Tiere

Giftraupe breitet sich weiter in Deutschland aus

Aktuell häufen sich aus vielen Regionen in Deutschland Meldungen über Massenvorkommen des Eichenprozessionsspinners. Die Brennhaare der Nachtfalterraupen lösen heftige Allergien aus.Friday, June 7

Von Jens Voss
Raupennest: Eichenprozessionsspinner legen ihre bis zu 300 Eier bevorzugt an Eichenzweigen ab. Die Gespinste können bis zu einem Meter lang werden.

Die Eltern sind unscheinbar und harmlos. Für Angst und Schrecken sorgt der Nachwuchs. Wenn es ab Mai richtig warm wird, entwickeln die Raupen des Eichenprozessionsspinners ihre gefürchteten Brennhaare. Sie enthalten das Nesselgift Thaumetopoein, mit dem sich die Tiere vor Feinden schützen. Der Kontakt kann starke gesundheitliche Schäden bei Mensch und Tier verursachen. Dafür muss man den Nachtfalterraupen noch nicht mal richtig nahekommen. Der Wind kann die mit winzigen Widerhaken bewehrten Gifthärchen hunderte Meter weit verbreiten.

Asthma und allergische Schocks

„Einem Juckreiz folgen meist Hautentzündungen“, warnt Sabine Krömer-Butz von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. „Sie reichen von lokalen Hautausschlägen bis zu Quaddeln am ganzen Körper, Bronchitis, Asthma, Schwindel, Fieber und allergischem Schock. Häufig kommt es zur Reizung der Schleimhäute der Augen und Atemwege.“ Und weil die tückischen Härchen eine lange Haltbarkeit besitzen, reichern sie sich über mehrere Jahre im Unterholz und im Bodenbewuchs an.

Das Dilemma: Der Eichenprozessionsspinner hat sich in den vergangenen Jahren rasant und inzwischen in allen Bundesländern ausgebreitet. Experten vermuten den Grund im Klimawandel. Der graue Nachtfalter liebt warm-trockene Regionen. Bevorzugt besiedelt das rund 30 Millimeter kleine Insekt lichte Eichenwälder, Waldränder, Alleen und Einzelbäume. Die Weibchen legen ihre bis zu 300 Eier bevorzugt an ein- bis dreijährigen Eichenzweigen ab. Die Raupen wandern in langen Reihen (daher der Name) über die Bäume und fressen die frischen Blätter meist vollständig ab. Damit kann der Eichenprozessionsspinner auch den Bäumen gefährlich werden.

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Mehr Raupen als im Vorjahr

Besonders starke Populationen gibt es, wenn die Frühjahrsmonate mild waren und im Spätsommer mit Falterflug und Eiablage trockenes Wetter mit wenig Wind herrscht. „Aktuell häufen sich die Meldungen über Massenvorkommen aus vielen Regionen in Deutschland.“, betont Krömer-Butz. In diesem Frühjahr seien die Bedingungen für die Raupen bisher besonders gut gewesen. Es gebe aktuell mehr Tiere als im Vorjahr. Immer wieder müssen Schulen geschlossen, sowie Straßen und Parks vorübergehend gesperrt werden.

Zum Schutz des Menschen empfiehlt das Bundesumweltamt, Warnschilder in den betroffenen Gebieten aufzustellen und das Areal gegebenenfalls abzusperren. Sind Bäume in der Nähe von Siedlungen befallen, rücken professionellen Schädlingsbekämpfer an, um die Raupennester abzusaugen und zu verbrennen. Im Extremfall rät die Behörde zu Sprüheinsätzen mit Bioziden. Die Schädlingspräparate enthalten einen Bazillus, der die Darmwand des Eichenprozessionsspinners schädigt und schließlich zum Absterben führt.

Die alten Larvenhäute bleiben nach der Häutung in den Gespinstnestern. Deshalb ist die Konzentration der Gifthaare oft hoch. Sie besitzen eine lange Haltbarkeit und können sich über mehrere Jahre in der Umgebung anreichern.

Kritik an Biozideinsatz

Doch Umweltschützer wie der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) haben Bedenken. Durch die Gifteinsätze könnten viele Schmetterlingsarten und auch andere Tierarten in Deutschland betroffen sein. „Die Wirkungszusammenhänge der Pestizidbehandlung auf Vögel, Fledermäuse, aber auch Kleinsäuger, die die vergifteten Raupen oder Schmetterlinge fressen, sind bisher nicht geklärt“, sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Um die Artenvielfalt in den ökologisch wertvollen Eichenwäldern nicht zu gefährden, müsse auf den Pestizideinsatz verzichtet werden.

Leichteres Spiel haben die wenigen natürlichen Feinde der Giftraupen. Dem Kuckuck etwa kann das Nesselgift nichts anhaben. Er besitzt die Fähigkeit, seine Magenschleimhaut mit den darin festsitzenden Brennhaaren herauszuwürgen.

Jens Voss

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