Tiere

Vogelsterben: Wenn der Frühling verstummt

Die Zahl der Vögel in Deutschland und Europa sinkt seit Jahren dramatisch. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?Samstag, 12. Mai 2018

Von Jens Voss
Drastischer Rückgang: Der Kiebitz-Bestand in Deutschland hat zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen.

Der Tod kommt schleichend. Nach Angaben der Bundesregierung ist die Zahl der Vögel allein in den landwirtschaftlichen Gebieten der EU binnen 30 Jahren um 300 Millionen Brutpaare zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von 57 Prozent. Manchen Brutvögeln des Kulturlands geht es besonders schlecht. So hat der Kiebitz-Bestand in Deutschland zwischen 1990 und 2013 um 80 Prozent abgenommen, die Zahl der Braunkehlchen um 63 Prozent und die der Uferschnepfe um 61 Prozent. Der Bestand der einst allgegenwärtigen Feldlerche ist um mehr als ein Drittel geschrumpft. Besonders besorgniserregend ist die Situation beim Rebhuhn: Hier sind die Populationen im Zeitraum von 1990 bis 2015 um 84 Prozent gesunken.

Immer weniger Lebensraum und Nahrung

Gründe dafür gibt es viele. Die Bundesregierung verweist vor allem auf die zunehmende Lebensraumzerstörung, die Verringerung des Nahrungsangebots (insbesondere den Insektenrückgang) und die direkte Verfolgung. Kein Wunder, dass bei Umweltschutzverbänden die Alarmglocken schrillen. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) etwa fordert zehn Prozent ökologische Bereiche auf landwirtschaftlichen Nutzflächen – etwa Grünstreifen und Brachen ohne Pestizideinsatz. Das jüngste Verbot dreier umstrittener Insektizide, so genannter Neonikotinoide, sei zwar längst überfällig. Doch es reiche nicht aus. „Es gehören alle Neonikotinoide verboten“, mahnt BUND-Pestizidexpertin Corinna Hölzel.

Blühende Grünstreifen am Ackerrand: Umweltverbände wie Nabu und BUND fordern die Ausweitung ökologischer Bereiche auf landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) schlägt in dieselbe Kerbe: Die Gefahr für Vögel und Säugetiere durch Pestizide sei seit Jahren belegt. Viele Vogelarten fänden durch den Chemikalieneinsatz weniger Nahrung, weil Futtertiere wie Schmetterlingsraupen und andere Insekten getötet werden. Weil Herbizide außerdem ökologisch wertvolle Wildkräuter auf den Äckern beseitigen, fehle vielen Arten der nötige Schutz und eine wichtige Nahrungsgrundlage. „Es ist dringend nötig, in der Agrarlandschaft mindestens zehn Prozent Vorrangflächen ohne Spritzmittel einzurichten“, unterstreicht auch Nabu-Präsident Olaf Tschimpke.

Alarmierende Abschüsse geschützter Wildvögel

Doch nicht nur Lebensraumverlust und Chemikalien setzen den Vögeln zu. Laut einer Studie des Bonner Komitees gegen den Vogelmord werden allein in der EU jedes Jahr mehr als 53 Millionen Wildvögel von Jägern legal abgeschossen. Die Studienautoren betonen, dass es sich bei einem großen Teil um Zugvögel handelt, die in einigen Mitgliedsländern akut gefährdet oder vom Aussterben bedroht sind. So würden zum Beispiel in Deutschland streng geschützte Kiebitze, Bekassinen, Turteltauben oder Feldlerchen auf ihrem Zug ins Winterquartier im Herbst zu Hunderttausenden in Frankreich und Südeuropa abgeschossen. Deutsche und britische Jäger wiederum töteten jedes Jahr viele Tausend Waldschnepfen und arktische Gänse aus Skandinavien und Osteuropa. „Die Ergebnisse sind alarmierend und ein weiterer Beleg dafür, dass die Jagd auf bestimmte Arten die Schutzbemühungen in anderen Ländern gefährdet oder sogar komplett zunichtemacht“, warnt der Vorsitzende Heinz Schwarze.

Große Vogelzählaktion am zweiten Maiwochenende

Mit einer großen Vogelzählaktion will sich der Nabu auch in diesem Jahr wieder ein Bild von der Bestandsentwicklung von Gartenvögeln machen. Am Maiwochenende sind alle Naturfreunde aufgerufen, Vögel in ihren Gärten zu zählen und zu melden. Knapp 61.000 Naturfreunde hatten sich im letzten Jahr an der Aktion beteiligt und dabei Beobachtungen aus 40.000 Gärten geliefert.

Die Kohlmeise ist ein Höhlenbrüter und zählt zu unseren häufigsten Gartenvögeln.

Das Ergebnis: Der Haussperling bleibt häufigster Gartenvogel, gefolgt von Amsel, Kohlmeise, Star und Blaumeise. Der kontinuierliche Abwärtstrend bei Amsel, Grünfink und Hausrotschwanz habe sich fortgesetzt. Die ursprünglichen Waldbewohner Ringeltaube und Buntspecht hingegen würden inzwischen häufiger in Gärten gezählt.

Der heimische Garten als Vogelmagnet

Zugleich gibt der Nabu einfache Tipps für einen vogelfreundlichen Garten. So rät der Naturschutzbund zu Hecken, am besten mit Dornen oder Stacheln bewehrt, um Vögeln Unterschlupf und Nahrung zu bieten. Weißdorn, Vogelbeere oder Holunder: Wer Vögeln in seinem Garten ein zusätzliches Nahrungsangebot bieten möchte, solle am besten heimische Gehölze oder Stauden pflanzen. Auch eine wilde Ecke im Garten fördere die Vogelvielfalt ungemein.

Jens Voss

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