Tiere

Warum befanden sich 5.000 Blutegel im Gepäck dieses Mannes?

Ein Suchspürhund erschnüffelte die Tiere am Flughafen. Nun fragen die Behörden sich, was sie mit ihnen machen sollen. Montag, 4 Februar

Von Dina Fine Maron

Der Beagle, der als Suchspürhund für Schmuggelware auf dem Flughafen Toronto Pearson International Airport unterwegs war, wurde auf einen ungewöhnlichen Geruch aufmerksam. Die Quelle war das Gepäck eines kanadischen Mannes, der gerade aus Russland zurückgekehrt war.

Der Hund wusste, was er zu tun hatte, und ließ sich neben dem Reisenden nieder – ein Zeichen für die Mitarbeiter der Canada Border Services Agency (kanadische Grenz- und Zollbehörde), dass hier etwas nicht stimmte.

Mitarbeiter des Grenzschutzes öffneten das Gepäck des Mannes und fanden in ihnen Hunderte von Behältnissen, in denen sich schleimige, sich windende Objekte befanden – 5.000 lebende Blutegel. So half der verlässliche Beagle am 17. Oktober 2018 den Behörden dabei, Kanadas ersten bekannten Blutegel-„Schmuggler“ festzunehmen. (Die Behörden werfen ihm mutmaßlich illegalen Import von Blutegeln vor, nicht Schmuggel, da er sich keine besonders große Mühe gab, das Schmuggelgut zu verstecken.)

Dieser Zwischenfall wird in diesem Artikel erstmals öffentlich gemacht, über den Schmuggler wurde in anderen noch nicht Medien berichtet. Der Mann wurde wegen illegalem Import der Tierart angeklagt, deren Handel internationalen Bestimmungen unterliegt. Er besaß keine Genehmigung, gibt André Lupert, Pressesprecher des Wildlife Enforcement Directorate des Environment and Climate Change Canada (nationale Umweltschutzbehörde Kanadas) an. Lupert zufolge erwartet den Mann in den kommenden Monaten ein Prozess in Toronto. Um seine Privatsphäre und die andauernden Ermittlungen zu schützen, informierte die Canada Border Services Agency darüber, dass sie keine Mitteilung über den Namen des Mannes, oder die Einzelheiten des Vorfalls machen können. Dazu zählen sogar der Name des Spürhundes und sein Geschlecht.

Egel sind parasitär lebende Würmer, die auf jedem Kontinent außer der Antarktis heimisch sind. Viele ernähren sich von Blut (manche brauchen nur eine Mahlzeit pro Jahr), was ihnen den Ekel nichtsahnender Opfer einbringt. Für die Medizin haben sie sich allerdings als durchaus wertvoll erwiesen. Die beschlagnahmten Egel gehörten zwei Unterarten an – dem Europäischen Medizinischen Blutegel und dem Mediterranen Medizinischen Blutegel. Diese beiden Arten werden bevorzugt in Krankenhäusern, Kliniken für plastische Chirurgie und Verbrennungszentren überall auf der Welt benutzt. Die Egel nehmen angesammeltes Blut auf und verbessern durch die Absonderung natürlicher Gerinnungshemmer die Blutzirkulation in verletztem Gewebe. Diese lassen sich für etwa 10 US-Dollar (ca. 9 Euro) verkaufen.

Lupert zufolge sagte der Mann aus, dass die Blutegel in seinem Besitz nur zur persönlichen Verwendung gedacht waren und das von ihnen verschmutzte Wasser als Dünger für seine Orchideen gedacht war.

Für Lupert klang diese Angabe zweifelhaft. „Diese Menge an Blutegeln lässt vermuten, dass sie für den kommerziellen Verkauf gedacht waren.“ Er fügte außerdem hinzu, dass der Mann ebenfalls versucht haben könnte, Käufer mit verschiedenen Verwendungszwecken zu suchen. Einige benutzen Blutegel zu Behandlung von Erfrierungen oder zur Unterstützung nach Gesichtsstraffungen. Andere wollen Blutegel für neuropathische Behandlungen in den eigenen vier Wänden. Sie glauben daran, dass das Ansetzen von Egeln Schmerzen lindert oder den Körper von „schlechtem“ Blut reinigen kann. Ohne die gleichzeitige Einnahme spezieller Antibiotika kann eine solche Nutzung jedoch Infektionen auslösen.

Schon im Alten Ägypten wurden Blutegel als medizinische Helfer eingesetzt. Im Zentraleuropa des frühen 19. Jahrhunderts führte ihre zu häufige Nutzung zum Aderlass beinahe zu ihrer Ausrottung. Daraus resultierten die frühen Wildtier-Schutzbestrebungen. Unter anderem damit beschäftigt sich Roy Sawyer, Blutegel-Liebhaber und Gründer des Medical Leech Museums in Charleston, South Carolina. Die kleinen Kreaturen wurden so sehr bejagt, dass der Nachschub in Westeuropa versiegte, erklärte Sawyer. Der Mangel inspirierte William Wordsworth zu seinem Gedicht "The Leech Ga"herer" (dt.: Der Egelsammler) im Jahr 1802.

Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES), das den Handel mit Wildtieren regelt, ist der Versand von bestimmten bedrohten Tierarten illegal, wenn die nötigen Export-Import-Genehmigungen nicht vorliegen. CITES regelt den Handel einer ganzen Bandbreite von Tier- und Pflanzenarten – auch der beiden von den Behörden konfiszierten Blutegelspezies –, um sicherzustellen, dass die Nachfrage des Markts sie nicht ausrottet. Sind die Papiere ordnungsgemäß, können Medizinische Blutegel ohne weiteres von einem Land ins andere versendet werden. Kanada beispielsweise bezieht laut Lupert, einen Großteil seines Bedarfs aus den USA. Die USA stuften Blutegel im Jahr 2004 als medizinische „Geräte“ ein, während in Deutschland Blutegel als Arzneimittel eingestuft werden.

Von den Hunderten Egel-Arten auf der Welt haben nur einige wenige Appetit auf menschliches Blut und die sich dann hungrig auf nackte Arme oder Beine stürzen, erklärt Mark Siddall. Er ist Blutegelexperte und der Kurator für Wirbellose am American Museum of Natural History in New York City. Die Arten, die in Kanada jedoch beschlagnahmt wurden, 'beißen gerne mal herzhaft zu', sagt Siddall.

Unerwünschte Blutegel

Nachdem die kanadischen Behörden die 5.000 Egel beschlagnahmt hatte, standen sie plötzlich vor einem großen Problem: Wohin mit ihnen? Sie wollten die Tiere nicht töten – immerhin gehören sie einer bedrohten Tierart an –, zumal der Fall noch nicht abgeschlossen ist. „Letztendlich wird der Richter entscheiden, ob er die Blutegel persönlich begutachten will, weil sie ein Beweismittel sind“, meint Lupert. Die Behörden wollten sich aber nicht dauerhaft um sie kümmern müssen. Die Spezies sind nicht in Kanada heimisch, also kann man sie auch nicht in die Wildnis entlassen.

Ein kleiner Zwischenfall bestärkte die Behörden außerdem darin, die Blutegel so schnell wie möglich wieder loszuwerden. „Wir lernen hier im Schnelldurchlauf, wie man diese Tiere hält“, sagt Lupert, der außerdem als Regionalleiter bei der Naturschutzbehörde in Ontario arbeitet. „Sie sind ganz schön aktiv. Wir haben regelmäßig das Wasser gewechselt und als die Beamten eines Morgens hereinkamen, sahen sie, dass 20 Egel ausgebrochen waren“, erinnert er sich mit einem Grinsen. Glücklicherweise konnten die Blutegel schnell wieder eingefangen und in ihre Behälter zurückgesetzt werden.

Regierungsvertreter hängten sich ans Telefon, um eine andere Unterbringung für die Blutegel zu organisieren. Die Antworten waren enttäuschend. „20 von ihnen passen in ein großes Einmachglas – man stelle sich nun vor, wie groß ein Raum sein müsste, wenn man 5.000 Tiere darin unterbringen muss“, meint Lupert. „Man kann sie ja nicht einfach verschenken und sich dann nicht mehr um ihren Verbleib kümmern.“

Auch medizinische Einrichtungen waren über die Menge nicht begeistert. Kanada benötigt pro Jahr insgesamt nur etwa 500 bis 1.000 Blutegel; 5.000 sind da wirklich viele.

Lupert erklärt, dass nur das Royal Ontario Museum in Toronto sich bereiterklärte, einige von ihnen aufzunehmen – allerdings nur 50. Damit mussten die Behörden aber immer noch 4950 Egel unterbringen. Zu diesem Zeitpunkt teilten sie sich einen Raum mit anderen konfiszierten, lebenden Tieren wie Wasser- und Landschildkröten. (Lupert zufolge identifizierte das Museum auch die beiden Blutegelarten in dem Gewusel.)

Die Kanadier weiteten ihre Suche aus und fanden schließlich dank Mark Siddall im American Museum of Natural History ein neues Zuhause für 1.000 Blutegel. Es gab jedoch einen Haken: Kanada und die USA mussten erst den ordnungsgemäßen Papierkram für den Ex- und Import regeln, was das Blutegel-Taxi nach New York noch einmal verzögerte.

Zwei Monate nach der Beschlagnahmung der kleinen Blutsauger erhielt Siddalls Labor eine Lieferung von 1.000 Blutegeln. „Ich habe 25 Jahre Forschungserfahrung mit der Biologie und dem Verhalten der Blutegel – und Studenten und Doktoranden, die mithelfen“, meint er zum Pflegeaufwand der Egel. „Man muss ihr Wasser wechseln, wissen, wie sie aussehen, wenn es ihnen nicht gut geht, wann sie gefüttert werden müssen und man muss wissen, wann man kranke von gesunden trennen muss.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Siddall Blutegel aufnimmt. „Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Das ist schon früher passiert“, sagt er. Einen Kommentar auf weitere Nachfragen zu den Umständen Blutegel-Schmugglergeschäft lehnte er ab. Er verwies National Geographic zum U.S. Fish and Wildlife Service, der Behörde, die für den Im- und Export von Wildtieren zuständig ist.

Sprecherin Christina Meister gab an, dass die Behörde aktuell keine Daten über den Schmuggel mit Blutegeln zur Verfügung zusammenstellen kann. Außerdem wisse man nichts über abgeschlossene Fälle – um mehr Informationen zu erhalten, müsse ein Freedom of Information Act-Antrag (FOIA) gestellt werden. Dieser ermöglicht nach Prüfung den Einblick in nicht öffentlich zugängliche Sachverhalte. Am 17. Dezember 2018 reichte National Geographic einen FOIA-Antrag für die Aufzeichnungen von Blutegel-Importen seit 2007 bis heute ein. Diese beinhalten auch Berichte über Beschlagnahmungen.

Die gemeinnützige Organisation EcoHealth Alliance aus New York führt eine Datenbank über Wildtierhandel namens WILDd, die ihre Inhalte unter anderem aus Informationen der US-Regierung bezieht. Inbegriffen sind Lieferungen von lebenden Wildtieren und Wildtierprodukten. Laut EcoHealth Alliance wurden zwischen den Jahren 2000 und 2014 10 Blutegellieferungen von den USA abgelehnt – was bedeutet, dass die Behörden sie entweder konfiszierten oder in ihr Herkunftsland zurückschickten. Allison White ist Programm- und Evaluationsmanagerin bei EcoHealth. Sie errechnete, dass diese Ablehnungen zusammen wenigstens ein paar Tausend Blutegel umfassten. Die genauen Umstände der einzelnen Fälle bleiben unbekannt.

Bei Kanadas großer Egel-Beschlagnahmung kommt der Fall am 15. Februar vor den Richter. In der Zwischenzeit versuchen die Beamten immer noch, für die verbleibenden 3950 Blutegel ein neues Zuhause zu finden.

„Möchte jemand neue Haustiere?“, fragt Lupert.

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