Tiere

Stimmerkennung: Ziegen „hören“ die Emotionen von Artgenossen

Ziegen scheinen ein feines Gespür für die Gefühle anderer Ziegen zu besitzen. Was bedeutet das für ihre Haltung?Donnerstag, 18. Juli 2019

Von Natasha Daly
Ziegen sind intelligente und soziale Tiere. Eine neue Studie zeigt, dass sie anhand von Lautäußerungen erkennen können, ob andere Ziegen fröhlich oder frustriert sind.

Wie Tiere die Welt erleben, ist uns zu großen Teilen noch immer ein Rätsel.

Das gilt auch für besonders kluge und soziale Tiere wie Ziegen, deren Charisma ihnen zu ihrem eigenen YouTube-Subgenre verholfen hat: Es gibt Dutzende Videos mit witzigen, frechen und niedlichen Ziegen, die von Millionen Menschen angesehen wurden. Schutzzentren wie Goats of Anarchy, die sich um verstoßene und verwahrloste Ziegen kümmern, haben auf Instagram zahlreiche engagierte Follower.

Es kann schon verlockend sein, die ausdrucksstarken und geselligen Tiere zu vermenschlichen. Tatsächlich wissen wir aber sehr wenig darüber, was und wie andere Tiere denken und fühlen. Stück für Stück scheint sich für uns aber ein Fenster in die Welt der tierischen Kognition zu öffnen.

Eine Studie, die im Juli 2010 in „Frontiers in Zoology“ erschien, hat bestätigt, dass Ziegen anhand von Lautäußerungen erkennen können, ob Artgenossen zufrieden oder verstimmt sind. Mit anderen Worten: Sie wissen, wie andere Ziegen sich fühlen. Diese Erkenntnis könnte sich darauf auswirken, wie Ziegen wegen ihres Fells, ihrer Milch, ihrer Wolle oder einfach als Begleittiere gehalten und behandelt werden.

Ganz grundlegend zeige die Studie laut ihrem Hauptautor Luigi Baciadonna, dass „sie sich ihrer Umwelt bewusst sind“. Damit reihen sie sich in eine Gruppe anderer Tiere wie Pferde, Primaten und Schafe ein, die nachweislich in der Lage sind, die Gefühle ihrer Artgenossen zu erkennen.

Die Forscher, die an der Studie beteiligt waren, hatten zuvor herausgefunden, dass Ziegen ihre Gefühle über ihre Stimme ausdrücken können. Daraufhin beschloss ein größeres Team der Frage nachzugehen, ob andere Ziegen diese Gefühle auch erkennen konnten. „Wenn man die Auswirkungen von Emotionen auf andere nicht erforscht, lässt man einen wichtigen sozialen Aspekt aus“, sagt Baciadonna, ein Forschungsassistent an der Queen Mary University of London.

Die Gruppe arbeitete mit 24 Ziegen des Buttercup Sanctuary for Goats im englischen Kent. Dort kümmern sich Pfleger um verwaiste und misshandelte Ziegen.

Ziegen-Hörtest

Die Forscher nahmen die Rufe einzelner Ziegen auf, wenn diese gerade ihre Freude ausdrückten – weil es zum Beispiel Futter gab – oder ihr Missfallen, wenn sie für fünf Minuten von der Herde getrennt wurden oder andere Ziegen beim Fressen beobachteten, das Futter selbst aber nicht erreichen konnten.

Die Aufnahmen spielten sie dann anderen Ziegen vor, deren Herzschläge mit einem Herzmonitor überwacht wurden. Sie entdeckten, dass die Ziegen aufmerksamer wurden, wenn sie zwischen den fröhlichen und missmutigen Aufnahmen wechselten – die Ziegen erkannten also anscheinend einen Unterschied. Wenn die Tiere den fröhlichen Rufen lauschten, wurden die Abstände zwischen ihren Herzschlägen größer – bei Säugetieren ein Zeichen des Wohlbefindens.

(Tierverhalten: Waschbären bestehen berühmten Intelligenztest – aber anders als geplant)

Die Forscher setzten die „frustrierten“ Ziegen allerdings keinen allzu stressigen Situationen aus, sodass ihre Rufe noch weit von gequälten Schreien entfernt waren, sagte Baciadonna. Für das menschliche Ohr waren die fröhlichen und die frustrierten Rufe kaum zu unterscheiden. Die Ziegen selbst schienen den frustrierten Rufen jedoch mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den zufriedenen.

Das sei nur logisch, wie Baciadonna erklärt. „Wenn es eine [potenzielle] Gefahr gibt, sollte man natürlich wachsamer sein, als wenn man auf einer Party gemeinsam mit Freunden etwas isst.“

Kristina Horback ist eine Professorin am Institut für Tierwissenschaften der University of California in Davis. Sie selbst ist von den Befunden nicht überrascht. „Evolutionär macht das einfach Sinn“, schrieb sie in einer E-Mail. Sie verweist darauf, dass es für alle Tiere – auch Menschen – von Vorteil ist, sich auf Hinweise von Artgenossen verlassen zu können, „die kommunizieren, dass es in der Umgebung etwas gibt, was sich auf ihr Überleben auswirken könnte“.

Was heißt das für die Ziegen?

Der Schlüssel liegt Baciadonna zufolge darin herauszufinden, ob Emotionen auf irgendeine Weise ansteckend sind. Wenn eine Ziege beispielsweise erkennt, dass ein Artgenosse gestresst ist, würde dann auch sie selbst Stress empfinden?

Falls dem so wäre, fragt er sich, was Menschen, die Ziegen halten, mit dieser Information anfangen würden. „Wenn wir ein Tier unter schlechten Bedingungen [ärztlich] behandeln“ und damit frustrierte Lautäußerungen hervorrufen würden, „könnte das Konsequenzen haben. […] Das könnte sich über eine ganze Gruppe von Tieren ausbreiten. Es liegt an uns, ob wir das auf eine positive oder negative Weise nutzen.“

Ziegen scheinen erkennen zu können, ob Artgenossen zufrieden oder gestresst sind. Besonders für Ziegenhalter könnte diese Erkenntnis von Belang sein.

Baciadonna hofft, dass seine Studie der komplexen Natur der Ziegen noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen wird und als Baustein für die weitere Forschung über ihre innerartliche Kommunikation und Beziehung dienen kann. „Es ist gar nicht ungewöhnlich, dass dieselben Ziegen ihr ganzes Leben miteinander verbringen.“

Tiere und Empathie

Es geht auch um die Frage der Empathie – die Fähigkeit, die Emotionen anderer nicht nur zu erkennen, sondern auch wirklich zu verstehen und mitzufühlen. Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die gezeigt haben, wie schwierig es ist, diese Fähigkeit bei nicht menschlichen Tieren einschätzen zu können. Einige Forschungen lassen erkennen, dass Tiere wie Ratten, Hühner und Hunde zumindest Anzeichen von Empathie zeigen. Andere Studien wiederum stellen infrage, ob diese Tiere Empathie auf die gleiche Weise wie wir empfinden.

Leanne Lauricella, die Gründerin von Goats of Anarchy in New Jersey, wäre nicht im Mindesten überrascht, wenn künftige Studien beweisen würden, dass Ziegen die Gefühle ihrer Artgenossen nachempfinden können. Sie kann zahllose Geschichten über die komplexen Beziehungen erzählen, die sich zwischen ihren geretteten Ziegen entwickelt haben.

Die Tiere mit engen Beziehungen „fressen zusammen, spielen zusammen und liegen zusammen in der Sonne“, erzählt sie. „Als eines unserer kleinen Zicklein seine Zwillingsschwester verloren hat, hat sich eine unserer anderen Ziegen neben sie gelegt und mit ihr gekuschelt und sie getröstet.“

„Die Fähigkeiten der Ziegen werden oft unterschätzt“, ist sich auch Baciadonna sicher.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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