WWF-Bericht: Katastrophaler Rückgang weltweiter Tierpopulationen

Das Schrumpfen vieler tierischer Populationen bedroht nicht nur Ökosysteme, sondern letztlich auch unsere Wirtschaft und Existenz.Montag, 12. November 2018

Von Elizabeth Anne Brown

Der World Wildlife Fund For Nature (WWF) veröffentlichte vor Kurzem seinen Living Planet Report, der einen katastrophalen Rückgang der weltweiten Tierbestände proklamierte. Viele Nachrichtenagenturen missinterpretierten die Ergebnisse jedoch, sodass die Schlagzeilen fälschlicherweise behaupteten, in den letzten 40 Jahren seien 60 Prozent aller Tiere verschwunden. Die tatsächlichen Daten erzählen eine etwas andere, wenn auch nicht weniger alarmierende Geschichte.

Der alle zwei Jahre erscheinende Bericht untersucht die Trends im globalen Living Planet Index – für Biologen ist dieser ein Indikator, der Aufschluss über die Vielfalt und Häufigkeit der Tiere unserer Welt gibt. Wenn der globale Index gleichbleibend ist oder zunimmt, bedeutet das, dass die Populationen gedeihen, während ein Absinken auf ein globales Problem hindeutet.

Im aktuellen Bericht hat der Living Planet Index einen rasanten Absturz hingelegt. Seit den Siebzigern ist er um 60 Prozent gefallen. Auf einer evolutionsgeschichtlichen Zeitskala ist das kaum ein Wimpernschlag. Von den Auswirkungen dieses Rückgangs sind wir alle betroffen.

60 Prozent von was?

Der Living Planet Index (LPI) berücksichtigt Daten von Tausenden Tierarten, die teils sehr unterschiedliche Lebensweisen haben und unterschiedlich stark gefährdet sind. Es ist also keine Zählung, bei der die Zwergspitzmaus – deren Bestand sehr groß und wohlauf ist – ebenso stark ins Gewicht fällt wie das vom Aussterben bedrohte Sumatra-Nashorn.

Der LPI berücksichtigt, dass der Verlust eines einzigen Nashorns für die gesamte Population ein echtes Problem darstellt. Ein paar Tausend Zwergspitzmäuse weniger wären hingegen für die Art an sich zu vernachlässigen und kaum mehr als ein Rundungsfehler. Einige Populationen in der Studie haben deutlich mehr als 60 Prozent ihrer Individuen eingebüßt, andere hingegen deutlich weniger. Aber der Durchschnitt, den der LPI darstellt, zeugt von einem katastrophalen globalen Trend.

Anders ausgedrückt: Der Bericht zeigt, dass die Wirbeltierbestände im Schnitt um 60 Prozent geschrumpft sind. Das bedeutet aber nicht, dass wir 60 Prozent aller Tiere ausgelöscht haben, wie der Bericht verdeutlicht.

Nehmen wir mal an, wir hätten beispielsweise 50 Tiger, 200 Falken und 10.000 Eichhörnchen. In unserem Beispiel nimmt die Tigerpopulation um 90 Prozent ab, also auf 5 Tiger. Die Falkenpopulation schrumpft um 80 Prozent, auf 40 Falken. Die Eichhörnchen gehen um 10 Prozent zurück, auf 9.000 Tiere. Im Schnitt sind die drei fiktiven Populationen damit um 60 Prozent zurückgegangen, aber insgesamt sind nur 12 Prozent aller 10.250 Individuen gestorben.

Am Beispiel einer einzigen Art wird das noch deutlicher:  Man stelle sich vor, die Wolfsbestände würden im Schnitt um 60 Prozent schrumpfen. Das bedeutet nicht, dass wir 60 Prozent aller Grauwölfe eingebüßt hätten. Es bedeutet, dass einige Rudel starke Rückschläge erlitten haben oder die Art vielleicht sogar regional ausgestorben ist, während andere Rudel nicht so stark geschrumpft sind. Dabei ist wichtig, dass nicht alle Rudel gleich groß sind. Im Gebiet zwischen Nürnberg und Bayreuth, in dem aktuell nur ein Wolfsrudel und ein einzelnes Paar bekannt sind, könnte ein lokales Aussterben den Verlust von vielleicht zehn Tieren bedeuten. Aber da jede Population zur genetischen Vielfalt und damit zur Widerstandsfähigkeit der gesamten Art beiträgt, sind solche Informationen für Biologen dennoch wichtig.

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Dienstleistungen der Ökosysteme

Seit Jahrzehnten zerbrechen sich Ökonomen und Ökologen den Kopf darüber, wie man den Wert der Leistungen bemessen könnte, den die Ökosysteme unserer Welt liefern – also die Güter und Dienstleistungen, die die Natur zur Verfügung stellt, von Bestäubern wie Bienen bis zur Filtrierung des Wassers durch Weichtiere. Der LPI verordnet den Wert dieser Ökosystem-Dienstleistungen bei 125 Billionen Dollar – nur ein paar Billionen weniger als das Weltbruttosozialprodukt.

Auch wenn die Zahl kontrovers ist, da es Meinungsverschiedenheiten darüber gibt, wie solche Werte festgelegt werden, muss selbst die Wall Street zugeben, dass die Natur eine Menge Arbeit für uns erledigt. Tierische Bestäuber liefern uns letztendlich ein Drittel aller angebauten Nahrungsmittel, und Wiederkäuer produzieren Dünger für unsere Böden. Vögel, Fledermäuse und Reptilien halten die Populationen krankheitsübertragender Stechmücken in Schach, während medizinische Forscher die Inhaltsstoffe für künftige Krebsmedikamente in seltenen Regenwaldtieren suchen.

Aufgrund der komplexen Nahrungsnetze innerhalb eines Ökosystems kann der Verlust einer einzigen Tierpopulation weitreichende und unerwartete Konsequenzen haben.

Die Ergebnisse

Der Biologe Brian McGill von der University of Maine beschreibt, wie frustrierend die Arbeit an einer Zählung zum Thema Biodiversität ist. Er zieht dafür einen Vergleich mit anderen großen Projekten zur Überwachung natürlicher Vorgänge heran, beispielsweise für Wetterprognosen. „Allein in den USA gibt der nationale Wetterdienst jedes Jahr Milliarden von Dollar aus, um möglichst akkurate Vorhersagen treffen zu können. Er investiert in Bodenstationen, Bojen, Ballons mit Radiosonden und Satelliten, um die aktuelle Wetterlage so genau wie möglich erfassen zu können“, erklärt er. „Für die Biodiversität haben wir kein Äquivalent dazu.“

Mittels des Living Planet Report beobachtet der WWF die Entwicklung von 4.005 Wirbeltierarten in 16.705 Populationen. Insgesamt wurden bisher aber um die 63.000 Wirbeltierarten beschrieben – und Wissenschaftler vermuten, dass wir nur ein Bruchteil dessen dokumentiert haben, was sich auf unserem Planeten tummelt.

Die überwachten Populationen, die strategisch über alle Kontinente und Biome verteilt sind, dienen als eine Art Richtwert für all jene Arten, zu denen wir keine Daten haben. Besonders bei kleinen Tieren wie Ameisen war es schwer, eine Schätzung zu deren Populationsgrößen abzugeben. Aber ein Blick auf die benachbarten Vögel- und Säugetierpopulationen, die sich von ihnen ernähren, half Wissenschaftlern dabei, den Zustand lokaler Ökosysteme einzuschätzen.

Die „Nachbarschaften“ im kritischsten Zustand sind dem Bericht zufolge tropische und Süßwasserökosysteme. Beide sind eigentlich Hotspots für die Biodiversität und weisen eine ungewöhnlich hohe Artendichte auf. Aber Raubbau, Klimawandel und Verschmutzung haben diese einst reichhaltigen Lebensräume zurechtgestutzt.

Laut dem LPI schrumpften die Süßwasserpopulationen im Schnitt um 83 Prozent. Für die tropischen Bereiche Amerikas – also die Karibik, Mittel- und Südamerika sowie Teile von Texas und Florida – verzeichnet der LPI einen 89%igen Rückgang.

Ökosystempolitik

Um diesen enormen Schwund aufzuhalten, ist eine weltweite Kooperation nötig. Gerade deshalb zeigen sich Wissenschaftler besorgt um die Abkehr von Richtlinien zum Umweltschutz.

Die Regierung unter US-Präsident Trump strebt weiterhin eine Aufhebung von Teilen des Endangered Species Act an, dem Fundament der US-Umweltpolitik. Kürzlich legalisierte die chinesische Regierung den Handel mit Nashorn-Horn und Tigerknochen.

Und während der frisch gewählte brasilianische Präsident Jair Bolsonaro Pläne zur Erschließung und Nutzung des Amazonas verkündete, listete der Global Risk Report des Weltwirtschaftsforums den „Verlust von Biodiversität und den Zusammenbruch von Ökosystemen“ unter den Top 10 der Wirtschaftsgefahren im Jahr 2018.

Der Ökologe E. O. Wilson aus Alabama zog in seinem Buch „The Future of Life“ folgendes Fazit: „Vielleicht ist es an der Zeit, damit aufzuhören, das als ‚grüne‘ Sicht auf die Dinge zu bezeichnen – als wäre das so eine Art Lobbyarbeit abseits des regulären menschlichen Handelns. Stattdessen sollte man anfangen, es als realistisches Weltbild zu betrachten Tierschutz ist kein Interesse irgendeiner Randgruppe mehr. Er liegt im Interesse aller Menschen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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