Tiere

Singvögel: Wird es still in Deutschland?

Artensterben Donnerstag, 9 November

Von Lisa Srikiow
Bilder Von NABU/Peter Lindel

Die Zahl der Singvögel in Deutschland sinkt stetig. Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie erklärt, was genau den Vögeln das Leben schwer macht - und warum wir Menschen der Natur mehr Platz einräumen müssen. 

Grüne Felder und Landschaften sieht man in Deutschland zuhauf. Wie kann es sein, dass gleichzeitig die Vogelpopulationen schrumpfen?
Dieses Grün täuscht. Intensiv genutzte Landschaften sind monoton und für unsere heimischen Vogelarten oft völlig nutzlos. Auf sehr vielen Feldern wird heutzutage Mais angebaut, als Nahrungs- oder Brutplätze für die Kleinvögel eignet er sich jedoch nicht. Außerdem fehlen oftmals Brachflächen, Hecken und Büsche. Arten wie das Rebhuhn finden somit keinen Unterschlupf mehr.

Welche Arten sind besonders bedroht?
Laut der Roten Liste der Brutvögel gelten über 40 Prozent der Arten als gefährdet. Wir beobachten, dass es inzwischen vor allem ganz „gewöhnliche“ Arten sind, deren Bestände wegbrechen, während wir einige der großen Arten – zum Beispiel Weißstorch, Kranich, Wanderfalke oder Uhu schützen konnten. Bei den „Allerweltsarten“ denke ich zum Beispiel an den Haussperling. Früher war er so häufig, dass man ihn sogar als Ernteschädling aktiv verfolgt hat. Heute sieht man diese Vögel nur noch an wenigen Orten. Wir schätzen, dass man die heutigen Bestände der Haussperlinge verzehnfachen müsste, um auf die Anzahl der Nachkriegszeit zu kommen. Ein dramatischer Rückgang. Aber auch anderen Arten, wie der Feldlerche oder dem Feldsperling, geht es sehr schlecht. Leider fehlen uns oft die Daten aus frühen Jahrzehnten, um den tatsächlichen Rückgang quantifizieren zu können.

Warum?
Das Monitoring von Vögeln ist sehr aufwändig, damit begann man erst nach den 1970er Jahren. Dazu gehören Brutvogelkartierungen, Kolonieerfassungen oder die standardisierte Beringung von Vögeln. Wer ins Feld geht, muss zudem jedoch alle Vogelstimmen erkennen und die Arten richtig zuordnen können, sonst können die Beobachtungen nicht für Zählprogramme verwendet werden. Es gibt nur wenige professionelle Ornithologen, sie allein können diese Arbeit nicht leisten. Wir sind deshalb auf geschulte, ehrenamtliche Helfer angewiesen. Ohne die rund 8000 Freiwilligen, die bei den Projekten des Dachverbands Deutscher Avifaunisten mitarbeiten, und weiteren, die bei landesweiten Monitoringprogrammen beteiligt sind, wäre unsere Forschung noch schwieriger.  

Was sind die Gründe für das Vogelsterben?
Es gibt zahlreiche Baustellen. Die Landwirtschaft habe ich bereits erwähnt. Allerdings sollte man dem einzelnen Bauern keine Vorwürfe machen. Er arbeitet in einem System, das durch Subventionen Anreize für eine äußerst intensive Landwirtschaft setzt. Jeder Zentimeter wird als Anbaufläche genutzt und bringt Profit. Das führt jedoch dazu, dass Brachflächen oder Feldraine schwinden, in denen Vögel überleben könnten. Derzeit wird über eine EU-Landwirtschaftsreform beraten, ein wichtiger Schritt, wenn er die Belange des Naturschutzes stärker berücksichtigt. Ich plädiere dafür, ein Belohnungssystem für die Landwirte einzuführen, das die Schaffung von ungenutzten Bereichen honoriert.

“Wie sollen die Menschen vermissen, was sie nie kennenlernen konnten?”

von Hans-Günther Bauer

Auch Insektizide werden immer wieder in dem Zusammenhang mit Vogelsterben genannt.
Wenn es um den Artenreichtum in der Agrarlandschaft geht, reichen Hecken und Ackerraine natürlich nicht mehr aus, wenn ringsum intensiv genutzt und gespritzt wird. Die Intensität der agrarischen Flächennutzung mit Pestizid- und Düngemitteleinsatz ist entscheidend für die Artenvielfalt. Wir spritzen also viel zu viel - ohne im Einzelfall zu wissen, welche langfristigen Folgen dieses Handeln haben kann. Die Konzerne bringen nur den Nachweis darüber, dass Schädlinge getötet werden. Das ist schließlich ihr Verkaufsargument. Ob auch andere Tiere direkt oder indirekt betroffen sind, zeigt sich mitunter erst, wenn die Mittel längere Zeit eingesetzt wurden.

In Indien wurde beispielsweise das Medikament Diclofenac bei Nutztieren angewendet, allerdings gelangte es über die Nahrungskette auch auf den Speiseplan der Geier. Die Vögel verendeten in Massen. Bis man den Zusammenhang erkannte, waren die Bestände der Geierarten weitestgehend erloschen. Doch Diclofenac wird in Europa und Afrika weiter verwendet, mit absehbar verheerenden Folgen für die Geier. Bei uns werden seit Jahren Insektizide wie Neonicotinoide kritisiert, die zum Beispiel gegen Blattläuse eingesetzt werden. Mittlerweile ist belegt, dass der Wirkstoff auch Bienen tötet. Doch es dauert zu lange, bis diese Toxine verboten werden. Ich weiß, dass man den Einsatz von Bioziden nicht einstellen kann, aber man sollte ihn auf ein vernünftiges Maß reduzieren. Wir müssen der Natur mehr Platz zugestehen und als Gesellschaft insgesamt mehr Verantwortung für sie übernehmen. Leider fehlt es da noch an öffentlichem Bewusstsein.

Was genau meinen Sie damit?
Viele Menschen sind sich nicht im Klaren darüber, wie vielfältig die Tier- und Pflanzenwelt einmal bei uns war. Wie sollen sie vermissen, was sie nie kennenlernen konnten? Das ist natürlich nicht nur bei Vögeln so. Viele Menschen wissen nicht, dass in einem gesunden Wald auch krumme und morsche Bäume eine wichtige Bedeutung haben oder Totholz als wichtiger Lebensraum gebraucht wird.

Was kann man tun, um den Vögeln zu helfen. Zufüttern?
Es gibt Experten, die das befürworten. Allerdings ist das wohl eher als Notlösung in einer stark ausgeräumten und überformten Landschaft gemeint. Besser wäre es, wenn jeder in seinem Garten anfangen und einfach etwas mehr Wildwuchs zulassen würde. Wiesenblumen und Insekten würden so zurückkehren und die Vögel wären wieder in der Lage, ihr Futter selbst zu finden. Ob im Wald, in unseren Gärten oder Äckern - wir Menschen räumen einfach viel zu viel auf. Das macht es anderen Lebewesen zunehmend schwerer, neben uns zu existieren. 

Dr. Hans-Günther Bauer ist Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell. 

Wei­ter­le­sen