, Fremdenverkehrsminister von Ecuador

Im Februar 2016 trafen sich die Minister Alvarado und Ortega in Quito mit dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa. Miguel Bosé und ich waren ebenfalls dabei. Wir sprachen über die wirtschaftliche Bedeutung einer gesunden Meeresumwelt für Ecuador und über die ökologische Bedeutung für die ganze Welt. Am 21. März 2016 unterzeichnete Präsident Correa einen Erlass zur Einrichtung eines Meeresschutzgebiets rund um Darwin und Wolf. In dem 40.000 Quadratkilometer großen Reservat ist jegliche Fischerei verboten. Zusätzlich wurden 20 kleinere Gebiete unter Schutz gestellt. Die Nichtentnahmezone umfasst damit nun ein Drittel des Galápagos-Meeresschutzgebiets. Im September 2016 kündigten Kolumbien und Costa Rica an, ihre Meeresschutzgebiete Malpelo und Kokosinseln ebenfalls zu erweitern. Über alle drei Länder hinweg umfassen die drei Schutzzonen damit insgesamt etwa 215.000 Quadratkilometer wichtigen Lebensraum für Flora und Fauna.

Ob das genügt, muss sich erst zeigen. Auf jeden Fall ist es ein wichtiger Schritt, den unser Projekt mit angestoßen hat. Und der hoffentlich auch anderswo getan wird. „Galápagos“, sagt Präsident Correa, „gehört nicht Ecuador allein, sondern der ganzen Menschheit.“


Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Der ganze Bericht steht in der Ausgabe 11/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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