Tiere

Ameisen retten verletzte Artgenossen und behandeln ihre Wunden

Ein paar ausgeklügelte Strategien sorgen für eine erstaunlich hohe Überlebensrate der verletzten Tiere.Donnerstag, 15. Februar 2018

Von Christie Wilcox

Ameisen der Art Megaponera analis, die in Subsahara-Afrika heimisch ist, überfallen Termitenkolonien und fressen die Insekten zu Hunderten. Dabei riskieren sie potenziell lebensbedrohliche Bisse, da die Termitensoldaten ihre Kolonie verteidigen. Allerdings war es etwas Anderes, das das Interesse des Myrmekologen Erik. T. Frank geweckt hat: Nach dem Angriff tragen die Ameisen ihre verletzten Artgenossen zurück zum Nest – eine Entdeckung, die Frank bereits 2017 gemacht hatte.

Dieser „Krankentransport“ ist allerdings nicht die einzige Leistung im Gesundheitssystem der Ameisen. Zurück im Nest wechseln sich die gesunden Ameisen mit der Pflege der Verletzten ab. Mit ihren Mandibeln und Vorderbeinen halten sie beispielsweise ein verletztes Bein sachte fest und „lecken“ die Wunde für bis zu vier Minuten am Stück.

Es ist das erste Mal, dass man bei Tieren ein systematisches Pflegeverhalten für verletzte Artgenossen beobachten konnte. Frank und seine Kollegen beschrieben das Verhalten in einer Studie, die in „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht wurde.

„Ich hätte nicht gedacht, dass die Ameisen ein so ausgeklügeltes Behandlungssystem für die Verletzten haben würden – oder dass das überhaupt notwendig wäre“, erzählte Frank National Geographic.

Während der Forschungen war er ein Doktorand an der Universität Würzburg. Er hatte sich gefragt, was wohl mit den verletzten Ameisen geschah, sobald ihre Kameraden sie ins Nest gebracht hatten. Zusammen mit seinen Kollegen von der Forschungsstation des Nationalparks Comoé im Nordosten der Elfenbeinküste baute er künstliche Nester mit einer durchsichtigen Abdeckplatte. So konnte eine Infrarotkamera das Treiben im Inneren aufnehmen.

Sobald sie wieder im Nest waren, untersuchten die Ameisen ihre verletzten Kameraden ganz genau: Sie ließen ihre Fühler doppelt so oft über die verletzten Artgenossen gleiten wie über gesunde.

Dieses Verhalten stellte sich als äußerst wichtig heraus: 80 Prozent der verletzten Ameisen starben binnen 24 Stunden, wenn sie isoliert wurden. Mit der Pflege ihrer Artgenossen starb aber nur ein Zehntel. Interessanterweise überlebten 80 Prozent auch ohne Behandlung, sofern sie in einer sterilen Umgebung gehalten wurden. Daher vermutet Frank, dass Infektionen die häufigste Todesursache sind und dass das Leckverhalten dabei helfen könnte, sie zu vermeiden.

Es wurde schon häufig beobachtet, dass Tiere ihre eigenen Wunden behandeln. Es gibt aber nur sehr wenige Anekdoten darüber, dass Tiere sich um die Verletzungen eines anderen kümmern – wie beispielsweise ein weiblicher Gehaubter Kapuziner, der die Kopfverletzung seines Nachwuchses behandelte.

PRIORITÄTEN SETZEN

Bei seinen früheren Studien hatte Frank bereits entdeckt, dass verletzte Ameisen ein Pheromon ausstoßen, welches wie eine Art Signalfeuer wirkt und Artgenossen darauf aufmerksam macht, dass jemand Hilfe braucht. Dieses Mal bemerkte er aber noch eine weitere Strategie: das Hochspielen der eigenen Verletzungen. Wenn keinerlei Hilfe in Sicht war, liefen die verletzten Ameisen schnurstracks in Richtung Nest zurück. Wenn aber Artgenossen in der Nähe waren, stolperten und fielen sie, um schwerer verletzt zu wirken, als sie es eigentlich waren, und so Hilfe anzulocken.

Das taten die Ameisen allerdings nur, wenn ihre Verletzungen nicht lebensgefährlich waren. Tödlich verletzte Ameisen – solche, denen Frank fünf anstatt nur zwei Beine entfernt hatte – wurden von ihren Artgenossen sowohl in Feld- als auch in Laborversuchen meist zurückgelassen. Eine solche Priorisierung macht durchaus Sinn, da die Ameisen auf diese Weise keine Ressourcen verschwenden, wenn sie sich um einen hoffnungslosen Fall kümmern. Die verletzten Ameisen, die sich erholten, beteiligten sich auch wieder an Angriffen auf Termiten, trotz ihrer verlorenen Gliedmaßen. Frank stellte fest, dass sie mehr als ein Fünftel dieser Stoßtrupps ausmachten, obwohl ihr Gesamtanteil an der Kolonie nur fünf Prozent betrug.

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Selbst, wenn Frank die schwerverletzten Ameisen mit dem Rettungspheromon übergoss, wurden sie von ihren Kameraden zurückgelassen. Erst eine genaue Videoanalyse offenbarte den Grund dafür. Es war nicht so, als würden die gesunden Ameisen ihre Hilfe verweigern. Die sterbenden Ameisen verweigerten die Behandlung: Sie strampelten mit den Beinen, wenn sie untersucht oder hochgehoben wurden. Damit zwangen sie ihre Helfer förmlich dazu, sie zurückzulassen. Das überraschte Frank.

„Wenn Menschen eine Behandlungsreihenfolge festlegen müssen, entscheidet der Arzt darüber, wer Hilfe bekommt. Es ist ein reguliertes Top-Down-System“, sagt er. „Bei den Ameisen ist es genau umgekehrt.“

Helen McCreery, eine Postdoktorandin an der Michigan State Universität, untersucht das Sozialverhalten von Ameisen. Sie ist von der neuen Studie fasziniert, findet aber auch, dass dieses Verhalten evolutionär einleuchtend ist. „Wozu den Artgenossen retten, wenn er sowieso nicht überleben wird?“, fragt sie. „Trotzdem: Als ich gelesen habe, dass sie ihre Verletzten nach Hause tragen, hätte ich nicht gedacht, dass sie die Wunden behandeln.“

Man müsse noch viel darüber lernen, warum, wann und wie soziale Insekten versuchen könnten, einander zu retten, sagt sie. „Es ist durchaus wahrscheinlich, dass es noch andere Ameisenarten oder soziale Insekten gibt, die sich um ihre Verletzten kümmern.“

Genau damit beschäftigt sich Frank nun als Postdoktorand an der Universität Lausanne in der Schweiz.  Außerdem will er die bereits untersuchte Art eingehender studieren, um herauszufinden, ob das Pflegeverhalten nur Infektionen verhindert oder eventuell vorhandene Infektionen bekämpft. Womöglich könnte diese Forschung auch zur Entwicklung einer neuen Art von Antibiotika führen.

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