Tiere

Chamäleons: Verrückteste Farbwechsel dienen nicht der Tarnung

Die Meister der Tarnung haben gute Gründe, um regelrechte Farbspektakel zu zeigen. Unauffälligkeit gehört jedoch nicht dazu.Freitag, 10. August 2018

Von Benji Jones
Dieses junge Pantherchamäleon (Furcifer pardalis) ist in seinem natürlichen Lebensraum gut getarnt. Das Tier wurde im Amber-Mountain-Nationalpark auf Madagaskar fotografiert.

Manche Menschen sind ein bisschen wie Chamäleons: Wo auch immer sie hingehen, fügen sie sich mühelos in ihre Umgebung ein. Aber sind in diesem Sinne auch Chamäleons ein bisschen wie ... Chamäleons? 

Ja und nein, lautet die Antwort der Wissenschaft. Entgegen eines weit verbreiteten Irrtums können die charismatischen Tiere ihre Hautfarbe nicht jedem Hintergrund anpassen.

„Die Leute glauben, wenn man ein Chamäleon auf ein Schachbrett setzt, tarnt es sich, indem es dieselbe Farbe und dasselbe Muster annimmt. Das stimmt natürlich nicht“, sagt Michel Milinkovitch. Der Evolutionsgenetiker der Universität Genf ist ein Experte für die Hautfarbe von Tieren.

YouTube-Videos, in denen die Reptilien ihre Farbe wechseln, wenn sie auf diverse Objekte und Oberflächen treffen, seien „gefälscht“.

Trotzdem muss gesagt sein, dass die Farbwechselfähigkeiten der Chamäleons zu den besten im ganzen Tierreich gehören.

Ein männliches und ein weibliches Erdchamäleon der Art Brookesia decaryi. Der Normalzustand der Haut vieler Chamäleons ähnelt farblich bereits ihrem natürlichen Lebensraum. Die Helligkeit und den Farbton können die Tiere jedoch beeinflussen.

Sie können sich ihrer Umgebung zwar nicht im Detail anpassen – beispielsweise hellen Blüten oder einzelnen Grashalmen –, können sich aber dennoch durch kleine Farbänderungen tarnen.

Mitunter sind die Tiere auch zu dramatischeren Farbwechseln fähig, die dazu dienen, ihr Revier zu verteidigen oder Partner anzulocken. Das Pantherchamäleon ist beispielsweise berühmt für solche Darbietungen.

TARNUNG IST ALLES

Oft ist es fast unmöglich, Chamäleons in ihrer natürlichen Umgebung zu entdecken – da kann man jeden fragen, der in der Wildnis auf Chamäleonsuche gegangen ist. „Es ist unglaublich schwer, sie zu entdecken“, sagt Milinkovitch

Das hat einen guten Grund: Die Reptilien sind völlig schutzlos. Ihr Biss ist nicht gefährlich, ihre Haut steckt nicht voller Toxine und sie können nicht gerade schnell davonlaufen. Ihre einzige Taktik, um Raubtieren zu entgehen, besteht um Grunde darin, sich gar nicht erst blicken zu lassen.

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Meist ist für eine gute Tarnung auch gar kein Farbwechsel nötig, wie Milinkovitch erklärt. Chamäleons ähneln in ihrem Normalzustand ohnehin oft Blättern und Zweigen.

Allerdings können die Reptilien beispielsweise steuern, wie hell und farbintensiv ihre Haut erscheint, sagt Devi Stuart-Fox. Die Evolutionsbiologin der University of Melbourne hat die Farbe der Chamäleons mehr als ein Jahrzehnt lang erforscht.

Wenn weniger Licht vorhanden ist, beispielsweise auf einem Baum tief im madagassischen Wald, drängen dunkle Pigmentzellen an die Hautoberfläche und sorgen dafür, dass das Chamäleon dunkler erscheint und so besser getarnt ist, wie sie erklärt.

„Das ist so, als würde man einen dunklen Schleier über alles legen“, sagt Stuart-Fox. „Man muss sich das wie beim Mischen von Farbe vorstellen: Wenn man grüne Farbe hat und da mehr Schwarz hineinmischt, wird sich die Helligkeit verändern, aber auch der Farbton.“

Chamäleons können also durchaus ihre Hautfarbe ändern, um sich in die Umgebung einzupassen, aber nur in einem schmalen Bereich des Farbkreises. „Chamäleons haben ein begrenztes Repertoire“, sagt sie. „Aber ich habe keine Zweifel, dass sie innerhalb dieses Repertoires ihre Farbe wechseln können, um sich an ihre Umgebung anzupassen.“

Auffälligere Darbietungen, bei denen zum Beispiel mehrere intensive Farben auf einmal erscheinen, dienen völlig anderen Zwecken.

Ein Parsons Chamäleon auf Madagaskar. Die eindrucksvollsten Farbgebungen präsentieren die Tiere im Wettbewerb und bei der Balz.

STÄRKE ZEIGEN

Chamäleons haben zwei gegensätzliche Zustände, wie Milinkovitch sagt. Entweder versuchen sie, sich mithilfe subtiler Farbänderungen unsichtbar zu machen, oder sie wollen gesehen werden. Auch dafür ändern sie ihre Farbe – das dann aber gleich richtig auffällig.

Vor dem grünen Hintergrund des Waldes ist die Darstellung männlicher Dominanz nicht zu übersehen. Chamäleons sind extrem territorial: Wenn sich zwei Männchen begegnen, liefern sie sich einen heftigen Kampf der Farben.

„Sie drehen völlig durch“, sagt Milinkovitch. „Sie werden gelb, rot, weiß – das sieht man im Baum richtig.“

Das schwächere Männchen, das oft kleiner ist und nicht ganz so intensive Farben hat, kommuniziert seine Niederlage, indem es seine schrille Darbietung zuerst beendet. Damit stellt es klar, dass es nicht kämpfen will.

Womöglich wird es sich an einer anderen Taktik versuchen. Forschungen haben gezeigt, dass manche männlichen Chamäleons sich mithilfe ihrer Farbgebung als Weibchen ausgeben, um sich ohne lästigen Wettbewerb an anderen Männchen vorbeizuschleichen. Das gleiche Verhalten wurde auch schon bei Sepien beobachtet.

Einige Chamäleons nutzen ihre brillanten Farben auch, um Weibchen zu beeindrucken. Aber egal, wie spektakulär ihre Darbietung auch ist – manche Weibchen sind einfach nicht interessiert und drücken das ebenfalls durch ihre Farbe aus.

BEEINDRUCKEN, ABWEHREN

„Das Weibchen reagiert dann abhängig von ihrer Verfügbarkeit“, erklärt Milinkovitch. Wenn es bereits das Sperma eines anderen Männchens in sich trägt, „wird es sehr dunkel und sehr aggressiv“.

Die Männchen können gewalttätig werden, daher ist es für Weibchen wichtig, den Männchen aus dem Weg zu gehen, wenn sie gerade kein Sperma brauchen. Ist das Weibchen verfügbar, wird es seine Farbe nicht großartig ändern und einen grünlich braunen Farbton beibehalten, der ihre Unterwürfigkeit signalisiert, wie Milinkovitch sagt.

Ein Riesenchamäleon im Kirindi-Nationalpark auf Madagaskar.

Stuart-Fox glaubt, dass der Farbwechsel noch einen weiteren Zweck erfüllt, der bisher nicht sehr intensiv untersucht wurde: die Regulierung der Körpertemperatur. Die Fähigkeit ist unter Echsen verbreitet – eine Studie aus dem Jahr 2016 zeigte beispielsweise, dass Bartagamen ihre Farbe je nach Temperatur ändern können. Es sei Stuart-Fox zufolge demnach unwahrscheinlich, dass Chamäleons diese Fähigkeit nicht besitzen.

Die Reptilien sind Kaltblüter und können daher keine Wärme speichern, die ihr Körper erzeugt. Stattdessen müssen sie sich in der Sonne aufwärmen.

Dunkle Farben absorbieren mehr Licht, und Chamäleons haben vermutlich gelernt, dieses Prinzip für sich zu nutzen, sagt sie. Wenn es kalt ist, aber die Sonne scheint, dunkeln sie sich daher ab, um sich schneller aufzuwärmen – sofern sie die Farbe nicht zu auffällig macht.

Die Fähigkeit zum Farbwechsel entwickelte sich Stuart-Fox zufolge ursprünglich wahrscheinlich zur Tarnung. Mittlerweile gereicht sie den Tieren jedoch bei einer ganzen Reihe von Dingen zum Vorteil, zum Beispiel bei der Temperaturregelung.

In manchen Fällen erfüllt eine Farbe gleich einen doppelten Zweck. 2003 sah Stuart-Fox in Südafrika ein kleines Chamäleon der Art Bradypodion taeniabronchum, das an einem dunklen Blumenstängel etwas Sonne tankte. „Es war perfekt getarnt“, erzählt sie, während es die Sonnenstrahlen gleichzeitig „maximal absorbieren“ konnte.

„Ich glaube einfach, Tiere werden nie aufhören, uns mit ihrer Fähigkeit zu überraschen, mehrere Dinge gleichzeitig zu erreichen und aus allem das Beste rauszuholen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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