Tiere

Wie gehen Wildtiere mit Waldbränden um?

Wenn Brände ausbrechen, fliehen viele Arten, manche sterben – und andere gedeihen.Dienstag, 31. Juli 2018

Von Sarah Zielinski, Elaina Zachos
Eine Kuh läuft am 24 .August 2013 an Flammen des Rim Fire im Yosemite-Nationalpark vorbei.

Auf der ganzen Welt toben regelmäßig verheerende Waldbrände. Anfang Juli 2018 brachen diverse Brände in Griechenland aus, und aufgrund der Hitze und Trockenheit herrschte auch in Schweden, Norwegen, Finnland, Spanien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich Waldbrandgefahr. In Nordamerika hatten die Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Alaska mit tödlichen Feuern zu kämpfen, die allein 2018 Jahr Hunderttausende Hektar Land verkohlt haben.

Besonders im Norden Kaliforniens hinterließen die Waldbrände eine Spur der Verwüstung. Das Carr Fire in Redding, knapp 260 Kilometer von Sacramento entfernt, hatte mehrere Opfer gefordert und Hunderte von Gebäuden zerstört. Was für uns Menschen ein katastrophaler Ausnahmezustand ist, gehört für viele Tiere jedoch mehr oder minder zur Normalität.

In diesen Regionen „haben die Wildtiere seit Langem eine gewisse Beziehung zum Feuer“, erzählte der Ökologe Mazeika Sullivan von der Ohio State University 2015 in einem Interview. „Feuer ist ein natürlicher Teil dieser Landschaften.“

Viele Tiere können der tödlichen Hitze irgendwie entkommen. Viele Vögel fliegen davon, Säugetiere können weglaufen, und Amphibien und andere Kleintiere graben sich im Boden ein, verstecken sich in Baumstümpfen oder gehen unter Steinen in Deckung. Einige Tiere – darunter auch große Tiere wie Elche – suchen Zuflucht in Flüssen und Seen.

Tödliche Waldbrände in Kalifornien
Tödliche Waldbrände in Kalifornien

Überraschende Vorteile


Gabriel d‘Eustachio, ein Waldbrandbekämpfer in Australien, sagte 2014, dass er bei Bränden auch schon Massenfluchten kleiner wirbelloser Tiere beobachtet hat: „Man wird von dieser Welle aus Krabbeltierchen überrollt, die vor dem Feuer fliehen.“ 

Brände können auch für Raubtiere nützlich sein, die sich über die fliehenden Tiere hermachen. Bären, Waschbären und Greifvögel wurden beispielsweise schon dabei beobachtet, wie sie Tiere jagten, die den Flammen zu entfliehen versuchten. Einige Vogelarten könnten in Australien sogar zur Verbreitung von Feuern beitragen, wie in manchen Studien vermutet wird. Durch die Brände werden kleine Tiere aufgeschreckt, auf die sie Jagd machen.

„Bei so kurzfristigen Situationen“, in denen Tiere beispielsweise vor Feuer fliehen, „gibt es immer Gewinner und Verlierer“, sagte Sullivan.

Ein moderates Maß an Bränden in solchen Gebieten, in denen Feuer oft natürlich auftreten, kann vermehrt zu Lücken in der Bewaldung führen. Dadurch entsteht Studien zufolge eine größere Vielfalt von Mikrohabitaten, von offenen Wiesen bis hin zu nachwachsenden Wäldern. Die abwechslungsreichen Lebensräume kommen zahlreichen Tierarten und auch dem Ökosystem selbst zugute.

Wissenschaftler haben nicht ausreichend Daten, um abzuschätzen, wie viele Tiere jedes Jahr bei Waldbränden sterben. Allerdings gibt es bisher keine belegten Fälle, bei denen Brände ganze Populationen ausgelöscht haben.

Galerie: Aufnahmen der gewaltigen Waldbrände Kaliforniens

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Feuer mit Feuer bekämpfen

Die Hitze kann auch Organismen töten, die tief im Boden stecken – beispielsweise Pilze. Die Mykologin Jane Smith vom U.S. Forest Service in Corvallis, Oregon, hat bei Waldbränden Temperaturen von bis zu 700 °C unter brennenden Holzstämmen gemessen. Etwa fünf Zentimeter unter der Oberfläche betrugen die Bodentemperaturen immer noch 100 °C.

Die Waldbrände in Kalifornien wirken sich aber nicht nur auf Organismen aus. Durch besonders starke Hitze können sogenannte Feuerwolken oder Pyrocumuli entstehen. Meist bilden sie sich im Zuge von Vulkanausbrüchen. Noch schneller entstehen sie allerdings, wenn Hitze die Feuchtigkeit in der Vegetation verbrennt. Der Dampf verbindet sich dann mit den Rußpartikeln und kondensiert beim Aufstieg. Die gewaltigen Wolken sind voller Rauch und Asche und können fast acht Kilometer hoch werden.

Im manchen Fällen enthielten die Pyrocumuli sogar genügend Feuchtigkeit, dass sie sich abregneten und den Brand löschten, aus dem sie entstanden. In Kalifornien erschweren diese Wolken aber die Löscharbeiten. Die Pyrocumuli können plötzliche Temperaturschwankungen verursachen. Die dadurch entstehenden Winde sind unvorhersehbar und können die Flammen der Brände noch weiter anfachen.

Wald im Wandel

Wilde Gebiete wie Wälder und Prärien verändern im Laufe der Zeit durch ihr Wachstum ganz natürlich ihre Zusammensetzung. Ein einjähriger Wald wird aus anderen Pflanzen bestehen und anderen Tieren einen Lebensraum bieten als ein Wald, der mehr als 40 Jahre alt ist. Ein Störfaktor wie ein Waldbrand kann wie ein Reset-Schalter wirken, der einen alten Wald neu entstehen lässt, sagte Patricia Kennedy, eine Biologin von der Oregon State University in Union. Und „viele Arten brauchen diesen Reset.“

Ein Kojote läuft am 23. August 2013 über den US-Highway 120 bei Groveland in Kalifornien. Die Straße wurde wegen des Riff Fire gesperrt.

Was genau nach einem Brand geschieht, hängt von der Landschaft, der Schwere des Brandes und den betroffenen Arten ab. Letzten Endes löst das Ereignis aber immer eine Abfolge von Veränderungen aus, wenn sich Mikroben, Pflanzen und andere Organismen wieder auf dem verbrannten Land ansiedeln. Wenn Bäume und Pflanzen altern, verändern sich auch die Lichtverhältnisse und andere Faktoren. Als Reaktion darauf verändert sich die Zusammensetzung der tierischen Bestände in diesen Gebieten.

Flüsse und andere Wasserkörper im betroffenen Bereich können ebenfalls Veränderungen durchlaufen. Der Wasserfluss, die Trübung, die chemische Zusammensetzung und die physische Struktur können sich wandeln. Fische könnten zumindest temporär umsiedeln. Außerdem kann es zu einem kurzfristigen Absterben der im Wasser lebenden wirbellosen Tiere kommen, was sich auch auf die Tiere an Land auswirkt.

„Wasser und Land sind eng miteinander verbunden“, sagt Sullivan.

Brennen lassen?

Viele Arten sind für ihren Lebenszyklus sogar auf Feuer angewiesen. Die Hitze von Bränden kann manche Pilze wie zum Beispiel Morcheln dazu anregen, ihre Sporen freizusetzen. Manche Pflanzen werfen ihre Samen ausschließlich nach einem Brand ab. Ohne Feuer könnten sich solche Organismen nicht fortpflanzen – und alle anderen Lebewesen, die auf sie angewiesen sind, wären davon betroffen.  

Während gelegentliche Brände für manche Arten also von unerwartetem Nutzen sein können, sind zu viele Flammeninfernos für die allermeisten Arten schlecht. Seit den frühen 1970ern ist die Waldbrandsaison im Westen der USA von etwa fünf auf mehr als sieben Monate angewachsen. Der Klimawandel treibt die Temperaturen in die Höhe, bringt den Schnee auf Berggipfeln zum Schmelzen und entzieht Wäldern die Feuchtigkeit, was sie anfälliger für Brände macht.

Ein Feuer in der eigenen Nachbarschaft sei eine schlimme Sache, wie Kennedy sagt. Aber in gewissem Maße kann es für einen Wald ein gesundes Ereignis darstellen – und zumindest auch für ein paar Tierarten, die in ihm leben.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht und am 7. Juli 2019 aktualisiert.

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