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Streitfrage Wolf: Warum der Schutz der Raubtiere die Gesellschaft spaltet

In den USA verläuft die Diskussion über den Schutz der Wölfe mitunter ähnlich hitzig wie die Abtreibungsdebatte.Thursday, November 9

Von Simon Worrall
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Bis vor Kurzem hatten nur sehr wenige Menschen in den USA jemals einen Wolf in der Wildnis gesehen. Aber dank dem Erfolg des Wiederansiedelungsprogramms im Yellowstone-Nationalpark haben zunehmend mehr Menschen die Chance, dieses symbolträchtige Tier zu bewundern. Für viele Rancher gelten Wölfe – ebenso wie Kojoten – jedoch als Schädlinge, die man ausmerzen sollte. Für Jäger und Pelzjäger hingegen stellen die eine aufregende Beute dar.

In „Wolf Nation: The Life, Death, and Return of Wild American Wolves“ (dt. Wolfsnation: Das Leben, Sterben und die Rückkehr der wilden amerikanischen Wölfe) entführt Brenda Peterson den Leser in die Welt dieser Raubtiere – und in den kulturellen Krieg, der ihretwegen ausgetragen wird. Von ihrem Zuhause in Seattle aus erklärt sie, warum der Kampf um die Wölfe ebenso hitzig wie die Abtreibungsdebatte geführt wird, warum es in den letzten Jahren zu mehr als 3.000 Tötungen von Wölfen kam und warum so viele Wolfsanwälte Frauen sind.

Heutzutage sind Sie eine leidenschaftliche Fürsprecherin der Wölfe. Sie wurden allerdings sozusagen auf der anderen Seite geboren, hinein in eine Familie von Jägern und Vertretern des Wildtiermanagements. Wie fand dieser Seitenwechsel statt und welchen Einfluss haben Ihre frühen Erfahrungen auf Ihre Arbeit?

Wundervolle Frage! Ich wuchs tatsächlich sozusagen im feindlichen Lager auf, im Plumas National Forest in der Sierra im Norden Kaliforniens, inmitten von Jägern und Wildtiermanagern. Aber viele Jäger glauben nicht daran, dass man Wölfe einfach töten sollte. Sie glauben an nachhaltiges Jagen und an die Ethik der fairen Jagd. Ich wuchs unter einigen dieser Jäger auf, die mir gesagt haben: „Das ist der große liebe Wolf.“ Ich denke, das verleiht mir eine gewisse Authentizität, wenn es um Themen wie Wildtiere und gefährdete Arten geht. Weil ich aus der Kultur komme, die sie einst ausrottete, kann ich mit Jägern und Ranchern sprechen – und nach einem gemeinsamen Nenner suchen.

Sie schreiben, dass der Erhalt des Wolfes oft als „Abtreibungsfrage der Tierwelt“ bezeichnet wurde. Warum sind die Lager so stark polarisiert?

Man hat es hier mit einer Verwerfungslinie zwischen Kulturen zu tun. Wie wir aus Erdbebenstudien wissen, sind Verwerfungslinien sehr unbeständig und aktiv. Auf beiden Seiten hat man Menschen, die auf Basis eines starken Gerechtigkeitsgefühls für ihre Sache einstehen.  Eine der Seiten, die Jäger und Rancher, ist seit unserem Beginn als Nation die dominante Seite. Jetzt werden plötzlich auch Stimmen aus der breiten Öffentlichkeit laut. [Die Menschen dort] sind oft eher städtisch und haben ein Faible für die Natur und Umwelt.

Es gibt eine Leidenschaft, die tiefer geht als die Politik. Man hat dieses Gefühl, zu einer Kultur zu gehören. Man gehört entweder zur Anti-Wolf-Kultur oder zur Pro-Wolf-Kultur. Und diese beiden Seiten sprechen nicht miteinander, genau wie beim Thema der Abtreibung. Dort hat man Menschen mit streng religiösen Ansichten zum Schutz des Lebens und andere, die das Recht auf Selbstbestimmung vertreten. Eine der Möglichkeiten, wie man diesen Zustand ändern kann, ist, miteinander zu reden.

Sie behaupten, dass das Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten 2015 mindestens 3,2 Millionen wilder Tiere getötet hat, darunter Hunderte Bären, Wölfe, Pumas und Luchse. Können Sie diese schockierenden Zahlen für unsere Leser erklären? Und in welchem Umfang sind Wölfe in dieser Statistik vertreten?

Da geht es um Wildlife Services [Anm. d. Red.: ein Regierungsprogramm zur Intervention, wenn wilde Tiere die öffentliche Gesundheit und Sicherheit sowie die Landwirtschaft, Eigentum und natürliche Ressource bedrohen]. Die „New York Times“ warf ihnen vor, im Schatten der Regierung zu agieren. Sie sind es, die gerufen werden, wenn ein Wolfsrudel ausgemerzt werden soll, das angeblich Vieh gerissen hat. Und ihnen sind keine Grenzen auferlegt. Wildlife Services sind ein SWAT-Team zur Bekämpfung der Wildtiere. Weil sie im Geheimen agieren, ist es schwer, Statistiken zu finden. Sie machen, was sie wollen. Dass sie jetzt aus den Schatten treten und zur Verantwortung gezogen werden, ist eine neue Entwicklung.

Wie viele von diesen 3,2 Millionen Tieren waren Wölfe?

Von den 3,2 Millionen heimischen Wildtieren, die 2015 vom Landwirtschaftsministerium/Wildlife Services getötet wurden, waren laut den Daten ihres eigenen Berichts 415 Wölfe. Das Landwirtschaftsministerium/Wildlife Services ist aber nicht die einzige Bedrohung für diese Tiere. 2011 wurde der bundesstaatliche Schutz für Wölfe in sechs Staaten aufgehoben: Montana, Idaho, Wyoming, Minnesota, Wisconsin und Michigan. Das Center for Biological Diversity [eine gemeinnützige Organisation zum Schutz der Artenvielfalt] schätzt, dass während der staatlich genehmigten Jagd- und Fangsaisons in diesen sechs Staaten seit 2011 mehr als 3.762 Wölfe durch Privatpersonen getötet wurden.

Präsident Trump und die Republikaner möchten den Endangered Species Act [Erlass zum Schutz gefährdeter Arten] aufheben und die staatlichen Ländereien der öffentlichen Hand entziehen. Welche Auswirkungen hätte das auf die Wolfpopulationen?

Das ist eine Katastrophe für alle Wildtiere. Das ist ein Präsident, der keinerlei Erfahrung mit der Natur hat. Er ist ein Stadtjunge. Die Beziehung seines Sohns zur Natur besteht aus Großwildjagd. Und wir haben einen Kongress, der sich daran beteiligt, den Endangered Species Act zu kippen.

Wir haben in den 90ern große Fortschritte mit der Wiederansiedelung gemacht, aber das hier ist ein richtiger Rückschritt. Es ist eine beängstigende Zeit für alle Wildtiere, besonders für Wölfe. Kürzlich habe ich ein Interview mit einer Frau von Defenders of Wildlife [eine gemeinnützige Naturschutzorganisation] geführt und sie war verzweifelt. Sie sagte, dass sie in Wyoming – wo der Schutz für Wölfe gerade aufgehoben wurde – einen Anruf von einem Mann bekommen hat. Er gab damit an, dass er sich auf sein Schneemobil gesetzt und einen wilden Wolf über 50 Kilometer gejagt hat, bis er vor Erschöpfung zusammengebrochen ist. Dann hat er ihn erschossen.

Ich war überrascht zu erfahren, dass Wölfe jetzt Anwälte haben. Erzählen Sie uns etwas über die großartige Frau Amaroq Weiss – und warum es in dem Bereich so viele Frauen gibt.

Das fand ich sehr interessant. Ich habe viel Zeit mit Walen und Delfinen verbracht, meiner anderen großen Wildtierleidenschaft. Die meisten der Leute in dem Bereich sind Männer. Man entdeckt gerade, dass Wölfe matrilinear sind. Und Frauen wie Amaroq Weiss stehen an der Spitze der Debatten um Wölfe. Ich habe Amaroq gefragt: „Was glaubst du, warum so viele Frauen im Bereich der Wolfsforschung und -bestandserholung arbeiten?“ Sie sagte: „Dafür braucht man ein Rudel, und Frauen sind sehr gut im Zusammenarbeiten.“

In Idaho haben Rancher und Naturschützer zusammengearbeitet, um sowohl Schafe als auch Wölfe zu schützen.

Amaroq lebt mit ihrem Mann in San Francisco und ist beim Center for Biological Diversity die Wolfsanwältin für die Westküste. Sie versteht die Denkweise der ländlichen Bevölkerung. Darum arbeitet sie auch mit Ranchern zusammen und mit anderen Wolfsanwälten, denen sie beibringt, vor Gericht im Interesse der Wölfe zu sprechen. Sie sagt: „Mein Klient ist der wilde Wolf.“ Das ist ziemlich cool.

Sie schreiben: „Manche Wölfe, ebenso wie Menschen, sind Legenden.“ Erzählen Sie uns die erstaunliche Geschichte des Wolfs, der als 06 (oder 832F) bekannt ist – und warum sie die Aufmerksamkeit der Nation erregt hat.

06 war der berühmteste Wolf der Welt. Sie wurde 2006 geboren, daher ihr Name „06“. Ihre Geschichte – wie die vieler Wölfe des Yellowstone – ist legendär. Sie war sehr eigenständig. Als sie sich von ihrem verhungernden Rudel trennte, dachten alle, sie würde auch sterben. Nur 20 Prozent aller Wölfe sind überhaupt je allein unterwegs. Im Normalfall suchen sie nach neuen Rudeln oder Partnern. Aber 06 verbrachte ein ganzes Jahr allein. Es braucht eine Menge Mut, um den Winter zu überleben.

Sie hat ihre neuen Partner schließlich gefunden. Es waren zwei Brüder, die jung und noch recht ahnungslos waren. Aber sie hat entschieden, dass zwei Partner besser als einer wären. Mit der Zeit brachte sie ihnen das Jagen bei und sie hatten viele Welpen zusammen. Man hat sie oft jagen sehen, selbst wenn sie gerade trächtig war oder säugte. Schließlich hatten auch die beiden Brüder den Dreh raus und wurden selbst zu richtig guten Jägern.

Wenn man 06 mal gesehen hat, vergisst man sie nie wieder, weil sie so schön, stattlich und beeindruckend war. Sie konnte allein einen Elch reißen. Einen über 300 Kilogramm schweren Elch – das ist außergewöhnlich! 

Ist sie eines natürlichen Todes gestorben?

Tragischerweise nein. Und genau deshalb sind alle so besorgt darüber, dass nun wieder gejagt werden wird. Wölfe verstehen nicht, dass sie sich in einem Park befinden. Wenn sie eine Pfote über die Parkgrenze setzen, sind sie plötzlich Freiwild für Jäger. Weil 06 eine große Familie zu ernähren hatte, wagten sie und ihre Familie sich manchmal auch aus dem Park heraus. Beim ersten Mal wurde einer der Brüder erschossen. Sie sind dann alle zurück in die Sicherheit des Parks gehastet. Als sie ihn später nochmals verließen, erschoss ein Jäger 06. Es war „ein Schuss, den man auf der ganzen Welt hören konnte“, genau wie der, der John Lennon getötet hat.

Eine Studie der Universität von Cambridge in Großbritannien hat sich mit dem Heulen der Wölfe, ihren „stimmlichen Fingerabdrücken“ beschäftigt. Was hat man herausgefunden?

Wissenschaftler bezeichnen das Heulen der Wölfe auch als sozialen Kleber. Das ist wie bei Menschen, die zusammen um ein Lagerfeuer sitzen und singen. Es baut soziale Bindungen, Intimität und Loyalität auf. Ich habe viele Wölfe in der Wildnis heulen gehört und glaube, dass sie manchmal einfach singen, um Musik zu machen, genau wie wir.

Die Wissenschaftler von Cambridge haben sogar herausgefunden, dass Wölfe 21 verschiedene Dialekte haben. Dank der Sonogramme und Wellenbilder des Wolfheulens fanden sie heraus, dass Wölfe genau wie Wale und Vögel ihren Gesang kontrollieren und kulturellen Einflüssen unterworfen sind. Das ist eine riesige Entdeckung!

Jeden Vortrag, den ich halte, beginne ich mit einem Gruppenheulen. Ich spiele das Geheul der wilden Wölfe ab und frage dann alle, wer schon mal einen Wolf in der Wildnis heulen gehört hat. Früher war das meist nur eine Person, üblicherweise ein Wolfsforscher. Heute sind es dank [den Nationalparks] Yellowstone und Denali vielleicht zehn Leute. Dann sage ich: „Jeder von euch und all eure Enkel – es ist euer Geburtsrecht, einen Wolf in der Wildnis heulen zu hören.“

In Idaho gibt es ein seltenes Beispiel dafür, wie Wolfsanwälte und Rancher zusammenarbeiten. Erzählen Sie uns vom Wood River Wolf Project. Warum könnte das ein Modell für das landesweite Nebeneinander werden?

Ich freue mich wirklich, dass Sie diese Frage stellen. Bei all den traurigen Geschichten über Wölfe gibt es auch ein paar, die sehr positiv sind. Idaho – wo das Projekt ansässig ist – ist einer der Staaten, der am meisten gegen Wölfe ist. Trotzdem arbeiten Rancher inmitten dieses aggressiven Anti-Wolf-Zeitgeists mit Naturschützern zusammen, um die Schafe in einem Bereich zu schützen, der als Super Sheep Highway bekannt ist.

Jedes Jahr werden von Mai bis Oktober 10.000 bis 25.000 Schafe diesen „Highway“ entlaggetrieben. In den letzten neun Jahren wurde nicht ein einziger Wolf getötet und sie haben nur 30 Schafe verloren. Das zeigt, dass Rancher, ihre Tiere und Wölfe miteinander leben können. Das Hauptaugenmerk liegt nicht auf dem Töten von Wölfen, sondern auf Vorsorge. Sie benutzen rote Plastikfahnen, die an Zäunen flattern und Wölfe erschrecken, Herdenschutzhunde wie Pyrenäenberghunde oder Range Riders [berittene Hirten, die den Tierbestand managen und fachliches Wissen über Raubtiere besitzen] wie damals im Wilden Westen. Das ist der Schlüssel zur Zukunft.

Wie viel Vieh reißen Wölfe jedes Jahr?

Die Vorstellung, dass Wölfe riesige Mengen an Vieh reißen, ist ein Mythos, der von der Viehindustrie propagiert wird. Wölfe sind für etwa 0,2 Prozent der Viehtode bei Rindern und Kälbern verantwortlich und für geringfügig mehr bei Schafen und Lämmern. Die Hauptursachen für Todesfälle sind nicht Wölfe oder andere Raubtiere. Es sind Atemwegs- und Verdauungsprobleme, Krankheiten, das Wetter oder Komplikationen bei der Geburt.

Am Ende Ihres Buches zitieren Sie Doug Smith, den Projektleiter des Yellowstone, der sagt: „Die Wölfe sind zurück, weil die Menschen es wollten.“ Erklären Sie, wie die öffentliche Meinung dabei hilft, die Zukunft der Wölfe zu gestalten. Und wie können unsere Leser sich Gehör verschaffen, notfalls mit Geheul?

[Lacht] Das Wildtiermanagement war seit dem Beginn unserer Nation immer der Bereich der Rancher, Jäger und der Regierung, die den Interessen der Viehindustrie verpflichtet war. Aber weil es jetzt so viele Menschen gibt, die Wölfe gesehen haben, wollen sie selbst aktiv werden und eine Stimme in den Interessenvertretungen und Organisationen für Wildtiere haben.

Eines der besten Dinge, die man tun kann, ist, selbst bei so einer Organisation mitzumachen. Früher wurden die nur vom Gouverneur berufen, aber heutzutage kann sich jeder bewerben. Ich würde auch selbstverwalteten Organisationen wie dem Center for Biological Diversity, Defenders of Wildlife oder dem Natural Resources Defense Council beitreten.

Kindern sage ich, dass sie eine Tierpatenschaft übernehmen und ihr Leben damit verbringen sollen, mehr über dieses Tier zu lernen, es zu verstehen und es zu beschützen. Denn wie Jacques Cousteau sagte: „Die Menschen beschützen, was sie lieben.“ Eine meiner Lieblingsorganisationen ist Kids4Wolfes, die von einem Mädchen namens Story Warren gegründet wurde. Sie hat sich den Yellowstone-Wölfen verschrieben. Momentan macht die Trump-Regierung Rückschritte. Aber ich glaube nicht, dass sie für immer an der Macht sein wird. Ich denke also, dass es Hoffnung gibt. Aber wir müssen uns alle engagieren.

Dieses Interview wurde zugunsten von Länge und Deutlichkeit redigiert.

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