Tiere

Wasserkraftwerk könnte Todesurteil für Tapanuli-Orang-Utans sein

Trotz der verheerenden Auswirkungen für die Natur hat der Bau der Anlage hat bereits begonnen. Freitag, 8 März

Von Stephen Leahy

Die seltenste Menschenaffenart der Welt, die erst 2017 entdeckt wurde, wird den Bau eines 1,6 Milliarden Dollar teuren Wasserkraftwerks inmitten ihres Verbreitungsgebietes auf Sumatra nicht überleben, warnen Wildtierexperten.

Es gibt nur noch etwa 800 Tapanuli-Orang-Utans in der Wildnis, die allesamt im Waldgebiet Batang Toru im Norden der indonesischen Insel Sumatra leben. Der Wald zählt zu den artenreichsten Räumen des Landes und beherbergt seltene Arten wie den Sumatra-Tiger und das vom Aussterben bedrohte Malaiische Schuppentier.

Genau in diesem Gebiet hat gerade die Rodung für ein neues Wasserkraftprojekt begonnen, das von chinesischen Unternehmen im Rahmen von Chinas internationalem Infrastrukturprojekt „One Belt, One Road“ finanziert und gebaut wird. Die billionenschwere Initiative beinhaltet mehr als 7.000 Handels- und Infrastrukturprojekte auf der ganzen Welt.

Indonesiens größte Umweltschutzgruppe, das Indonesian Forum for the Environment, reichte eine Klage ein, um den Bau zu stoppen. Dafür legte die Organisation Beweise vor, die zeigten, dass die Umweltauswirkungen des Projekts nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Außerdem gibt es Berichte über Unstimmigkeiten beim Genehmigungsprozess: Einer der Wissenschaftler, die an dem Gutachten mitwirkten, erzählte, dass seine Unterschrift gefälscht wurde, um eine wichtige Genehmigung zu erhalten. Trotzdem wies ein Gremium aus drei Richtern am 4. März die Klage mit der Begründung ab, dass die Beschwerden der Umweltorganisation irrelevant seien.

Die Gruppe plant, in Berufung zu gehen. „Wir werden alle verfügbaren legalen Mittel nutzen“, sagte Dana Prima Tarigan, die Geschäftsführerin der Gruppe für den Bereich Nord-Sumatra, in einem Interview mit der Associated Press.

Vor mehr als einem Jahr erfuhr die Welt, dass eine neue Menschenaffenart entdeckt wurde. Obwohl Wissenschaftler den Tapanuli-Orang-Utan schon seit 2005 erforschten, brauchten sie einige Zeit, um ihn genetisch und physisch zweifelsfrei als eigenständige Art zu identifizieren. Die beiden anderen Arten in der Gattung der Orang-Utans sind der Borneo-Orang-Utan und der Sumatra-Orang-Utan.

Wenn alles Bitten nichts hilft

Das Projekt sollte auf keinen Fall dort gebaut werden, wo diese baumbewohnenden Menschenaffen leben, findet Bill Laurance vom Centre for Tropical Environmental and Sustainability Science der australischen James Cook University. Die Talsperre und das Kraftwerk – sowie alle dazugehörigen Straßen, Stromleitungen, ein 13 Kilometer langer Tunnel und andere Infrastruktur – würden den Lebensraum der Tiere dauerhaft zerteilen, wie er erklärt.

„Das ist eine vom Aussterben bedrohte Art, die in Kürze verschwinden könnte, wenn der Primärwald noch weiter fragmentiert wird“, so Laurance, ein weltweit führender Experte für die Auswirkungen der Fragmentierung von Lebensraum. „Die Wissenschaft spricht in dem Fall eine deutliche Sprache. Es wäre Wahnsinn, mit diesem Projekt fortzufahren.“

Für eine Tierart, die ausschließlich auf Bäumen lebt, sei eine breite Straße ein ähnlich unüberwindbares Hindernis wie eine riesige Mauer, so Laurance. In den mehr als 3.000 Stunden, in denen Wissenschaftler die Tapanuli-Orang-Utans beobachtet haben, haben sie nicht einmal erlebt, dass sie auch nur einen Fuß auf den Boden setzten. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie sich ihren Lebensraum mit dem gefährdeten Sumatra-Tiger teilen.

Es hat Jahre gedauert, um ein paar der Tiere an die Gegenwart von Beobachtern zu gewöhnen, sagt Gabriella Fredriksson, eine Biologin des Sumatran Orangutan Conservation Programme. Für gewöhnlich dauert so etwas nur ein paar Wochen, aber die Orang-Utans waren enorm scheu, wie sie sagt – wahrscheinlich, weil sie von Einheimischen gejagt wurden. Außerdem hat es sehr lange gedauert, bis die Wissenschaftler ein vollständiges Skelett zum Vermessen fanden. Dieses offenbarte dann jedoch beträchtliche Unterschiede zu den zwei anderen Arten, darunter einen kleineren Schädel.

Am Rande der Ausrottung

Die schätzungsweise 800 Orang-Utans verteilen sich auf drei Populationen in einem knapp 1.100 Quadratkilometer großen Gebiet. Nur eine von den dreien, die aus etwa 500 Individuen besteht, gilt als groß genug, um überlebensfähig zu sein.

Ein Problem für den Erhalt der Population ist auch, dass sich Orang-Utans nur sehr langsam fortpflanzen. Die Weibchen haben ihren ersten Nachwuchs mit etwa 15 Jahren und bringen dann alle acht bis neun Jahre ein und in seltenen Fällen auch zwei Junge zur Welt. Das sei Fredriksson zufolge einer der Gründe, weshalb die Forscher seit Jahren versuchen, die drei Populationen wieder zusammenzuführen.

Nun soll ein Wasserkraftwerk mitten im wichtigsten Lebensraum der Orang-Utans entstehen – genau dort, wo die größte Bestandsdichte herrscht. Das Gebiet, das sich im Besitz des Landes befindet, unterliegt keinerlei offiziellen Naturschutzbestimmungen. Mit dem Kraftwerk werden Straßen und andere Infrastruktur kommen, die das Habitat der einzigen überlebensfähigen Population fragmentieren und die Art an den Rand der Ausrottung treiben werden, so Fredriksson.

North Sumatera Hydro Energy, das indonesische Unternehmen hinter dem Projekt, hat indonesischen Medien gegenüber erzählt, dass das Wasserkraftwerk nicht im Bereich des Primärwalds stehen wird und ein Großteil der 650 Hektar Land, die bebaut werden, wieder in ihren natürlichen Zustand zurückversetzt werden können. „Diese Behauptungen sind absolut lächerlich und das Unternehmen sollte dafür abgestraft werden, die Öffentlichkeit in Bezug auf die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen zu verwirren“, sagt Laurance. Sowohl die Internationale Finanz-Corporation der Weltbank als auch die Asiatische Entwicklungsbank verweigerten dem Projekt die Unterstützung, Laurance zufolge hauptsächlich aufgrund der Umweltproblematik.

Das Batang-Toru-Kraftwerk soll 2022 in Betrieb genommen werden und 510 Megawatt an Elektrizität erzeugen. Dafür soll ein 13 Kilometer langer und etwa 9 Meter breiter Tunnel durch einen Teil des Primärwalds gebaut werden. Die zugehörige Talsperre hat eine Besonderheit: Sie wird das Wasser 18 Stunden lang anstauen und dann während sechsstündiger Hauptbelastungszeiten freisetzen, um Strom zu erzeugen. Die Wassermassen, die damit plötzlich über die Landschaft hereinbrechen, werden sich beträchtlich auf den Fluss Batang Toru und die Siedlungen stromabwärts auswirken. Sie dürften zu Überschwemmungen führen und die Wanderung der wertvollen Fische des Flusses unterbrechen, wie Fredriksson sagt.

Experten bezweifeln zudem die Notwendigkeit eines solchen Projekts. Sumatra produziert aktuell mehr Strom, als es benötigt. Noch dazu gibt es in der Nähe ein Erdwärmekraftwerk, das ausgebaut werden könnte, ohne den Orang-Utans zu schaden, erklärt sie. Zu allem Überfluss wird das Kraftwerk in einer Region errichtet, in der es eine erhöhte Erdbebenwahrscheinlichkeit gibt. Erst 2016 forderte ein Beben der Stärke 4,6 in der Nähe der Stadt Banda Aceh 100 Menschenleben.

In einem Brief, den sie persönlich übergaben, forderten Wissenschaftler den indonesischen Präsidenten Joko Widodo dazu auf, den Bau des Kraftwerks zu stoppen und den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans zu schützen. Die internationale Organisation Avaaz hat eine Online-Petition mit demselben Ziel gestartet und bereits mehr als 1,3 Millionen Unterschriften gesammelt.

„Das Schicksal einer ganzen Art liegt in Ihren Händen“, heißt es in der an den Präsidenten gerichteten Nachricht.

„Ich glaube, die Regierung wird sich der Problematik langsam bewusst“, resümiert Fredriksson.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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