Tiere

Diese Hunde stimmen per Niesen ab

Afrikanische Wildhunde scheinen bestimmte Entscheidungen auf eine Art und Weise zu treffen, die uns ein „Gesundheit!“ entlocken würde.Donnerstag, 9. November 2017

Von Traci Watson

Demokratie ist keine rein menschliche Angelegenheit. Neue Forschungen lassen vermuten, dass Afrikanische Wildhunde ebenfalls nach dem Konsensprinzip entscheiden – und sie stimmen per Niesen ab.

Das hündische Äquivalent zum „Hatschi!“ scheint bei einigen Gruppen der Wildhunde als Stimme zu zählen. Die entsprechenden Tiere leben in Botswana und sind entfernt mit Haushunden verwandt. Die Wildhunde begeben sich nur dann auf die Jagd, wenn es bei einer Zusammenkunft des Rudels genug Nieser gibt, beschreibt eine Studie, die im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society B“ erschienen ist.

Für die Hunde ist das Niesen „eine Kommunikationsform“, sagt die Co-Autorin der Studie Reena Walker. Sie führte die Untersuchungen als Studentin der Brown Universität und als Forschungstechnikerin des Botswana Predator Conservation Trust durch. „Das Niesen dient als eine Art Signal, welches die Entscheidungsfindung formt.“

Einige Wildhunde, wie der hier abgebildete im Selinda Reserve in Botswana, nutzen womöglich Niesen, um darüber abzustimmen, ob sie jagen gehen.

Ursprünglich wollten Walker und ihre Kollegen untersuchen, wie die Wildhunde in Botswana ihr Territorium markieren. Dann waren sie aber fasziniert von einem merkwürdigen Verhalten ihrer Studienobjekte. „Wir haben uns alle zu fragen begonnen, warum diese Hunde so viel Niesen“, sagt Walker.

Wie Menschen niesen auch Hunde durch einen kurzen, starken Luftstoß aus ihrer Nase. Manche Hunde niesen, wenn sie ruhen. Die meisten Nieser traten jedoch während einer Art Ritual auf, das vor der Jagd stattfindet und als Rally bezeichnet wird.

Wenn man sich die Aufregung eines Hundes vorstellt, wenn Herrchen oder Frauchen von der Arbeit nach Hause kommt, hat man eine gute Vorstellung von der Stimmung bei einer Wildhunde-Rally, sagt Walker. Für einige Minuten berühren die Wildhunde gegenseitig hektisch ihre Köpfe, wedeln mit dem Schwanz und rennen nebeneinander her. Mit diesen Verhaltensweisen stärken sie ihre sozialen Bindungen.

Walker und ihre Kollegen beobachteten dabei fünf Rudel, die jeweils aus vier bis 15 ausgewachsenen oder fast ausgewachsenen Hunden bestanden. Manche der Rallys endeten damit, dass die Hunde zur Jagd aufbrachen. Einige verliefen jedoch im Sande. Dann legten sich die Hunde wieder im Schatten schlafen, oft eng aneinandergeschmiegt.

Die Forscher bemerkten ein Muster: Je mehr auf einer Rally geniest wurde, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Hunde im Anschluss zur Jagd aufbrachen. Wenn einer der hochrangigen Hunde die Rally „einberief“, brauchte es nur drei Nieser, um das Rudel auf Beutefang zu schicken. Wurde sie durch ein Rudelmitglied von niederem Rang initiiert, brauchte es zehn Nieser, um einen Aufbruch zur Jagd zu garantieren.

Ein Rudel Afrikanischer Wildhunde in Botswana. Die Forscher beobachteten, dass der Rang des Mitglieds, das eine Rally initiiert, die Anzahl der nötigen Nieser für eine Jagd beeinflusst.

Die Forscher können nicht sichergehen, dass die Nieser wirklich das Äquivalent einer Ja-Stimme bei einer Abstimmung für eine Jagd sind. Aber Walker weist zumindest auf die unterschiedliche Zahl der benötigten Nieser hin, um eine Jagd zu garantieren.

Ihre Erkenntnisse offenbaren zudem eine weitere Ebene der Komplexität in der sozialen Struktur der Hunde, die sonst oft eher autokratisch wirkt. Nur die Welpen des Alphamännchens und Alphaweibchens überleben bis ins Erwachsenenalter. Die niederrangigen Rudelmitglieder füttern die Welpen der Anführer und passen auf sie auf.

Die Studie zum Niesverhalten lässt vermuten, dass Rudel Afrikanischer Wildhunde nicht so autokratisch sind, wie man annahm.

Die neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Hunderudel „nicht wirklich despotisch ist“, so Walker. „Es gibt einen demokratischeren Prozess für tägliche Aktivitäten und Gruppenentscheidungen.“

Die Forschungsergebnisse scheinen solide, urteilt der National Geographic Explorer Dedan Ngatia, ein Karnivorenforscher am Mpala Research Center in Kenia. „Ich hätte ehrlich gestanden nie gedacht, dass Niesen ein wichtiger Faktor sei ... Das ist eine wirklich große Erkenntnis!“ Er möchte nun herausfinden, ob die Rudel, die er untersucht, Entscheidungen ebenfalls per Niesen treffen.

Die Beschreibung der Studie sei „faszinierend“, sagt Harriert Davies-Mostert vom Endangered Wildlife Trust in Südafrika. Sie und andere Kollegen, die Wildhunde-Rallys beobachtet haben, haben bisher kein auffälliges Niesverhalten beobachten können. Daher vermutet sie, dass es vielleicht nur von den Wildhunden in Botswana verwendet wird. Sie würde außerdem gern noch weitere Forschung zu dem Thema sehen, die bestätigen soll, dass es sich nicht nur um eine Antwort auf andere Auslösereize handelt, die die Hunde wahrnehmen können.

Walker hat ihre ganz eigenen Hoffnungen für die Forschungsergebnisse: Sie hofft, dass sie die Aufmerksamkeit für bedrohte Arten erhöhen wird. Es gibt auf dem ganzen afrikanischen Kontinent laut der letzten offiziellen Zählung nur noch etwa 6.600 Afrikanische Wildhunde. Die Zerstückelung ihres Lebensraumes und Krankheiten wie Tollwut sorgen dafür, dass ihre Zahl weiter schrumpft.

„Es sind absolut fantastische Tiere, die auf Kooperation und ihr familiäres Rudel ausgerichtet sind“, sagt Walker. „Je mehr Menschen bewusst wird, wie großartig diese Tiere sind, desto besser.“

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