„Wir müssen wieder lernen, mit dem Wolf zu leben“

Wie gelingt das Zusammenleben von Mensch und Wolf in einem so dicht besiedelten Land? Im Gespräch: Dietlinde Klein, Vorstandsmitglied der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe.Freitag, 27. April 2018

Frau Klein, Tierfreunde und Naturschützer waren begeistert, als sich im Jahr 2000 die ersten Wölfe wieder dauerhaft in Deutschland ansiedelten. Doch es mehren sich auch kritische Stimmen. Sind Ängste und Unsicherheiten berechtigt?

Rund 150 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgestorben. Natürlich müssen wir Ängste und Unsicherheiten ernst nehmen. Deshalb ist es umso wichtiger, darüber aufzuklären, dass grundsätzlich von Wölfen keine Gefahr für Menschen ausgeht. Seit Mitte der 1970er-Jahre sind in den europäischen Wolfsgebieten mit rund 20.000 Wölfen keine Angriffe auf Menschen mehr dokumentiert. Unsere Angst vor Wölfen ist unbegründet.

Experten erwarten auch die dauerhafte Rückkehr des Wolfs ins einwohnerstärkste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Kommt der Wolf uns womöglich zu nahe?

Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Sie brauchen keine Wildnis, sondern kommen auch in unserer Kulturlandschaft gut zurecht – vorausgesetzt, es gibt einen großen Bestand an wilden Beutetieren und ausreichend ungestörte Bereiche für die Welpenaufzucht. Ein Rudel, das etwa zehn Tiere umfasst, braucht eine Reviergröße von circa 250 km². Das ist eine große Fläche und entspricht 35.000 Fußballfeldern. Für eine dauerhafte Besiedlung in NRW kommen also nur wenige Gebiete wie die Eifel, das Sauerland oder die Senne infrage. Selbst in einem Wolfsgebiet ist es übrigens äußerst unwahrscheinlich, auf einen Wolf zu treffen.

Und falls es doch zur überraschenden Begegnung im Wald kommt?

Dann sollte man sich ruhig und unaufgeregt verhalten wie bei jedem anderen Wildtier auch und sich kontrolliert zurückziehen. Hunde sollten an der Leine geführt werden, weil der Wolf sie als Konkurrent im Revier betrachten könnte. Wolfssichtungen sollten unbedingt den jeweiligen Landesämtern für Natur oder den zuständigen Wolfsberatern gemeldet werden. Mir ist es übrigens bislang leider noch nicht gelungen, in Deutschland einen Wolf in freier Wildbahn zu sehen – obwohl ich für unseren Verein regelmäßig in Wolfsgebieten unterwegs bin.

Gibt es Wölfe, die aktiv die Nähe des Menschen suchen?

Erwachsene Wölfe sind grundsätzlich sehr scheu und meiden menschliche Nähe. Jungtiere dagegen, sogenannte Jährlinge, sind von Natur aus neugierig. Immer wieder liest man, es komme nicht vor, dass Wölfe auch durch Dörfer laufen. Doch das stimmt so nicht. Es ist durchaus möglich, weil Wölfe zwar Menschen, aber nicht menschliche Einrichtungen wie Häuser oder Scheunen meiden. Wenn das bei Tag geschieht, handelt es sich hierbei in der Regel um eben solche neugierigen Jungtiere. Ein problematisches Szenario kann entstehen, wenn der Mensch Wölfe anfüttert. Dadurch verlieren sie ihre natürliche Scheu und suchen dann womöglich gezielt Siedlungen oder Nutztierhaltungen auf, weil sie damit eine erfolgreiche Nahrungssuche verbinden. Es ist also wichtig, dass Wölfe ihre Nahrung nicht in menschlicher Nähe finden.

Gerade Weidetierhalter sind skeptisch, ob das Zusammenleben von Mensch und Wolf in einem so dicht besiedelten Land wie Deutschland überhaupt funktionieren kann …

… deshalb brauchen sie unsere gesellschaftliche Unterstützung – und zwar voll und ganz. Es gibt zwar staatliche Hilfen für Weidetierhalter. Doch oft dauert es von staatlicher Seite zu lange, bis etwas geschieht. Ein wolfsicherer Herdenschutz durch Elektrozäune, Herdenschutzhunde und andere Maßnahmen ist in der Regel mit zusätzlichen Kosten und viel Arbeit verbunden. Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe hilft hier beispielsweise durch die kostenlose Bereitstellung von Herdenschutzhunden, die wir über Spenden finanzieren. Der Wolf hat nur eine Zukunft, wenn auch den Schäfern geholfen wird.

Müssen Wölfe bejagt werden, um Weidetiere und Wildbestand zu schützen?

Zunächst einmal ist der Wolf durch internationales Recht strengstens geschützt und darf weder gestört, gefangen oder getötet werden. Davon abgesehen ist es jetzt schon möglich, so genannte Problem-Tiere zu „entnehmen“, wie die offizielle Bezeichnung für die gezielte Tötung lautet. Forderungen, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen, sind aber nicht nur ökologisch sinnlos, sondern auch kontraproduktiv. Deutschland ist überaus reich an Wild und der Wolf ist ein wichtiger Regulator – eine Aufgabe, die in den letzten 150 Jahren ausschließlich den Jägern zukam. Trotz stetig steigender Abschusszahlen sind die Wilddichten immer noch deutlich zu hoch. Wenn Wölfe geschossen werden, dauert es nicht lange, bis andere Artgenossen das Gebiet neu besiedeln. Deshalb kann nur konsequenter Herdenschutz die Nutztiere vor Übergriffen schützen. Wenn Alttiere getötet werden, zerstört das außerdem die bestehende Rudelstruktur. Jungtieren fehlt dann die Orientierung für ein artgemäßes natürliches Verhalten.

Gibt es womöglich schon zu viele Wölfe in Deutschland?

Experten gehen davon aus, dass zwischen 500 und 1000 erwachsene Wölfe in Deutschland nötig sind, um einen so genannten günstigen Erhaltungszustand zu erreichen. Erst dann gilt die Population als überlebensfähig. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Als Top-Prädator an der Spitze der Nahrungspyramide ist der Wolf für unser Ökosystem eine absolute Bereicherung. Es gibt nicht zu viele Wölfe in Deutschland – wir müssen nur wieder lernen, mit ihnen zu leben.

Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V.

Seit 1991 hat es sich die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe zur Aufgabe gemacht, den Wölfen in Deutschland zu helfen und sie zu schützen. Im Zentrum der Aktivitäten stehen Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung, die Kooperation mit öffentlichen und nicht-öffentlichen Stellen, Symposien und andere Veranstaltungen sowie Hilfsmaßnahmen für betroffene Bevölkerungsgruppen wie etwa Weidetierhalter. Weitere Informationen und Publikationen zum Download unter: www.gzsdw.de

Wölfe

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Italien: Wölfe und Haustiere

Ein Wolfsrudel in den italienischen Abruzzen verhält sich einem Pferd gegenüber friedlich. Mitunter töten Wölfe Pferde auch, weshalb dieses Verhalten eher ungewöhnlich ist.
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