Tiere

Warum es wichtig ist, wie Weibchen ihre Partner wählen

Auch der Mensch bildet keine Ausnahme: In der Evolution hat die Partnerwahl entscheidenden Einfluss auf die Beschaffenheit einer Art. Donnerstag, 9 November

Von Simon Worrall

Charles Darwin sorgte zweifelsohne dafür, dass dem ein oder anderen viktorianischen Zeitgenossen der Tee wieder aus dem Mund sprühte, als er den Titel seines Buches „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ las. Darin behauptete Darwin nicht nur, dass Tiere und besonders Vögel ihre Partner nach einem „Sinn für das Schöne“ auswählten, wie er es nannte. Er legte auch nahe, dass die eigenständige sexuelle Wahl (und das Vergnügen) – ein Konzept, das der viktorianischen Gesellschaft ein Gräuel war – eine wichtige Triebfeder der Evolution darstellte.

Richard O. Prum bringt Darwins Ideen in seinem neuen Buch hinüber in das 21. Jahrhundert. „The Evolution of Beauty: How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us“ (dt. Die Evolution der Schönheit: Wie Darwins vergessene Theorie der Partnerwahl die Tierwelt – und uns – formt) lautet der ausführliche Titel seines Werkes. Der Ornithologe Prum, der die Welt bereiste, entdeckte Vögel mit herrlich buntem Gefieder und kunstvollen Gesängen: vom Keulenschwingenpipra, der mit seinen Flügeln eine Art „Elfengitarre“ spielt, bis zum Argusfasan, der potenzielle Partnerinnen mit einem Federkegel voller goldfarbener 3D-Sphären bezirzt.

Von seinem Büro in der Yale Universität im US-Bundesstaat Connecticut aus erklärt er, warum evolutionäre Anpassung nicht allein durch den Kampf ums Überleben erklärt werden kann, warum weibliche Enten Strategien entwickelt haben, um einer Vergewaltigung zu entgehen, und warum Macho-Männchen nicht immer eine Partnerin bekommen.

Ein Großteil Ihres Buches widmet sich dem Sexleben der Vögel. Nehmen Sie uns mit in die merkwürdige Welt des Entensex und erklären Sie uns, warum weibliche Enten trotz der Gewalt, die ihnen wiederfährt, am Ende als Sieger hervorgehen.

Das ist das faszinierende am Entensex: Enten unterscheiden sich insofern von den meisten anderen Vögeln, als dass Erpel einen Penis haben, der analog zum Penis der Menschen und anderen Säugetiere funktioniert. Diese Tatsache ermöglicht es ihnen, die Paarung auf eine Art und Weise zu erzwingen, die anderen Vögeln nicht zur Verfügung steht.

Männchen ohne Partnerinnen versuchen während der Legesaison, Paarungen zu erzwingen. Es gibt sogar sozial organisierte Gruppen von Männchen, die Weibchen verfolgen, um sie zur Paarung zu nötigen. Das ist für weiblichen Enten körperlich richtig schädigend. Sie sind gestresst. Sie fliegen weg oder tauchen und versuchen alles in ihrer Macht Stehende, um das zu verhindern. Manchmal ertrinken sie sogar, weil sich Enten oft im Wasser paaren.

Patricia Brennan, ich und ein paar andere Kollegen haben vor etwa zehn Jahren angefangen, das zu untersuchen. Wir wollten herausfinden, wie der vergleichsweise große Penis der Enten funktioniert und in welchem Verhältnis das zu dem gewaltsamen sexuellen Zwang steht. Wir haben entdeckt, dass einige Entenarten geriffelte oder sogar dornige Penisse entwickelt haben. Richtig bizarres Zeug! [Lacht]

Parallel dazu gab es eine Reihe an Innovationen in den vaginalen Strukturen, darunter auch Sackgassen und Spiralen. Der männliche Penis ist schraubenförmig gegen den Uhrzeigersinn gedreht, während die Vagina bei Arten mit großen Penissen im Uhrzeigersinn gedreht ist.

Wir vermuten, dass dieser Aufbau während der erzwungenen Kopulation eine Penetration verhindern soll. Das lässt sich auch genetisch bestätigen. Wenn erzwungene Paarungen mit einer Häufigkeit von bis zu 50 Prozent auftraten, dann stammen nur zwei bis fünf Prozent der Nachkommen von Männchen außerhalb feststehender Entenpaare ab oder wurden durch erzwungene Paarung gezeugt. Das bedeutet also, dass diese Enten ein Verhütungsmittel in ihrem Körper haben, das eine Effektivität von bis 98 Prozent hat!

Die Weibchen laufen immer noch Gefahr, verletzt zu werden, wenn sie sich wehren. Aber im Angesicht solcher Gewalt behalten sie die Kontrolle darüber, wer ihre Eier befruchtet.

Ihre Forschung machte sogar Schlagzeilen unter dem Titel „Duckpenisgate“ [in Anspielung auf die Watergate-Affäre]. Worum ging es da?

[Lacht] Das war 2013 während einem dieser rituellen politischen Streits über verschwenderische Regierungsausgaben. Das wurde von einer konservativen Nachrichtenquelle losgetreten. Ich vermute, irgendein Praktikant oder Journalist bei einer dieser Webseiten hat unseren finanziellen Zuschuss der National Science Foundation entdeckt, mit dem wir Forschung an Entenpenissen betrieben. Daraus hat er dann News gemacht. Plötzlich redete man auf Fox News und in den ganzen Medien über uns. Andere Medien verteidigten uns auch richtig, aber die Leute waren ziemlich schockiert, als sie erfuhren, dass ihre Steuergelder für Studien der Evolution von Entengenitalien benutzt wurden. Sie wussten ja nicht, dass das wirklich faszinierend ist!

Wir stellen uns die natürliche Selektion oft als das hart umkämpfte Überleben des Stärkeren vor. Aber laut Ihnen ist auch „ein Sinn für das Schöne“, wie Darwin es ausdrückte, eine wichtige Triebfeder der Evolution. Erklären Sie uns, wie das funktioniert und warum dieser Aspekt von Darwins Ideen marginalisiert wurde.

Als Darwin „Die Entstehung der Arten“ schrieb, hatte er noch keine Theorie der Genetik. Er hatte auch noch keine Theorie – oder stellte seine Vermutung zumindest zurück – zur Evolution der Menschheit. Er hatte auch keine funktionierende Theorie für die Evolution von Schönheit, oder „unpraktikabler Schönheit“, wie er es nannte ­– Schönheit also, die keinen Nutzen für das Überleben hat. Er kehrte zurück nach Hause, sinnierte für ein Jahrzehnt oder länger und schrieb dann 1871 ein zweites Buch, „Die Abstammung des Menschen“.

Zu diesem Zeitpunkt war er für seine Theorie der natürlichen Selektion bereits weltberühmt. Daher sorgte sein neues Buch für ziemliche Aufregung. Er wusste, dass viele Menschen [mit seinen Ideen] einverstanden waren. Aber er wusste auch, dass er es mit sehr heiklen Themen zu tun hatte: der Ursprung des Menschen, menschliche Sexualität und Sexualität im Allgemeinen. Er schrieb also ein sehr langes Buch mit vielen Details, bei denen er direkt zur Sache kam, und stellte die sexuelle Selektion als einen eigenständigen Mechanismus der Evolution dar.

Der Mechanismus bestand aus zwei Komponenten: Eine war der Wettbewerb innerhalb eines Geschlechts. Dabei ging es um die Kontrolle oder den Zugang zum anderen Geschlecht. Für gewöhnlich war das ein Wettbewerb zwischen Männchen. Die andere Komponente war die Wahl der Partner durch das andere Geschlecht. Diese Wahl konnte den Weibchen obliegen, von beiden Geschlechtern abhängen oder in der Hand der Männchen liegen, je nach Art. Der Gedanke, dass insbesondere der männliche Wettstreit eine treibende Kraft der Evolution ist, war ein großer Verkaufsschlager im viktorianischen England. Sein anderer Gedanke der Partnerwahl – und insbesondere der Partnerwahl durch Weibchen – war ein Flop.

Selbst seine größten Anhänger kauften ihm das nicht ab. Die Leute waren beunruhigt darüber, dass er Tieren eine kognitive Komplexität unterstellte, die sie unmöglich haben konnten. Dann war da noch das Konzept des weiblichen Eigenwillens: Die Vorstellung, dass Weibchen ihre Partner auf der Basis von Sinneseindrücken wählen – in einer gar unzüchtigen Weise –, war sehr bedrohlich! Ein Teil der ursprünglichen Kritik dieser Vorstellung verurteilte das Konzept sogar als ein Zeichen moralischer Verderbtheit.

Eine ihrer Hauptthesen ist, dass der Kampf um weibliche sexuelle Selbstbestimmung – und Lust – eine entscheidende Rolle in der menschlichen Evolution gespielt hat.Können Sie uns diesen Gedanken näher erläutern?

Darwins ursprünglicher Vorschlag für die Partnerwahl war ganz explizit ästhetisch motiviert. Er dachte, dass Tiere ihre Partner basierend auf dem Gefallen wählen, den sie daran haben, sie zu beobachten und auszuwählen. Das war eine explizite Erklärung dafür, warum dekorative Elemente in der Natur schön sind. Sie sind schön, weil sie auch für die Tiere selbst schön sind.

Bei Laubenvögeln beispielsweise haben Weibchen ihre persönlichen Vorlieben genutzt, um die Männchen weniger aggressiv und dafür ergebener zu machen. Die weiblichen Laubenvögel machen die ganze Arbeit: Sie bauen das Nest, legen die Eier und ziehen die Jungen auf. Aber sie müssen einen Partner wählen.

Das machen sie auf Basis der Qualität und Schönheit einer Laube. Die Männchen bauen so eine Laube, die eine Art Verführungstheater ist, in dem die Brautwerbung stattfindet. Zusätzlich sucht das Männchen eine Reihe hübscher Gegenstände wie Blumen, Schmetterlinge oder weißer Steine zusammen und stellt daraus eine große Anordnung an interessanten Dingen zusammen.

Wenn ein Weibchen zu Besuch kommt, dann wirkt die Architektur der Laube attraktiv, aber auch schützend. Sie gewährt ihr Zuflucht, damit sie dem Männchen ganz nah sein und es umherstolzieren sehen kann, während sie selbst davor geschützt ist, gewaltsam vom Männchen zur Paarung gezwungen zu werden.

Es gibt den Laubentypus namens Allee. Die bekannten Seidenlaubenvögel bauen solche Lauben mit zwei parallelen Wänden. Das Weibchen hockt dann zwischen den Wänden und schaut vorn heraus auf das Männchen und sein Sammelsurium an Dingen. Wenn das Männchen sich paaren will, muss es um die Laube herumgehen und das Weibchen von hinten besteigen. Aber wenn ihr das nicht gefällt, wenn sie noch nicht so weit ist und ihm lieber noch etwas zusehen möchte, schlüpft sie einfach vorn wieder raus. [Lacht]

Sie legen ebenfalls den Schluss nahe, dass weibliche Paarungspräferenzen die männlichen Körper geformt haben – und sogar die Männlichkeit selbst. Wie das?

Das zeigt sich bei Laubenvögeln: Die Weibchen bekommen dramatische und sogar stürmische Darbietungen geboten, weil diese stimulierend sind und die Weibchen ihre Eigenständigkeit bewahren können. Das lässt sich auch perfekt auf Menschen übertragen. Das Problem bei Menschen ist, dass ihre Evolution hauptsächlich durch natürliche Selektion oder Wettstreit zwischen Männchen beschrieben wurde. Das Konzept der Partnerwahl – und insbesondere der Partnerwahl durch Weibchen – hat bisher nur eine sehr kleine Rolle dabei gespielt.

Nach all meiner Arbeit an Vögeln war ich fasziniert davon, dass einige dieser Gedanken zur Partnerwahl und sexuellen Selbstbestimmung spannende und interessante Erklärungen für die Ursprünge sozialen und sexuellen Verhaltens beim Menschen lieferten. Männliche Primaten zum Beispiel haben fast alle tödliche Waffen in Form langer Eckzähne im Gesicht. Diese schärfen sich beim Kauen von selbst an den Zähnen im Unterkiefer. Unsere nächsten Verwandten, Schimpansen und Gorillas, haben sehr auffällige Fangzähne – zumindest die Männchen.

Die Frage ist: Unter welchen Umständen büßten menschliche Männer diese Waffen ein? Der Erklärungsvorschlag ist, dass – ähnlich wie bei den Laubenvögeln – die menschliche Partnerwahl dem vorausgegangen ist. Indem Weibchen solche Waffen wie Eckzähne unsexy gemacht haben, konnten sie mehr Männchen bekommen, die sie mochten. Es gibt eine Menge Daten, die zeigen, dass die größten, haarigsten und kräftigsten Exemplare nicht immer die bevorzugten Kandidaten der Weibchen sind. [Lacht]

Sie beschreiben das Geräusch der Flügel von Keulenschwingenpipras als „Feedback einer Elfengitarre“. Erzählen Sie uns etwas über die erstaunlichen Eigenschaften, die diese Klänge möglich machen.

Die männlichen Keulenschwingenpipras erzeugen diese Klänge durch Zirpen, so wie Grillen. Eine sekundäre Feder des Flügels reibt ihre gebogene Spitze über die Dellen an der Spitze der Nachbarfeder – ein bisschen wie ein Bogen, der über die Saiten einer Violine streift. Diese mechanische Interaktion erzeugt durch die Federn ein Geräusch, das man noch in 90 Metern Entfernung hören kann. 

Meine ehemalige Studentin an der Cornell Universität, Kim Bostwick, hat gezeigt, dass die Flügelknochen des Männchens wirklich gewaltig sind, damit es diese Klänge erzeugen kann. Besonders die Elle, an der die Federn befestigt sind, ist sehr dick. Sie ist außerdem massiv, wie Elfenbein. Das ist erstaunlich! Selbst der T. rex hatte eine hohle Elle. Daran sieht man, wie uralt dieses Merkmal ist.

Um Geräusche zu erzeugen, müssen die Flügelknochen der männlichen Keulenschwingenpipras sich zu einer Struktur entwickelt haben, die sowohl dem Fliegen dient – wie bei allen Vögeln – aber auch der Balz, in diesem Fall dem Musizieren. Wir haben vor Kurzem entdeckt, dass sich auch die Flügelknochen der Weibchen verändert haben. Sie sind nicht massiv, aber sie sind drei- oder viermal so breit wie die Flügelknochen verwandter Pipraarten. Indem sie also Männchen basierend auf den Klängen ausgewählt haben, die ihnen gefallen, haben die Weibchen ihre Flügel so verändert, dass sie damit nicht mehr so gut fliegen können. Das ist, wie ich finde, eine Art evolutionärer Dekadenz.

Die ganze Art ist jetzt weniger überlebensfähig wegen dieser ästhetischen Verfeinerung. Wenn man die ästhetische, darwinsche Sicht auf die Natur übernimmt, ist die Schönheit des Gefieders und der Gesänge der Vögel ein Ergebnis von 10.000 verschiedenen Schönheitsidealen, die sich durch die komplizierte Geschichte der Partnerwahl entwickelt haben. Diese Sichtweise hat meine Forschungen in den letzten Jahren inspiriert. Sie zählt zu den aufregendsten Dingen, die ich in meinem Buch verständlich machen will.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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