Tiere

Allein unter Wölfen

30 Stunden hat unser Autor mit einem Wolfsrudel in der arktischen Tundra Kanadas verbracht. Er hat ihren Atem gespürt und ihre Mägen grummeln gehört. Er wird diese Begegnung niemals vergessen. Donnerstag, 26. September 2019

Von Neil Shea
Bilder Von Ronan Donovan
Ein männlicher Jährling, von unserem Filmteam Gray Mane („Graumähne“) genannt, läuft dem Rudel Polarwölfe auf Beutesuche voran. Die Jagd dauerte fast zwei Tage und erstreckte sich über etwa hundert Kilometer. Im Sommer 2018 filmten die Dokumentarfilmer das Rudel ganz aus der Nähe

Das Licht schien blau an diesem frühen Morgen in der Arktis, als sieben Wölfe über einen gefrorenen Tümpel schlitterten. Jaulend und quietschend jagten sie einem Stück Eis hinterher, etwa so groß wie ein Puck. Hin und her wetzten sie über den Teich: Die vier Welpen rangelten um den Puck, die drei älteren Wölfe warfen die jungen um und drückten deren kleinen Körper ins gefrorene Gras am Ufer. „Albern“ schrieb ich in mein Notizbuch. Der größte Wolf war ein prächtiger Kerl, ein männlicher Jährling von vielleicht 30 Kilo. Die Kleinste, das Sorgenkind des diesjährigen Wurfs, war kaum größer als ein Sofakissen und hatte schwarz umrandete Augen. Die Tundra lag still, nur das Zetern der Vögel und dazwischen die Stimmen der Wölfe und das Scharren ihrer Klauen auf dem Eis. Irgendwann rutschte der Puck ins Gras. Dann, einer nach dem anderen, drehten sich die Wölfe um und blickten zu mir.

Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben – der Moment, wenn einen ein Raubtierrudel fixiert und man dem Blick ein Dutzend Herzschläge lang standhält. Mein Körper erkannte die Situation instinktiv: Ich fing wieder an zu schaudern, doch diesmal nicht vor Kälte. So niedlich sie gespielt hatten – sie blieben wilde Wölfe. Blut hatte ihr weißes Fell dunkel gefärbt. Der Kadaver, von dem sie vorhin gefressen hatten, lag in der Nähe, mit aufgeknacktem Brustkorb und Rippen.

Die Wölfe beobachteten mich schweigend, aber sie verständigten sich untereinander durch ein Zucken der Ohren und durch die Schwanzhaltung. Als ob sie gerade einige Entscheidungen träfen. Und nach ein paar Augenblicken kamen sie näher.

Ein männlicher Jährling, von unserem Filmteam Gray Mane („Graumähne“) genannt, läuft dem Rudel Polarwölfe auf Beutesuche voran. Die Jagd dauerte fast zwei Tage und erstreckte sich über etwa hundert Kilometer. Im Sommer 2018 filmten die Dokumentarfilmer das Rudel ganz aus der Nähe.

Deshalb war ich nach Ellesmere Island gekommen, hoch in die kanadische Arktis, und hatte mich einem Team von Dokumentarfilmern angeschlossen. Der Landstrich ist so abgelegen und im Winter so kalt, dass es selten Menschen hierher verschlägt. An der Westküste der Insel befindet sich die Wetterstation Eureka, die ganzjährig mit acht Leuten besetzt ist. Die nächste Ortschaft Grise Fiord (129 Bewohner) liegt 400 Kilometer südlich. Etwa 1600 Kilometer weiter findet man die erste Pflanze, die man als Baum bezeichnen könnte.

Die Wölfe auf Ellesmere Island gehören zur selben Spezies von Canis lupus, die in den nördlichen Rocky Mountains, fast ganz Kanada und in kleinen, vereinzelten Populationen in Europa und Asien lebt. Doch diese hier wurden noch nie gejagt, noch nie von Neubauten vertrieben, von Ranchern vergiftet oder mit Fallen erlegt. Nur ein paar Wissenschaftler haben sie je erforscht.

Das heißt aber nicht, dass die Wölfe nie auf Menschen treffen. Die Angestellten der Wetterstation sehen sie oft, manchmal sogar große Gruppen direkt auf dem Stationsgelände. Meine Freunde vom Filmteam hatten sich bei dem Rudel, das ich ein paar Wochen lang beobachten durfte, sozusagen eingeladen: Sie folgten deren unermüdlichen Wanderungen auf Quads.

An jenem Tag näherte sich das Rudel langsam, die Köpfe gesenkt, um Witterung aufzunehmen. Es war Anfang September, bei minus drei Grad. Der arktische Sommer war vorbei, auch wenn die Sonne jeden Tag noch um die 20 Stunden schien.

Ich war allein und unbewaffnet. Meine Freunde filmten gerade acht Kilometer weiter südlich. Die Wölfe umzingelten mich wie Rauch. Die unterschiedlichen Fellzeichnungen sah ich jetzt in Nahaufnahme: der männliche Jährling mit den grauen Haaren am Nacken, ein Weibchen mit einem verletzten linken Auge, wohl vom Kampf mit einem Moschusochsen. Die Welpen mit den schwarzen Schwanzspitzen, die bald weiß werden würden. Sie rochen nach dem Moschusblut, in dem sie sich gewälzt hatten.

Die Welpen hoppelten mit etwas Abstand vorbei, noch ungelenk auf den enormen Pfoten. Aber die älteren Wölfe kamen dichter heran. Ein Weibchen, vielleicht zwei, drei Jahre alt, lief forsch auf mich zu und blieb eine Armlänge entfernt stehen. Die Augen der Wölfin leuchteten bernsteinfarben, ihre Schnauze war dunkel von getrocknetem Blut oder verbranntem Müll von Eurekas Deponie, wo die Wölfe manchmal vorbeischauten. Ich blickte bewegungslos zurück.

Sie musterte mich und zeichnete mit ihrer Schnauze in die Luft. Dann drückte sie mir die Schnauze an den Ellenbogen. Es fühlte sich elektrisierend an – und ich zuckte. Die Wölfin sprang zurück. Sie blickte sich noch einmal um und trottete zu ihrer Familie, die schon die Gesichter zum Resteessen in den Moschusochsen vergraben hatte.

Man ist versucht, Wölfe mit Hunden gleichzusetzen – gesellig, einfach gestrickt in Sachen Appetit und Neigungen. Aber das Weibchen mit dem Bernsteinblick hatte mir direkt in die Augen gesehen, und fast war es, als hätte ich den Funken einer brillanten Intelligenz erhascht, weit über alles hinaus, was ich je bei einem Tier gesehen habe. Es war, als ob wir uns bis in unsere DNA hinein erkannten. Wie der Mensch ist auch der Wolf eines der anpassungsfähigsten Tiere der Welt. Er lebt in Familienverbänden, die in gewisser Hinsicht Menschenfamilien mehr ähneln als die unserer engsten Verwandten, der Primaten.

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Kurz vor meiner Ankunft auf Ellesmere hatte das Rudel seine Mutter verloren. Sie war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und schmal in den Hüften, sie stand nur noch beschwerlich auf – und hatte doch eindeutig das Sagen. Vermutlich war sie die Mutter von jedem Wolf in dem Rudel, mit Ausnahme ihres Partners, eines schlanken Rüden mit schneeweißem Fell. Er war der wichtigste Jäger der Gruppe, aber sie war ihr Mittelpunkt.

Die Wölfe waren darüber immer noch in Aufruhr. Noch war nicht klar, wer der neue Anführer werden würde oder ob die Familie überhaupt gut zusammen jagen würde. Der Winter, die Hungerszeit, war bloß noch ein paar Wochen weg. Anscheinend wollte das junge Weibchen, das mich am Ellenbogen gestupst hatte, unbedingt die Rolle ihrer Mutter übernehmen, hatte aber wenig Lust, die Welpen durchzubringen.

Bei ihrem ersten Versuch, zusammen mit dem älteren Männchen eine Jagd anzuführen, war sie von einem Moschusochsen angegriffen worden. Das riesige Tier ging mit den Hörnern auf sie los. Es sah aus, als würde es sie aufspießen. Stattdessen sprang die Wölfin hoch und schlich davon, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt. Die Jagd war zu Ende.

Fast 30 Stunden lang saß ich mit den Wölfen dort am Tümpel. Ich wollte nicht, dass es vorbeigeht. Die Wölfe spielten, schliefen, kuschelten. Ich versuchte, Distanz zu wahren, aber die Wölfe kamen immer wieder vorbei, um mich zu inspizieren. Ich roch ihren abscheulichen Mundgeruch, hörte ihre scheußlichen Fürze.

Irgendwann baute ich etwas abseits ein Zelt auf, um ein paar Stunden schlafen zu können. Aber als ich kurz weg war, um Eis für Trinkwasser zu schmelzen, näherte sich das einäugige Weibchen und schlitzte das Zelt auf. Es zerrte alle meine Habseligkeiten auf den kargen Boden, reihte sie ordentlich auf und lief dann mit dem aufblasbaren Kissen davon.

Während die Wölfe schliefen, wanderte ich herum. Strähnen von Moschushaar, das die Tiere im Sommer abwerfen und das süßlich nach gemähtem Gras riecht, wehten über die Ebene. Ein paar alte Moschusschädel versanken im Boden: der dicke Knochen gelb von Flechten, die Hörner in der Luft gekrümmt.

Stunden später wachte das Rudel wieder auf und versammelte sich zum typischen Ritual nach einem Nickerchen: Gesichtablecken und Schwanzwedeln. Dann brachen die älteren Wölfe nach Westen zu einem Jagdrevier auf. Die vier Welpen ließen sie bei mir. Vertrauen war das nicht unbedingt, eher Lässigkeit. Ich war weder Beute noch Bedrohung, sondern irgendetwas Drittes, und die älteren Wölfe wussten das.

Nachdem der letzte von ihnen aus dem Blickfeld verschwunden war, beschlossen die Welpen hinterherzurennen. Ich folgte, und bald hatten wir uns alle fünf verlaufen. Nachdem wir eine Stunde gewandert waren, setzten sich die Welpen an einem namenlosen Grat nieder und fingen an zu heulen mit ihren kleinen Stimmchen, die über die Felsen purzelten.

Diese Reportage wurde gekürzt. Lesen Sie den vollständigen Artikel  in Heft 10/2019 des National Geographic-Magazins!

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