Neue Beute für Afrikanische Wildhunde im Überlebenskampf

Beeindruckende Fotos eines Naturforschers zeigen zum ersten Mal, dass die Tiere Jagd auf Paviane machen.Freitag, 23. November 2018

Von Nicholas Dyer
Bilder Von Nicholas Dyer

Afrikanische Wildhunde zählen zu den rätselhaftesten Kreaturen Afrikas. Sie sind wenig erforscht und werden vielerorts gejagt. Für mich sind sie wunderbare Geschöpfe – selbst dann, wenn sie Primaten fressen.

Von diesen Raubtieren, die auch Hyänenhunde genannt werden, gibt es weltweit nur noch 6.600 Exemplare. Lange Zeit waren sie vom Aussterben bedroht. Über ein Jahrhundert lang galten sie als unerwünschte Plage. Durch die Jagd hat der Mensch ihre Population auf ein Prozent der ursprünglichen Größe minimiert.

Seit 2013 folge ich drei Rudeln der afrikanischen Wildhunde. Ganz allein war ich zu Fuß im Tal des Sambesi in Zimbabwe unterwegs und habe sie beim Jagen, Spielen und Schlafen beobachtet.

Man kann sagen, dass ich irgendwann besessen war von den Tieren, die mit wissenschaftlichem Namen im Übrigen Lycaon pictus heißen, was so viel wie „bunter Wolf“ bedeutet. Ich habe wirklich jedes Buch und jede wissenschaftliche Arbeit gelesen, die ich kriegen konnte. 

Man sagt, dass die bunten Wölfe die effizientesten Raubtiere Afrikas sind. Ihre Erfolgsrate liegt bei bis zu 80 Prozent. Hauptsächlich jagen sie Antilopen wie Impalas und Kudus. Ich dachte eigentlich, dass ich mich gut auskenne, bis ich Zeuge von etwas wurde, was bisher noch niemand gesehen hatte: dem Angriff auf ein Pavian-Rudel.

Bis dato gab es in der wissenschaftlichen Literatur keine Einträge darüber, dass Wildhunde Paviane fressen, oder eine andere Primatenart.

Die Jagd

Zum ersten Mal gesehen habe ich das Ganze vor einigen Jahren. Damals habe ich gerade das Alpha-Weibchen Blacktip mit ihrem 25-köpfigen Rudel fotografiert, wie sie ausgelassen an einem Wasserloch spielten.

Als das Rudel sich auf die Jagd machte, wurde es immer dunkler, und ich beschloss, ihnen nicht zu folgen. Mein Auto stand fast 2 km weg, und bei Nacht werden Löwen aggressiv. Da ist es nicht besonders ratsam, allein im Busch unterwegs zu sein.

Plötzlich hörte ich, wie eine Gruppe Paviane in Panik auf mich zu rannte. Ihre lauten Warnschreie hallten durch die Dämmerung. Ich bin durch ein paar Büsche auf den Tumult zugelaufen, und konnte gerade noch sehen, wie einer der Wildhunde ganz knapp am Schwanz eines großen männlichen Pavians dran war.  

Die Geschwindigkeit des Afrikanischen Wildhunds war beeindruckend. Er schnitt dem Pavian den Weg ab und versank seine Zähne in das Ohr seines Gegners. Durch den enormen Schmerz war der Pavian außer Gefecht gesetzt und konnte sich nicht mehr bewegen. Eine typische Jagdtechnik. Bruchteile von Sekunden später packten zwei andere Rudelmitglieder zu und rissen den Pavian förmlich in Teile. Es war grausam, diesem Schauspiel beizuwohnen. Als ich meine Fotos später durchsah, stellte ich jedoch fest, dass der Todeskampf nur fünf Sekunden gedauert hat.

Im Vergleich zu anderen Raubtieren töten Afrikanische Wildhunde ihr Opfer besonders schnell, was irgendwie humaner wirkt. Andere Räuber wie Großkatzen brauchen oft ewig, um ihre Beute zu töten.

Ökosystem im Gleichgewicht

Einige Monate später saß ich auf einem Termitenhügel und sah den Jungtieren dabei zu, wie sie die Reste eines gerade getöteten Pavians verzehrten. Die erwachsenen Tiere saßen schützend um sie herum. Die Jungen haben immer Vorrecht.

Mit dabei an diesem Tag war mein guter Freund Peter Blinston, der die letzten 20 Jahre seines Lebens damit verbracht hat, den Tieren zu folgen, sie zu verstehen und zu schützen. Seiner Meinung nach ist dieses neue Jagdverhalten eine positive Entwicklung, und zwar sowohl für die Afrikanischen Wildhunde als auch für das gesamte Ökosystem.

„Auf jeden Fall haben die Afrikanischen Wildhunde dadurch ihr Beutespektrum erweitert. Sie haben mehr Optionen. Und das ist nicht nur gut für die Afrikanischen Wildhunde, sondern entlastet auch die Impalas, die ansonsten auf dem Speiseplan stehen würden“, sagte Peter.

Viele Ökologen zeigten sich in der Vergangenheit auch besorgt darüber, dass die Pavianpopulation in der Region so stark angewachsen ist, erklärte er mir weiter. Das könnte zu einem Rückgang der Vogelzahlen geführt haben, weil die Primaten die Tendenz haben, ihre Nester zu plündern. Durch die Jagd auf Paviane würden die Wildhunde also indirekt den Vögeln helfen.

„Dieses neue Verhalten könnte wieder Gleichgewicht in das Ökosystem bringen.“

Die Beute schlägt zurück

Anfangs waren die Paviane angesichts dieses neuen natürlichen Feindes wie in Schockstarre. Seit kurzem haben sie aber angefangen, sich anzupassen, indem sie ihr eigenes Verhalten geändert haben.

Eines Morgens wurde ich Zeuge eines heftigen Gegenangriffs der Paviane. Das komplette Rudel setzte sich geschlossen zur Wehr, und ich fand es erstaunlich, wie sie ihre langen Schneidezähne geschickt einsetzten und versuchten, die Wildhunde wegzubeißen.

Die Wildhunde haben auch tatsächlich den Rückzug angetreten, nachdem ein männliches Tier, Patrick, am Nacken und an der Seite schwer verwundet wurde. Ich war mir nicht sicher, ob er überleben würde, aber diese Wildhunde sind hart im Nehmen. Er hat es tatsächlich geschafft. Ein paar Tage lang hat er sich ausgeruht. Der Rest des Rudels versorgte ihn mit Fressen und leckte seine Wunden, um sie sauber zu halten.

Die Jagd auf einen Pavian erfordert vielleicht nicht so viel Energie, wie einem Impala hinterher zu rennen. Allerdings wird es ein zunehmend gefährliches Unterfangen. Bisher ist es den Pavianen noch nicht gelungen, einen Wildhund zu töten, zumindest, soweit ich weiß. Wenn einer der Wildhunde fehlt, sind Paviane allerdings mittlerweile ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.

Wenn die Wildhunde sich nähern, verlassen die Paviane oft ihre schützenden Unterkünfte oben in den Bäumen. Auf den ersten Blick ergibt das überhaupt keinen Sinn. Ein bekannter Guide, Henry Bandure, hat mir allerdings gesagt, er denkt, dass sie das tun, weil sie normalerweise von Leoparden gejagt werden, die Bäume hochklettern können. Die Paviane können mit dieser neuen Bedrohung noch nicht umgehen und haben keine spezifischen Alarmrufe entwickelt.

Spielereien nach dem Essen

Während ich das alles mit Peter bespreche, greift sich ein Jungtier einen abgetrennten Paviankopf. Andere stoßen dazu, und es beginnt ein wildes Tauziehen.

Die Szene ist makaber. Selbst Primat, fühle ich mich dem Pavian emotional irgendwie mehr verbunden als einer Impala. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich entsetzt sein soll oder ob ich die Situation amüsant finde. Die Jungtiere haben definitiv ihren Spaß.

Viele finden dieses Verhalten sicher grausam. Aber viele von uns fressen auch Fleisch. Was abseits der Supermarktgänge passiert, sehen wir oft nicht.

Was wir in den letzten Jahren gesehen haben, ist eine langsame Evolution des Verhaltens der Wildhunde, die mit einem Boom der Pavianpopulation einherging. Es ist faszinierend, dabei zuzusehen, wie die Natur sich selbst ins Gleichgewicht bringt. Und dabei wurde dieser Prozess gerade erst angestoßen.

Das ist vielleicht nicht Evolution im strengsten Darwin’schen Sinne, weil keine genetische Mutation stattgefunden hat. Aber es ist ein Beispiel für den Baldwin-Effekt, dass die Fähigkeit eines Tieres, erlernte Verhaltensweisen zu verändern, die Überlebenschancen der ganzen Art verbessern kann, wenn sie gelernt und weitergegeben werden.

Die Afrikanischen Wildhunde haben immer hart um ihr Überleben gekämpft. Durch die Hand des Menschen waren sie fast vom Aussterben bedroht. Sie haben sich an jeden Grashalm geklammert, um ihre Existenz zu sichern. Für mich ist es ein kleiner Trost, dass die Natur ihnen eine neue Nahrungsquelle geboten hat und die Vergangenheit damit wiedergutmacht.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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