Fotografie

Orang-Utan-Porträt: Gewinner mit düsterer Geschichte

Die denkwürdige Aufnahme ist das Gewinnerbild des Wettbewerbs zum Naturfotografen des Jahres 2017.Mittwoch, 20. Dezember 2017

Von Rachel Brown
Bilder Von Jayaprakash Joghee Bojan
Die ungezügelte Ausbreitung von Palmölplantagen auf Borneo verschlimmert die Situation dieser vom Aussterben bedrohten Tierart. Der Verlust von immer mehr Lebensraum treibt die Baumbewohner zu ungewöhnlichem Verhalten – zum Beispiel zur Überquerung von Flüssen, in denen Krokodile lauern.

An einem Augustmorgen im Nationalpark Tanjung Puting auf Borneo zog Jayaprakash Joghee Bojan seine Schuhe aus, hob seine neue Kamera hoch und glitt in das kalte Wasser, das von den Gerbstoffen überschwemmter Wurzeln rötlich braun gefärbt war.

Zentimeter für Zentimeter schritt Bojan voran und vertraute den Rangern, dass sie ihm Bescheid geben würden, sollte sich ein Krokodil nähern. Er bewegte sich vorsichtig, um den männlichen Orang-Utan nicht zu erschrecken, der nur wenige Meter von ihm entfernt durch den Fluss watete. (Lesenswert: Neue Orang-Utan-Art ist seltenster Menschenaffe der Welt)

„Ehrlich gesagt wird man manchmal einfach blind, wenn so etwas passiert“, erzählte Bojan National Geographic später. „Man spürt den Schmerz nicht, man spürt die Mückenstiche nicht, man spürt die Kälte nicht, weil man völlig auf das konzentriert ist, was sich vor einem abspielt.“

Bojan wusste, dass er etwas Besonderes beobachtete. Orang-Utans sind für ihre Scheu vor dem Wasser bekannt. Ihre langen Arme eignen sich besser zum Herumschwingen in Bäumen als zum Hundepaddeln. Der ungewöhnliche Anblick verwunderte ihn deshalb. Warum sollte dieser Baumbewohner sich an der gefährlichen Durchquerung eines Flusses versuchen?

Es ist möglich, dass der großflächige Verlust von Lebensraum durch die Entwaldung und die anschließend entstehenden Palmölplantagen die vom Aussterben bedrohten Primaten in Gebiete treiben, die sie zuvor gemieden haben. Ob nun aber wirklich Palmölplantagen hinter dem untypischen Verhalten des Orang-Utans stecken oder nicht: Sein misstrauischer Gesichtsausdruck und seine schutzlose Haltung machen es dem Zuschauer leicht, sich die Bedrohungen vorzustellen, mit denen er zu kämpfen hat.

Es ist dieses Gefühl eines seltenen, folgenschweren Moments, der die Jury des Wettbewerbs zum Naturfotografen des Jahres 2017 dazu bewegte, Bojans Foto zum Gewinnerbild zu erklären. Aber fast wäre das Bild gar nicht entstanden.

BESONDERER MOMENT

Bojan wuchs in den Hügeln des Distrikts Nilgiris im indischen Bundesstaat Tamil Nadu auf. Umgeben von wilden Tieren entwickelte er schon früh eine Liebe zur Natur. Während der 18 Jahre, die er in Bangalore gearbeitet hat, war er als Hobbyfotograf tätig. 2013 holte er sich dann seine erste digitale Spiegelreflexkamera und trat der Your Shot Community von National Geographic bei.

Später gab er seinen Job auf und zog nach Singapur, um sich voll und ganz dem Reisen und der Fotografie zu widmen. Wenig später sah der selbstgelernte Fotograf dann seltene und gefährdete Primaten im Zoo von Singapur. 

„Da hat etwas klick gemacht“, sagt Bojan. „Ich wollte diese Arten da draußen in der Wildnis sehen.“

Die letzten neun Monate ist er durch Südostasien gereist und hat einige der charismatischsten Primaten der Region fotografiert. Seine Mission führte ihn auch in den Nationalpark Tanjung Puting in der Region Kalimantan auf Borneo. Mit der Hilfe der Ökotourismus-Führer von Orangutan Trekking Tours – einer Gruppe, die von seinem Freund Arbain gegründet wurde – konnte Bojan innerhalb von acht Tagen elf wilde Orang-Utans fotografieren. 

Aber irgendetwas fehlte. „Ich war von meinen Bildern nicht überzeugt“, sagt Bojan.

Dann erzählte ein Ranger ihm von einem Orang-Utan etwa 65 Kilometer entfernt, der manchmal den Fluss Sekonyer überquerte. Bojan – dem klar war, wie ungewöhnlich das war – warf das Hausboot an und machte sich auf den Weg.

Nach einem ganzen Tag des Wartens hatte er das Tier noch immer nicht gesehen. Obwohl seine Zeit im Park langsam ablief, beschloss er, noch einen weiteren Tag zu warten. Am nächsten Morgen erzählte ihnen ein Ranger, der den Fluss per Kanu patrouillierte, dass er den Orang-Utan ein paar Minuten den Fluss hinauf gesehen hatte.

Das war der Moment, auf den Bojan gewartet hatte – das seltene Verhalten, das er festhalten wollte. Als sich das Team näherte, hielt Bojan das Boot auf Abstand, um den Orang-Utan nicht zu verschrecken. „Ich hatte eine ganze Weile damit verbracht, gedanklich dieses Konzept zu entwerfen“, sagt er. „Und ich wusste, dass ich das Bild, das ich haben wollte, nur bekommen würde, wenn ich in den Fluss stieg.“

Also ging er über Bord.

Galerie ansehen

Das Krokodilproblem – welches Bojan als „ein bisschen heikel“ beschrieb – kam nie auf. Im Laufe einer halben Stunde konnte Bojan den Fortschritt des Affen bei der Durchquerung dokumentieren.

Der Höhepunkt der Sequenz: der Moment, als der Orang-Utan in die Kamera blickt.

ÖL UND WASSER

Etwa die Hälfte aller verpackten Lebensmittel in den Supermarktregalen enthalten Palmöl. Fast 90 Prozent davon stammt aus Plantagen auf entwaldeten Gebieten in Indonesien und Malaysia. Obwohl einige Palmölhersteller und -händler gewisse Schritte zur Eindämmung der Entwaldung unternommen haben, schreitet die Zerstörung größtenteils ungehindert voran.

Die Waldrodung zugunsten der Plantagen zerstört nicht nur den Lebensraum der Orang-Utans – sie bringt die Tiere auch enger in Kontakt mit Menschen. In Ermangelung ihrer üblichen Nahrungsquellen – Früchte, Blätter, Sprösslinge – wenden sich die verhungernden Tiere den jungen Ölpalmen zu, weshalb sie von Bauern als gefährliche Schädlinge angesehen werden. Andere Orang-Utans – besonders Jungtiere, die ihre Eltern durch Jäger und wütende Bauern verloren haben – werden gewildert und auf dem Schwarzmarkt verkauft.

“Ich finde, dass der Orang-Utan [den Preis] mehr verdient als ich.”

Diese diversen Bedrohungen sind besonders für so scheue Tiere gefährlich, die nur langsam heranwachsen und deren Weibchen nur alle acht Jahre Nachwuchs zur Welt bringen. Laut Schätzungen der Weltnaturschutzunion wird die Orang-Utan-Population 2025 eine Grenze erreicht haben, bei der sie innerhalb von 75 Jahren und 82 Prozent geschrumpft ist. Für einen Orang-Utan sind das gerade mal drei Generationen.

Bojan hat sich diese ernüchternde Situation sehr zu Herzen genommen. „Wenn man von Jakarta nach Borneo fliegt“, sagt er, „sieht man wirklich nichts Anderes als Palmölplantagen.“ Obwohl er sich der Komplexität der Situation bewusst ist – Palmölplantagen schaffen Arbeitsplätze und einen wirtschaftlichen Aufschwung, den viele Gebiete dringend brauchen –, hat er Mitgefühl mit den Orang-Utans.

„Es ist einfach, sich mit ihnen zu identifizieren, weil ich sie in ihrem Verhalten und Aussehen so menschlich finde. Sie haben freundliche Gesichter und weiche Herzen.“

Es ist eine umfassende politische Kursänderung nötig, aber ein bisschen Hilfe gibt es bereits: Arbains „grünes Team“ – eine Gruppe von Einheimischen, deren Arbeit im Bereich Ökotourismus den Menschen beibringt, wie wichtig der Erhalt dieses Lebensraumes ist. Die Gruppe investiert einen Teil ihrer Einkünfte darin, Land aufzukaufen, damit es nicht an Palmölplantagen verkauft wird.

„Es ist großartig zu sehen, wie verrückt und leidenschaftlich sie sind“, sagt Bojan.

Er will einen Teil seines Preisgeldes von diesem Wettbewerb an Arbains Gruppe spenden, um ihre Naturschutzarbeit zu unterstützen – und um sich selbst mehr in den Naturschutz einzubringen. 

„Ich freue mich, dass ich den Wettbewerb gewonnen haben“, sagt er, „aber ich bin auch sehr glücklich, dass gerade dieses Bild gewonnen hat, weil ich finde, dass der Orang-Utan es mehr verdient als ich.“ (Lesenswert: Extrem seltener Albino-Orang-Utan in Indonesien entdeckt)

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen